Russell adelt neues Reglement - Wolff will mit "Skalpell sezieren"
Trotz seines bitteren Ausfalls in Montreal bricht George Russell nach dem harten Silberpfeil-Fight mit Kimi Antonelli eine Lanze für die viel kritisierten 2026er-Regeln
George Russell (Mercedes) ist weiterhin happy mit dem neuen Reglement
Foto: LAT Images
Für George Russell endete der Traum vom Sieg in Kanada in einem absoluten Albtraum. Ein Defekt an der Antriebseinheit zwang den Mercedes-Piloten in Runde 30 zur vorzeitigen Aufgabe und beendete einen bis dahin harten Fight mit seinem Teamkollegen und WM-Rivalen Andrea Kimi Antonelli. (Mehr dazu in unserer Kolumne)
Doch statt nach dem K.o.-Schlag in Frust zu versinken, nutzte der Brite das Medien-Echo, um eine flammende Rede für das oft gescholtene neue Reglement zu halten. Die beiden Silberpfeile hatten die Zuschauer auf den Tribünen zuvor regelrecht von den Sitzen gerissen. Nach einem schwachen Start von der Poleposition holte sich Russell die Führung in Runde 5 in der letzten Schikane zurück.
Antonelli verbremste sich beim Verteidigen, um ein Haar wären die beiden Boliden kollidiert. Danach belauerten sich die beiden Mercedes-Piloten rundenlang und tauschten mehrfach die Positionen. "Ich habe es geliebt", schwärmte Russell im Anschluss. "So einen Zweikampf hatte ich schon seit Jahren nicht mehr. Einen derartigen Schlagabtausch gab es wahrscheinlich nicht mehr, seit Lewis und Nico 2014 in Bahrain gegeneinander gefahren sind." (Zum Rennbericht)
Trügerischer Kanada-Effekt
Für den Briten ist klar, wem der Dank für diese Show gebührt: "Diese neuen Autos machen das möglich. Diese neuen Motoren lassen so etwas zu. Ich verstehe überhaupt nicht, warum irgendjemand etwas daran ändern will. Wir hatten schon in Melbourne fantastische Zweikämpfe, genau wie in China. Dass Kimi und ich uns hier so duellieren konnten, liegt einzig und allein an diesen Power-Units."
Ganz so einfach, wie Russell die Situation darstellt, ist die Realität allerdings nicht. Der Brite vergleicht hier sprichwörtlich Äpfel mit Birnen. Viele Überholmanöver der ersten Saisonrennen waren vom viel kritisierten "Jo-Jo-Effekt" geprägt - diktiert von Boliden, die mit völlig unterschiedlichen Batterieladeständen auf den Geraden aufeinandertrafen.
Auch der Vergleich mit dem legendären "Duel in the Desert" 2014 hinkt. Der Kampf zwischen Hamilton und Rosberg basierte damals auf unterschiedlichen Reifenstrategien auf extrem rauem Wüsten-Asphalt, nicht auf der schieren Motorleistung. (Zur Formel-1-Datenbank)
Kritik nicht dieselbe, die Unzufriedenheit schon
Die einzige echte Parallele zwischen Bahrain 2014 und Kanada 2026 ist die politische Großwetterlage. Beide Rennen fanden früh in einer Saison statt, in der neue Motorenregeln für massive Unzufriedenheit sorgten. Damals schimpften prominente Akteure über den fehlenden Sound der neuen V6-Hybride, heute geht es um die Leistungsentfaltung.
Dass das Rennen in Montreal den aktuellen Technik-Regeln ein derart schmeichelhaftes Zeugnis ausstellte, lag vor allem am Streckenlayout. Der Kurs in Montreal bietet kaum Spielraum für unterschiedliche Strategien beim Rekuperieren und Entladen der elektrischen Energie.
Zudem sorgten extrem kühle Temperaturen für rutschigen Asphalt und unruhige Boliden, was den gefürchteten Jo-Jo-Effekt zusätzlich unterdrückte. Doch hinter den Kulissen brodelt es derweil weiter.
Mercedes auf politischem Kurs
FIA, Teams und Motorenhersteller verhandeln bereits über Kompromisse, um das Verhältnis zwischen Verbrenner- und Elektroleistung für die kommende Saison anzupassen. Mercedes tanzt dabei aus der Reihe. Von Rennstall und Fahrern hört man kaum Kritik. Wohl auch, weil die Saison derzeit kaum besser für die Silberpfeile laufen könnte.
Toto Wolff rückt die Lobeshymnen seines Schützlings dennoch ein wenig zurecht und gibt zu, dass die Strecke die Schwächen des Reglements gut kaschiert hat. "Ich denke, dieses extrem gute Rennen war wirklich streckenspezifisch", analysiert der Mercedes-Teamchef. "Es werden auch wieder schwierigere kommen. Aber wir predigen ja schon lange, dass jedes einzelne Rennen für sich genommen gute Unterhaltung geboten hat."
Der Mercedes-Boss mahnt bei möglichen Regelanpassungen zur Vorsicht: "Wir müssen diese Regeln jetzt mit einem Skalpell sezieren und gezielt verbessern, anstatt völlig über das Ziel hinauszuschießen und alles eigentlich nur noch schlimmer zu machen."
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