Schwieriger Start: Wie Frank Williams sein eigenes F1-Team etablierte

Es war die Geburtsstunde von Williams, als Teamgründer Frank Williams 1977 allen Widrigkeiten zum Trotz einen kompletten Neuanfang in der Formel 1 wagte

Schwieriger Start: Wie Frank Williams sein eigenes F1-Team etablierte

Zwar trat Frank Williams bereits im Jahr 1969 zum ersten Mal mit einem privaten Brabham in der Formel 1 in Erscheinung. Als offiziellen Startpunkt des Teams, das wir heute kennen, sah er aber immer das Jahr 1977 an.

In der vorangegangenen Saison hatte sich der Brite mit dem wohlhabenden kanadischen Ölunternehmer Walter Wolf zusammengetan. Nach sieben Jahren endlosen finanziellen Kampfes schienen Williams' Träume in Erfüllung zu gehen.

Investor Wolf erwarb die Autos und Vermögenswerte des untergegangenen Hesketh-Teams und taufte den 308C in Wolf-Williams FW05 um. Die Saison 1976 sollte jedoch ein Desaster werden, denn die Autos waren hoffnungslos unterlegen.

Der ehrgeizige Wolf beauftragte Harvey Postlethwaite, der im Rahmen des Hesketh-Deals hinzugestoßen war, mit der Entwicklung eines brandneuen Autos für 1977.

Ende 1976 holte er dann den Ex-Lotus-Mann Peter Warr als Teammanager. Williams, fortan mit der Suche nach Sponsoren beauftragt, wurde so aus der Organisation verdrängt, die er einst als Frank Williams Racing Cars gegründet hatte.

Die Gründung von Williams Grand Prix Engineering

Als das Wolf-Team im Januar 1977 mit seinem neuen WR1 in Argentinien antrat und Jody Scheckter gewann, war er nicht dabei. Aus Frustration darüber, dass er verdrängt wurde, verließ Williams das Wolf-Team und beschloss, noch einmal ganz von vorne anzufangen, indem er Williams Grand Prix Engineering gründete.

Nach all den Jahren harter Arbeit seit seinem Debüt mit Piers Courage im Jahr 1969 hatte er nichts mehr, da er seine hart erkämpfte Mitgliedschaft in der FOCA (Formula One Constructors Association) durch den Wolf-Deal verloren hatte.

Williams stand jedoch in Kontakt zu dem belgischen Fahrer Patrick Neve, der vom Belle Vue Brauereikonzern gesponsert wurde. Nachdem dieser in Großbritannien in der FF1600 und der Formel 3 einigermaßen erfolgreich war, bekam er Anfang 1976 bei RAM eine Chance in der Formel 1, wo er bei seinem Heimrennen in Zolder an den Start ging. Er fuhr zudem für Ensign in Frankreich.

1997 nahm Neve an der International Trophy (Formel 2) in Silverstone teil, wo sensationell Dritter wurde. Doch leider konnte er diese Leistung, nachdem Williams ihn unter Vertrag genommen hatte, bei seinen Einsätzen in der Formel 1 nicht wiederholen.

In der Zwischenzeit fand Williams eine bescheidene Zusatzsumme von einem Mann, der Saudia Airlines vertrat, und war überzeugt, dass dessen Chefs die Rennen mögen würden.

Patrick Head, Frank Williams

Patrick Head und Frank Williams bei der Vorstellung des Williams FW06

Foto: Motorsport Images

Mit Patrick Head hatte er zudem noch ein Ass im Ärmel. Er war ursprünglich Ende 1975 zu Williams gekommen, kurz bevor der Wolf-Deal abgeschlossen wurde. Head, der damals unter Postlethwaite am WR1-Projekt arbeitete, reizte die Herausforderung, für die folgende Saison ein Auto von Grund auf zu entwickeln.

"Ich war immer noch bei Wolf und war gerade bei einem Test in Südafrika", erinnert er sich. "Frank rief mich an und sagte: 'Ich habe wieder angefangen. Wir haben ein Budget für zehn Rennen, willst du dabei sein?' Ich sagte, ich würde darüber nachdenken."

Head kam schließlich zurück: "Die Zeit war reif, mein eigenes Ding zu machen. Im ersten Jahr benutzten wir das Auto eines anderen, und 1978 machten wir dann unser eigenes. Ich glaube aber nicht, dass ich viel über das erste Jahr hinaus gedacht habe."

Williams und Head brechen in ihre eigene Fabrik ein

Franks Hauptaufgabe war es, ein gebrauchtes Chassis zu finden. Er entschied sich für einen March 761, und nachdem er Max Mosley die stolze Summe von 14.000 Pfund gezahlt hatte, erwarb er vier gebrauchte Cosworth DFV zu Schnäppchenpreisen.

Der nächste Schritt bestand darin, eine geeignete Fabrik zu finden. Die Wahl auf ein Gelände in Didcot, das schon einmal als Basis für Wolf in Betracht gezogen worden war. Es gab Verzögerungen bei der Erledigung des Papierkrams, aber an einem Datum, das sich in Heads Gedächtnis eingebrannt hat, zogen sie vorzeitig ein.

"Ich weiß nicht mehr, warum wir keinen Schlüssel hatten. Wir wollten einfach unbedingt loslegen. Der Grand Prix von Spanien stand vor der Tür, also brachen wir am 28. März 1977 ein. Die Fabrik hatte einen sehr schmutzigen Boden. Es war ein Teppichlager oder so etwas. Es gab keine Maschinen, keine Ausrüstung, nichts. Es musste alles eingerichtet werden, und wir wollten unbedingt loslegen."

Anfang Mai machte sich das Team dann auf den Weg nach Jarama: "Wir hatten einen etwas trotteligen LKW-Fahrer. Wolf hatte diesen tollen, strahlend blauen Truck, und bei unserem ersten Rennen fuhr unser Mann zufällig rückwärts in ihn hinein und richtete dabei einen beträchtlichen Schaden an..."

Patrick Neve

Seine Rennpremiere feierte der March 761 beim Grand Prix von Spanien in Jarama

Foto: Motorsport Images

In Spanien qualifizierte sich Neve als bescheidener 22. und beendete das Rennen als Zwölfter mit vier Runden Rückstand auf den Sieger Mario Andretti. Das Team ließ Monaco aus. Stattdessen fuhr Neve zum Test nach Zolder, wo er das Auto schwer beschädigte.

Es war ein enormer Aufwand nötig, um es zu reparieren, förderte aber eine Überraschung zutage. "Frank war gesagt worden, dass es sich ein 1976er Chassis ist", erinnert sich Head.

"Als es zurück zu March zur Reparatur kam, leisteten die Mechaniker großartige Arbeit, aber als sie den Lack abzogen, stellten sie fest, dass es sich um ein Auto von Vittorio Brambilla aus dem Jahr 1974 handelte. Es war schon mehrmals neu lackiert worden!"

Junges Williams-Team bei Budgetplanung am Limit

Der Unfall war sicherlich nicht hilfreich, da das Team mit sehr wenig Geld auskommen musste. "Das Budget sollte 200.000 betragen", sagt Head. "Neve sollte 100.000 einbringen, und Frank sollte 100.000 beisteuern. Am Ende hatten wir 180.000, weil er nur 80.000 zusammenbrachte, aber damals war das eine ganze Menge Geld."

"Ich habe meine Nase nicht allzu sehr in die Budgetplanung gesteckt, aber wir haben fast nichts ausgegeben. Wir sind mit Billigflügen geflogen und haben in einigen von Franks Billighotels gewohnt. Damals war das alles sehr lustig, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich heute über einige dieser Orte glücklich wäre! An jeder Strecke mieteten wir einen kleinen 12-Fuß-Wohnwagen als Motorhome."

"In diesem Jahr fuhren wir elf Rennen, und ich glaube, bei drei davon haben wir uns nicht qualifiziert. Das geht einem wirklich nahe. Wenn man am Samstagabend seine Sachen packt und abreist, während alle anderen in der Nähe bleiben und ihre Autos für das Rennen vorbereiten, dann tut das weh. Das tut es wirklich."

Neve schaffte es viermal in die Top 10 und wurde in Monza Siebter. Head räumt ein, "dass er kein besonders starker Charakter war. Die Formel 1 war außerhalb seiner Liga."

"Ich war nicht in Watkins Glen, weil ich am neuen Auto arbeitete. Anscheinend ist er einmal über einen Randstein in der Schikane gefahren. Er kam rein und bat das Team, die Aufhängung zu überprüfen. Es lag etwa eine Stunde zwischen den Trainings, aber er blieb im Auto und wollte nicht aussteigen. Sie konnten nicht verstehen, warum."

"In dieser Nacht, als sie den Sitz herausnahmen, war die gesamte Unterseite des Monocoques verbeult. Das war ja das Seltsame an ihm. Jeder normale Mensch würde herausklettern und sagen: 'Tut mir leid, ich habe das Monocoque ein wenig verbogen.'"

Als Williams 1977 langsam expandierte, gehörte zum wachsenden Personalbestand auch ein junger Mechnaiker namens Ross Brawn, der zuvor bei Wolf-Williams tätig gewesen war.

"Ich glaube, ich war am Anfang ein Romantiker", erinnert sich Brawn. "Ich wurde von Patrick und Frank aufgenommen, und Frank war ein ziemlich kultiger Typ. Als er als junger Träumer rausgeschmissen wurde, schien es mir falsch, dass das passiert war."

"Als sich für mich die Gelegenheit bot, zu gehen, fühlte ich mich Wolf Racing nicht so verbunden, wie ich es wahrscheinlich getan hätte, wenn Frank und Patrick noch da gewesen wären. Es war eine leichtere Entscheidung. Er verbrachte die meiste Zeit des Jahres 1977 in der Formel 3, bevor er sich Ende '77 Williams anschloss.

Ross Brawn wird der elfte Mitarbeiter bei Williams

"Frank und Patrick hatten Wolf verlassen und mit Williams Grand Prix Engineering neu angefangen, und ich ging zurück, um mich ihnen anzuschließen. Patrick bei Wolf kennen zu lernen und für ihn zu arbeiten, war der Grund, warum ich dorthin zurückkehrte, als er und Frank Williams gründeten", erklärt Brawn.

"Ich erinnere mich, dass ich der elfte Mitarbeiter war, einschließlich Patrick und Frank und den Sekretärinnen. Als ich in Didcot ankam, gab es noch nicht viele." Dass Brawn zu einer Schlüsselfigur im Sport werden würde, hätte sich Head, der damals das Vorstellungsgespräch führte, nicht vorstellen können.

"Es ist wirklich außergewöhnlich", sagt Head. "Er hatte eine Ausbildung in Harwell (im Atomic Energy Research Establishment; Anm. d. R.) absolviert, und ich stellte ihn als Mechniker in der sehr kleinen Maschinenwerkstatt ein, die es damals gab."

"Es war ganz klar, dass Ross ein intelligenter Bursche war, aber selbst als er zu Williams wechselte und wir ihm einige Projekte gaben, habe ich nie erkannt, dass er zu viel mehr fähig war, als wir ihm zutrauten. Das ist immer interessant, wenn man Leute einstellt: die Leute zu identifizieren, die zu viel mehr fähig sind."

"Damals war Ross viel lockerer als später", zieht Head den Vergleich. "Ehrgeiz konnte man bei ihm nicht wirklich spüren. Wenn es ihn gab, hat er ihn gut versteckt!"

Mit dem FW06 und Alan Jones kommen erste Erfolge

Head und seine rechte Hand Neil Oatley verbrachten die zweite Hälfte des Jahres 1977 damit, den späteren Williams FW06 zu entwerfen. Im Januar 1978 nahm Neuverpflichtung Alan Jones in Argentinien in der von Saudia gesponserten Maschine Platz.

Alan Jones

Mit Alan Jones konnte Willliams im Jahr 1978 erste Erfolge feiern

Foto: Motorsport Images

Das Auto sah gut aus und war technisch ausgereift, und da Jones im Vorjahr den Grand Prix von Österreich für Shadow gewonnen hatte, gab es keinen Zweifel an den Qualitäten des Fahrers. Plötzlich war Williams ein ernstzunehmender Akteur - und innerhalb von 18 Monaten würde das Team Rennen gewinnen und das Tempo vorgeben.

"1977 haben wir uns noch nicht mit den Giganten angelegt", sagt Head, "1978 hingegen fingen wir an, ein paar Leute zu ärgern. Wir hatten etwa 350.000 Pfund zur Verfügung, was ein brauchbares Budget für ein Auto war. Aber Frank ließ uns immer noch in seinen Absteigequartieren hausen."

Neve wurde unterdessen nie ernsthaft als potenzieller Fahrer für 1978 in Betracht gezogen. In dieser Saison trat er nur ein einziges Mal in Erscheinung, als er sich in Zolder nicht vorqualifizieren konnte, nachdem er einen Deal ausgehandelt hatte, einen March unter seinem eigenen Namen zu pilotieren.

Für Williams wird die erste Saison 1977 mit dem alten March und die damit verbundene Wiedergeburt immer von Bedeutung bleiben. "Ich habe keine schlechten Erinnerungen an '77", sagte der Teamgründer 1997 zum 20-jährigen Jubiläum.

Natürlich sei die Tatsache, dass man sich einige Male nicht qualifizieren konnte und oft ganz hinten im Feld fuhr, nicht schön gewesen. "Ab und zu kam jemand an die Box und schimpfte uns aus, weil wir im Weg herumstanden, als wir überrundet wurden."

Doch Williams bereute nichts. "Beim ersten Versuch kam ich aus eigener Kraft nicht weiter. Aber man gab mir die Möglichkeit für einen Neustart und ich habe sie genutzt."

"Ich denke, dass 1969 nicht vergessen werden kann und eine Rolle spielte, aber das wichtigste Jahr war 1977. Es war sehr schwierig, aber es hat Spaß gemacht. Es hat sich gelohnt, und wir waren überzeugt, dass wir es irgendwann schaffen würden."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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