Sebastian Vettel: Warum er noch nicht zurückgetreten ist

In Sotschi hat Sebastian Vettel erstmals darüber gesprochen, warum er seinen Vertrag mit Aston Martin verlängert hat und ob Rücktritt wirklich ein Thema war

Sebastian Vettel: Warum er noch nicht zurückgetreten ist

In der FIA-Pressekonferenz am Donnerstag in Sotschi hatten Medienvertreter erstmals Gelegenheit, Sebastian Vettel zu seiner Vertragsverlängerung bei Aston Martin für 2022 zu befragen. Und viele gewannen dabei den Eindruck: Ganz so weit hergeholt waren die Gerüchte, dass er über einen Rücktritt zumindest nachgedacht hat, wohl nicht.

Denn Vettel antwortet auf die konkrete Frage, ob er je daran gedacht hat, die Formel 1 zu verlassen und sich anderen Projekten zuzuwenden, vage: "Nun, ich habe über ziemlich viel nachgedacht. Aber letztendlich kommt es nur darauf an, wie es weitergeht." Über das zu reden, was dann doch nicht passiert ist, empfindet er als "irrelevant", winkt der 34-Jährige ab.

Auch auf die Frage, ob es eine Rolle gespielt hat, dass 2022 ein komplett neues Reglement kommt und die Karten neu gemischt werden, antwortet er leicht genervt: "Ich weiß es nicht. Es ist ja nicht so, also habe ich darüber nie nachgedacht." Und er macht keinen Hehl draus: "Nach so vielen Jahren gibt es auch Dinge, die mir weniger Spaß machen. Zum Beispiel hier zu sitzen und Fragen zu beantworten."

Am 15. September, so wird gemeinhin gemutmaßt, war der Stichtag für die 2022er-Option in seinem Vertrag. Am 16. September kam die Pressemitteilung von Aston Martin. Ein paar Tage zuvor hatte Vettel am Donnerstag in Monza (9. September) mit seinem Vater einen idyllischen Trackwalk absolviert. Zu zweit, ohne die Ingenieure, die sonst immer dabei sind.

Was steckte hinter dem Trackwalk in Monza?

Das wurde von Beobachtern als Signal interpretiert, dass er mit einem Rücktritt liebäugelt - und mit seinem Vater an der Stätte seines allerersten Grand-Prix-Sieges in der Formel 1 (2008 auf Toro Rosso) noch einmal die Karriere Revue passieren lässt. Doch Vettel winkt grinsend ab: Die Szene wurde offenbar überinterpretiert, der Hintergrund sei "ganz banal" gewesen.

"Wegen des Sprintrennens am Samstag war der Zeitplan anders als sonst. Ich stand zur gewohnten Zeit für den Trackwalk auf der Matte - aber das war viel zu früh! Außer mir war noch keiner da. Also sagte ich: 'Ich gehe jetzt trotzdem, also lass uns gemeinsam gehen, auch wenn ich nachher nochmal muss.' Das war der Grund. Aber letztendlich war es sehr schön", sagt er.

Wirklich in Frage gestanden sei der Deal für ein weiteres Jahr "nicht wirklich", versichert Vettel - und begründet: "Letztendlich bin ich sehr gespannt auf nächstes Jahr. Auf die neuen Autos, auf die neuen Regeln. Wo das Team hinsteuert, denn das sieht sehr vielversprechend aus. Wir werden erst nächstes Jahr sehen, wie es wird. Aber es ist toll, ein Teil davon zu sein."

Allerdings ist Vettel 34. Der neue Formel-1-Chef Martin Whitmarsh, die neue Fabrik, für die gerade der Spatenstich erfolgt ist - alles Maßnahmen, die Zeit brauchen werden, bis sie greifen. "Bis Aston Martin um den Titel fahren kann, glaube ich nicht, dass Vettel noch in der Formel 1 ist. Da sehe ich gerade schwarz", meint etwa Ralf Schumacher im Interview mit 'Sport1'. (ANZEIGE: Alle Formel-1-Rennen live und ohne Werbebreaks, dazu topaktuelle Insights, Storys und Analysen plus Einschätzungen von Experte Ralf Schumacher - all das und mehr gibt's jetzt ab 17,50 Euro pro Monat. Hier informieren!)

Direkte Frage an Vettel: Wenn die Früchte des Vier- bis Fünfjahresplans geerntet werden, bist Du dann überhaupt noch da? "Die ehrliche Antwort ist: Der Horizont von vier bis fünf Jahren ist wahrscheinlich realistisch, wenn man sich anschaut, wie lang andere Teams gebraucht haben, um an die Spitze zu kommen", räumt er ein.

Vettel weiß: Ralf Schumacher könnte recht haben

"Die Vision und die Entschlossenheit des Teams sind beeindruckend. Es könnte auch schneller gehen. Aber wer weiß, vielleicht dauert's auch länger? Die Richtung, in die das Team geht, ist jedenfalls vielversprechend, und ich habe das Gefühl, das wird früher oder später klappen. Ich werde aber nicht jünger. Es ist nicht mein erstes Jahr in der Formel 1. Wir werden sehen."

Ein oft genanntes Argument, warum Vettel in der Formel 1 weitermacht: Damit er seinen Ruhm, den er als Rentner nicht mehr haben würde, noch nutzen kann, um mit seinen Botschaften die Welt zu verbessern. In Österreich hat Vettel ein Bienenhotel aufgebaut, in Silverstone Müll eingesammelt. Und zwischendurch verraten, dass er am kommenden Sonntag die Grünen wählen wird.

Aber das habe "nicht wirklich" eine Rolle gespielt, sagt er: "Es stimmt schon, dass es hilft, andere Menschen zu inspirieren und eine Botschaft zu verbreiten. Aber ich mache diese Dinge ja nicht in erster Linie, damit andere Menschen das sehen. Sondern am wichtigsten ist mir immer, dass das, was ich tue, wirklich sinnvoll ist."

"Es freut mich, wenn ich andere für diese Themen begeistern kann, wenn sie sich Gedanken machen, welchen Beitrag sie vielleicht leisten können. Das ist kein Geheimnis", räumt Vettel ein. "Aber am allerwichtigsten ist mir immer, dass das, was ich tue, sinnvoll ist. Es redet sich leicht drüber, das Richtige zu tun. Aber man muss es halt auch tun. Sonst ist es nicht authentisch."

Letztendlich mache er aber immer noch aus einem ganz simplen Grund weiter: "Wegen des Fahrens", sagt Vettel. "Ich liebe das Fahren, ich liebe das Gewinnen. Nächstes Jahr ändert sich viel. Niemand hat eine Garantie auf Siege. Ich mag die Arbeit mit dem Team, die Atmosphäre ist gut, ich mag die Jungs. Es war eine tolle Saison. Vielleicht nicht von den Ergebnissen her. Aber die Moral ist hoch."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

geteilte inhalte
kommentare
Kimi Räikkönen: In Monza nicht das ganze Rennen geschaut

Vorheriger Artikel

Kimi Räikkönen: In Monza nicht das ganze Rennen geschaut

Nächster Artikel

"Mister Sotschi" Valtteri Bottas: "Nicht meine Lieblingsstrecke"

"Mister Sotschi" Valtteri Bottas: "Nicht meine Lieblingsstrecke"
Kommentare laden