Set-up-Rätsel und Daten-Chaos: Red Bull versteht den eigenen Boliden nicht
Verstappen und Hadjar schlagen angesichts der massiven Balance-Probleme Alarm - der Niederländer wirkt resigniert und fordert rasche Lösungen
Red Bull schaut ratlos auf den 2026er Boliden
Foto: Getty Getty
Als Max Verstappen nach dem Qualifying in Suzuka in der Medienrunde auftauchte, bot sich den Journalisten ein fast identisches Bild wie schon in Shanghai. Der Niederländer nahm sich zwar ausgiebig Zeit für die Presse, doch seine Aussagen glichen einem Offenbarungseid. Dieses Mal ging es nicht um politische Grabenkämpfe oder das technische Reglement, sondern um die nackte Realität bei Red Bull: Das Team steckt in einer tiefen Krise.
Auf die Frage, ob er angesichts des aktuellen Materials enttäuscht sei, ließ der viermalige Weltmeister tief blicken: "Naja, ich bin nicht einmal mehr enttäuscht, den Punkt habe ich längst hinter mir gelassen. Ich bin weit über jede Enttäuschung hinaus und weiß gar nicht, wie man das überhaupt nennen soll. Das Schlimme ist, mir fehlen buchstäblich die Worte dafür - und das ist definitiv kein gutes Zeichen."
Als ein Reporter das Wort "Resignation" in den Raum warf, nickte Verstappen nur trocken: "Ja, das trifft es vielleicht ganz gut. Aber das ist offensichtlich fatal." Es ist eine drastische Einschätzung, denn gerade jetzt bräuchte das technische Team rund um Pierre Waché den bedingungslosen Einsatz und das Feedback seines Star-Piloten mehr denn je.
Ein Bolide außer Kontrolle
Trotz eines völlig anderen Streckenlayouts kämpfte der Niederländer in Japan mit exakt denselben Dämonen wie vor zwei Wochen in China. Die Balance des RB22 ist eine absolute Katastrophe, und sämtliche Set-up-Änderungen verpuffen wirkungslos. "Sobald man wirklich ans Limit gehen wollte, war die Balance einfach völlig im Eimer", fluchte Verstappen.
Das Fahrverhalten ändert sich von Session zu Session offenbar radikal. Erlebte Verstappen am Freitag noch extreme Wechsel zwischen Unter- und Übersteuern, fand das Team nicht einmal den sonst so typischen Kompromiss über Nacht. "Im Qualifying fühlte es sich wieder an wie im ersten Training - und das war schlichtweg die schlechteste Version von allem", analysierte Verstappen schonungslos. "Du kannst nicht attackieren, du kannst nicht pushen, du fühlst dich im Auto null wohl, und der Bolide macht nicht das, was du willst."
Das fehlende Vertrauen zeigt sich schonungslos in den schnellen S-Kurven von Suzuka. Die Onboard-Aufnahmen offenbaren, wie wild Verstappen im Vergleich zur Mercedes-Konkurrenz am Lenkrad agieren muss. "Ja, das ist der schlimmste Streckenabschnitt, aber ehrlich gesagt fehlt es überall", gestand der Niederländer. "Auch in den langsamen Ecken ging in Q2 überhaupt nichts zusammen." Unter diesen Voraussetzungen sei es schlicht unmöglich, innerhalb der Margen des Energiemanagements noch kalkuliertes Risiko einzugehen.
Das große Rätselraten und streikende Upgrades
Dass Red Bull nach dem dominanten Vorjahr derart strauchelt, liegt laut Verstappen an grundlegenden Design-Fehlern: "Ich glaube, wir haben aktuell ein paar handfeste Probleme mit dem Auto. Und die lassen sich nicht einfach mit ein bisschen Set-up-Arbeit aus der Welt schaffen."
Teamkollege Isack Hadjar pflichtet ihm bei und zieht einen bitteren Vergleich: "Man kann das letztjährige Auto absolut nicht mit dem aktuellen vergleichen. Der alte Bolide war zwar schwer zu fahren, aber er war schnell. Unser jetziges Auto ist schwer zu fahren und dazu noch langsam. Uns fehlt es schlichtweg an Effizienz."
Die dringend benötigten Updates, die Red Bull für den Unterboden und die Seitenkästen nach Japan schleppte, brachten nicht die erhoffte Erlösung. "Tja, ich fahre jetzt mit dem neuen Paket, aber das fühlt sich noch überhaupt nicht gut an", so Verstappen. Auch den Ingenieuren in Milton Keynes fehlt aktuell jeglicher Kompass. Auf die Frage, ob man wisse, wie man sich aus dem Loch graben könne, antwortete Hadjar schonungslos: "Nein, aktuell tappen wir im Dunkeln. Das, was wir an diesem Wochenende sehen, ergibt überhaupt keinen Sinn."
Offenbar kämpft der Rennstall mit massiven Korrelationsproblemen - ein Gespenst, das Red Bull in der Vergangenheit schon öfter heimsuchte. "Wir gingen aufgrund der Daten aus der Fabrik davon aus, dass bestimmte Dinge funktionieren würden", erklärte Verstappen das Dilemma. "Aber auf der Strecke sehen wir einfach nicht dieselben Zahlen." Ein massives Mysterium, das durch Fotos von der Waage in Shanghai unterstrichen wird, die zeigen, dass auch das Gewicht des Autos nach wie vor ein Thema ist.
Das Melbourne-Wunder war ein Trugschluss
Bleibt die Frage, warum Red Bull beim Saisonauftakt in Australien plötzlich so wettbewerbsfähig aussah, als Hadjar auf Startplatz drei fuhr und Verstappen im Rennen brillierte. "Melbourne lief offensichtlich besser. Danach ist irgendetwas mit dem Boliden passiert, obwohl wir das Auto nicht einmal angerührt haben. Das ist immer ein massives Problem", wundert sich der viermalige Weltmeister.
Die Realität dürfte jedoch profaner sein: In Melbourne kaschierte die neue Power-Unit die aerodynamischen Schwächen. Während Konkurrenten wie McLaren noch mit der Abstimmung ihrer Mercedes-Motoren kämpften, spielte Red Bull diesen Vorteil aus.
Ausgerechnet das hauseigene Motorenprojekt, das viele Experten vor der Saison 2026 als größte Achillesferse der Bullen ausgemacht hatten, funktioniert tadellos. "Der Motor ist eigentlich gar nicht so übel", bestätigte Verstappen fast schon ironisch. Das wahre Problem liegt im Chassis. Und solange Pierre Waché und sein Team die Fehlerquelle im Windkanal nicht finden, droht die eigentlich so erfolgsverwöhnte Truppe im Mittelfeld zu versinken.
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