Show wichtiger als Sound? Domenicalis steile These auf dem Prüfstand
Tausende junge Fans jubeln alten Boliden zu: Das wirft neue Fragen zur Zukunft der Formel 1 und ihrer Motorenregeln auf
Die Show stimmt in der Formel 1, aber kommt es nur darauf an?
Foto: Getty Getty
Formel-1-CEO Stefano Domenicali ist der Ansicht, dass sich neue Fans weniger für Motorenformeln oder den Sound interessieren als vielmehr eine gute Show sehen wollen. Doch ist das tatsächlich der Fall? Der jüngste historische Grand Prix in Monaco sowie ein McLaren-Demo-Event legen nahe, dass sich diese beiden Aspekte keineswegs ausschließen müssen.
In Miami beginnt faktisch der zweite Teil der Formel-1-Saison 2026. Im Fahrerlager wird teilweise davon gesprochen, dass die Saison in gewisser Weise neu startet, auch wenn dies etwas übertrieben scheint. Zwar wurden die Regeln verfeinert und die Teams hatten die Gelegenheit, ihre Autos signifikant weiterzuentwickeln, doch das wird nicht alles über Nacht verändern.
Mit Blick auf das Wettbewerbsbild wird die Stärke von Mercedes nicht einfach verschwinden. Nicht ohne Grund sagte George Russell, dass er in Miami keine "drastischen Änderungen" erwartet. Auch wenn er einräumte, dass der Vorsprung des Teams nicht unendlich ist. Naturgemäß liegt der Fokus auf der Konkurrenz, allen voran auf den Upgrade-Paketen von Ferrari und McLaren, aber das bedeutet nicht, dass alles von den ersten drei Rennwochenenden hinfällig ist.
Das Gleiche gilt für das Reglement und die Anpassungen vor Miami. Die nun vom FIA-Weltrat offiziell ratifizierten Änderungen sollen bestimmte Schwachstellen wie das Qualifying und die Geschwindigkeitsunterschiede angehen, werden das Racing aber nicht grundlegend verändern.
Dies wäre auch politisch sensibel, wie FIA-Einsitzer-Direktor Nikolas Tombazis gegenüber einer Auswahl von Medienvertretern erklärte. Es gibt jedoch noch einen weiteren Grund: Sowohl die Formel 1 als auch die FIA betrachten das Renngeschehen selbst nicht als besonders problematisch. Beide Parteien haben klargestellt, dass aus ihrer Sicht keine "Überreaktion" erforderlich ist.
Kommerzielle Erfolge und die Frage der Authentizität
Aus kommerzieller Sicht wird diese Ansicht durch Zahlen gestützt. Die Formel 1 teilte mit, dass die Zuschauerzahlen bei den ersten drei Grands Prix im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind. Dies gilt auch für die weltweiten TV-Quoten: plus 26 Prozent in Australien, plus 32 Prozent in China und plus 19 Prozent in Japan.
Es sollte jedoch angemerkt werden, dass die Zuschauerzahlen dieser frühen Rennen nur bedingt aussagekräftig sind. Tickets werden meist weit im Voraus gekauft, sodass die Verkäufe für Australien, China und Japan wahrscheinlich primär auf dem Vorjahr basieren. Für ein repräsentatives Bild muss man den weiteren Jahresverlauf oder gar das nächste Jahr abwarten.
In der April-Pause ergänzte Domenicali in einem Interview mit Autosport, einer Schwesterpublikation von Motorsport-Total.com, dass Signale darauf hindeuten, dass die Fans das aktuelle Produkt der Formel 1 tatsächlich mögen: "Wenn ich mir die Umfragen auf der ganzen Welt ansehe, dann ist das Ergebnis bei den neuen Fans der Formel 1 grandios. Es ist großartig. Jeder sagt: Was ist da los? Viel Action, und das ist es, was die Leute sehen wollen."
Die unvermeidliche Anschlussfrage lautet jedoch, ob diese Action rein genug ist. Zwar ist die Zahl der Überholvorgänge durch das "Jo-Jo-Racing" deutlich gestiegen, doch Kenner hinterfragen, wie künstlich dies teilweise wirkt. Ein Fahrer überholt, seine Batterie ist leer und er wird auf der nächsten Geraden direkt wieder ausgekontert. Offiziell zählt das als zwei Überholmanöver, doch es ist womöglich nicht die reinste Form des Rennsports.
Domenicali teilt diese Ansicht nicht und entgegnete: "Einige Leute sagen, es sei künstlich. Was ist künstlich? Überholen ist überholen." Der Italiener fügte hinzu, dass die jüngere Generation vor allem eine gute Show sehen will und weniger an den technischen Hintergründen interessiert ist. Zudem seien sie anders zum Sport gekommen als die älteren Fans.
Was das McLaren-Event und der Monaco Historic-GP zeigen
Obwohl Initiativen wie "Drive to Survive" und der Formel-1-Film ein neues Publikum - jünger und weiblicher - erschlossen haben, scheint die Realität nuancierter zu sein. Neue Fans tragen zwar nicht zwangsläufig das nostalgische Bild der V10- oder V12-Motoren in sich, aber das muss kein Widerspruch sein.
Dies wurde kürzlich bei zwei Veranstaltungen deutlich: beim Historic-Grand-Prix in Monaco und bei einem Showrun von McLaren in Miami. Letzteres lockte am Mittwochabend mehrere tausend Menschen nach Coconut Grove. Bruno Senna fuhr Ayrtons 1991er-McLaren, Emerson Fittipaldi saß im M23 und Mika Häkkinen drehte Runden in seinem Weltmeisterauto von 1999. Auch die aktuellen Fahrer waren involviert: Oscar Piastri steuerte den 2008er-Boliden von Lewis Hamilton.
Ein großer Teil der Menge bestand aus jüngeren Fans, die die Historie und den beeindruckenden Sound sichtlich genossen. Piastri scherzte auf der Bühne: "Hoffentlich funktionieren bei allen noch die Ohren!" Der Sound erntete, genau wie die Autos selbst, lautstarken Applaus.
Zwar muss die Show gut sein und das neue Publikum mag einen größeren Appetit auf Action haben - ähnlich dem Scrollen durch Instagram oder TikTok -, doch das bedeutet nicht zwangsläufig Elektrifizierung oder "Jo-Jo-Racing". Es wirkt fast wie ein Umkehrargument, um das aktuelle Reglement zu verteidigen, das teilweise das Ergebnis der Forderungen der Automobilhersteller ist.
FIA: Ein V8 würde "Netflix-Fans" nicht abschrecken
Würde sich die Formel 1 für den nächsten Regelzyklus beispielsweise für einen V8 mit nachhaltigen Kraftstoffen und einer kleineren Elektrokomponente entscheiden und gleichzeitig die positiven Aspekte des aktuellen Reglements (kleinere Autos, geringeres Gewicht) beibehalten, könnte die Show nur gewinnen - nicht nur für Puristen, sondern für die gesamte Fangemeinde.
Dies bestätigte auch Tombazis auf die Frage, ob der Sound eines V8 die "Netflix-Fanbase" abschrecken könnte: "Nein. Es ist immer einfach, den Lärm zu reduzieren, wenn man zu viel davon hat. Das Gegenteil ist schwieriger - ihn zu erhöhen, wenn man zu wenig hat. Wenn wir früher gelegentlich alte Autos an einem Grand-Prix-Sonntagmorgen fahren ließen, löste das bei vielen Menschen bestimmte Emotionen aus, und ich glaube nicht, dass das ein Problem sein wird."
Genau das war in den letzten Wochen zu beobachten. Die Realität ist jedoch, dass tiefgreifende Änderungen kurzfristig nicht möglich sind, nicht zuletzt wegen der Investitionen der Teams und Hersteller. Daher wird es Zeit brauchen, und es ist logisch, dass die aktuellen Regeln verteidigt werden. Doch die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass eine andere Richtung für die Zukunft nicht zwangsläufig auf Widerstand stoßen oder die Fangemeinde spalten muss.
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