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"Tief sitzender Stachel": Wie Mercedes den Turnaround geschafft hat

Technikchef James Allison erklärt, warum die Mercedes-Ingenieure motivierter denn je sind, 2021 einen schnellen Turnaround mit dem W12 zu schaffen

"Tief sitzender Stachel": Wie Mercedes den Turnaround geschafft hat

Nach dem Freitag in Imola fühlen sich all jene bestätigt, die Mercedes unterstellt hatten, bei den Wintertests und auch beim Saisonauftakt in Bahrain noch nicht in Normalform aufgetreten zu sein. Denn am Ende des zweiten Freien Trainings beim Grand Prix in der Emilia Romagna (F1-Qualifying ab 13:55 Uhr MEZ live im Ticker!) stand Valtteri Bottas vor Lewis Hamilton - und der für viele Experten zum Favorit erklärte Max Verstappen hatte als Zehnter eine Sekunde Rückstand.

Gewiss, Verstappen rollte bereits zu Beginn des Nachmittagstrainings aus und war daher Zuschauer, als die Mercedes-Piloten ihre Bestzeiten fuhren und anschließend auch noch beeindruckende Longruns hinlegten. Aber dass Mercedes seit dem Saisonauftakt vor drei Wochen etwas gefunden haben muss, das ist offensichtlich.

"Unser Auto ist definitiv glücklicher als in Bahrain. Das waren gute Sessions", sagt Technikchef James Allison. "Der Red Bull war in Bahrain schneller als wir. Seither haben wir aber unser Bestes gegeben, um unser Auto weiterzuentwickeln, um diesen tief sitzenden Stachel, den wir beim Auftakt unter der Haut gespürt haben, nicht mehr so zu spüren."

Die Beinahe-Niederlage hatte Mercedes erstmals seit langem große Emotionen beschert. Das TV-Bild, in dem Toto Wolff bei der Zieldurchfahrt befreit die Arme nach oben reißt, war der beste Beleg dafür, dass beim Team aus Brackley/Brixworth kaum jemand damit gerechnet hatte, den Saisonauftakt gegen Verstappen und Red Bull zu gewinnen.

Schwieriger Auftakt lässt Ruck durchs Team gehen

"Wenn du angestochen wirst, rotierst du ein bisschen intensiver als sonst. Das liegt einfach in der Natur des Menschen", deutet Allison an, dass Mercedes nach einer dominanten Saison 2020 der schwierigere Start ins Jahr 2021 vielleicht sogar gutgetan hat. "Wir lieben das Rennfahren, und wir lieben es zu kämpfen. Aber wir haben keinen Spaß daran, Zweitbester zu sein!"

Die Mercedes-Ingenieure, sagt Allison, waren seit Bahrain damit beschäftigt, in Simulationen zu erkunden, wo der F1 W12 E Performance "noch gegen uns rebelliert", und "in den Kurven eine Balance zu finden, die besser funktioniert". Insbesondere in schnellen Kurven hatte man zuletzt im Vergleich zu Red Bull das Nachsehen gehabt.

In Imola sind die Bedingungen aber ganz anders als in Bahrain. Die Temperaturen sind um rund 20 Grad kühler, die Asphaltstruktur ist eine ganz andere. "Der Schlüssel", weiß Allison, "ist fast immer gleich. Es geht darum, die Reifen vorne und hinten beim Bremsen, durch den Scheitelpunkt und am Ausgang im richtigen Temperaturfenster zu haben."

Positiv: Mercedes war am Freitag nicht nur auf die schnelle Einzelrunde, sondern insbesondere in den Longruns haushoch überlegen. Sergio Perez im zweiten Red Bull fehlten am Ende 0,860 Sekunden auf Bottas' Bestzeit. Dabei hatte der Finne diese mit den Medium-Reifen gefahren. Und in Sachen Motoreneinstellung ist für das Qualifying noch gut Luft nach oben.

"Ich habe immer gesagt, dass Mercedes sehr stark aussieht", meint Verstappen. "Das war schon in Bahrain der Fall, und hier scheint es auch wieder so zu sein. Mir kommt vor, sie haben auch weniger Probleme mit dem Heck. Das sieht alles stabiler aus. Ich denke, die haben einen Schritt gemacht. Es wird nicht leicht für uns."

 

Rasche Lösung für "Rake"-Problem gefunden

Was genau Mercedes seit Bahrain am W12 geändert hat, verrät das Team nicht. Doch offensichtlich ist, dass man - anders als das Partnerteam Aston Martin - in sehr kurzer Zeit einen Weg gefunden hat, die Probleme mit dem Untersteuern in Kurvenmitte besser zu kontrollieren.

Die waren mutmaßlich als Konsequenz der Unterboden-Regeländerung aufgetreten - ein Thema, wegen dem Aston Martin nun sogar in Erwägung zieht, die Formel-1-Verantwortlichen zu verklagen. Bei Mercedes hat man's sportlich genommen und technische Lösungen gesucht. "Stellt euch vor, wie schnell wir sonst gewesen wären", grinst Wolff nach dem Freitagstraining.

Das erfolgsverwöhnte Mercedes-Team scheint darin aufzugehen, endlich wieder richtig gefordert zu sein. "Es ist ein ganz anderes Gefühl als letztes Jahr", nickt Allison. "Ich habe das sowohl intern als auch extern schon gesagt: 2020 war ein tolles Jahr, weil wir eins der besten Rennautos aller Zeiten produziert und eine fast makellose Saison abgeliefert haben."

Aber: "Es gibt nicht viele Momente, die wirklich hängen geblieben sind. Einen leichten Sieg merkst du dir nicht so sehr wie einen wie den in Bahrain, für den du kratzen und beißen musstest. Aus der Position des Underdogs zu gewinnen - und das waren wir definitiv -, ist etwas, was sich einprägt. Ich weiß, dass ich damit einmal meine Enkelkinder langweilen werde!"

Weitere Co-Autoren: Tom Howard. Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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