Toto Wolff: DRS-Fall hätte Kommissaren nicht gemeldet werden müssen

Mercedes akzeptiert die Disqualifikation von Lewis Hamilton in Sao Paulo und geht nicht in Berufung, Toto Wolff kritisiert dennoch einige Aspekte der FIA-Entscheidung

Toto Wolff: DRS-Fall hätte Kommissaren nicht gemeldet werden müssen

Toto Wolff vertritt die Ansicht, dass die FIA bei der Disqualifikation von Lewis Hamilton nach dem Freitagsqualifying in Sao Paulo zwar regelkonform entschieden hat, aber "Fingerspitzengefühl" vermissen hat lassen. Denn nach Meinung des Mercedes-Teamchefs hätte das Thema gar nicht erst bei den Rennkommissaren landen müssen.

Aufgefallen war, dass das DRS an Hamiltons Auto um 0,2 Millimeter weiter aufklappt als erlaubt, bei der technischen Kontrolle nach dem Qualifying in Brasilien. Jo Bauer, der Technische Delegierte der FIA, meldete den Fall um 18:28 Uhr Ortszeit an die Kommissare. Die waren von dem Moment an gezwungen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Laut Wolff gehe dieses Vorgehen "gegen alle bisherigen Protokolle". In der Vergangenheit, suggeriert er, seien solche Angelegenheiten auf dem kleinen Dienstweg gehandhabt worden. Sprich: Bauer hätte das Mercedes-Team unbürokratisch dazu auffordern können, den Mangel zu beseitigen, ohne gleich eine offizielle Meldung zu machen.

Die Sache "hätte den Stewards-Room nie erreichen dürfen, wenn die Protokolle der vergangenen Jahre eingehalten worden wären", findet Wolff. Warum diesmal nicht der kurze Dienstweg eingeschlagen wurde, ist ihm schleierhaft: "Vielleicht hat es Druck von anderen Stakeholdern gegeben, oder vielleicht gibt es plötzlich einen neuen Modus Operandi", wundert er sich.

Ab dem Zeitpunkt, an dem die Kommissare informiert waren, gab es letztendlich kein Zurück mehr. Toleranzen sind im Reglement nicht vorgesehen, und auch wenn der Regelverstoß minimal war, musste dieser geahndet werden. "Es gibt offenbar keinen Millimeter Spielraum mehr, Dinge am Auto zu reparieren", bedauert Wolff.

Parallele zum Vettel-Fall in Ungarn?

Ein vergleichbarer Fall ist die Benzinpumpe, die zu Sebastian Vettels Disqualifikation in Ungarn geführt hat. Aston Martin konnte zwar glaubhaft machen, dass der Regelverstoß weder vorsätzlich war noch Performance gebracht hat, doch unterm Strich war nach dem Rennen einfach zu wenig Benzin im Tank - und die Disqualifikation damit unvermeidlich.

Was Wolff besonders ärgert: "Am vergangenen Wochenende haben wir sowas auch bei Red Bull gesehen." In Mexiko sei das Thema aber nicht an die Kommissare weitergeleitet worden. "Im Urteil steht sogar: Wäre es während der Session aufgefallen, hätten wir es reparieren dürfen. Nach Ende der Session aber nicht mehr. Das kann man auch hinterfragen", findet Wolff.

Der Regelverstoß war, das räumt die Urteilsbegründung der FIA ein, marginal. Den statischen Test hat Hamiltons Heckflügel sogar bestanden. Erst als die Messung mit dem in der technischen Richtlinie 011-19 festgehaltenen Druck von zehn Newton durchgeführt wurde (viermal, mit zwei verschiedenen Messgeräten), fiel der Flügel durch.

Und auch das nur auf einem von drei Messpunkten, und um läppische 0,2 Millimeter. Hamilton habe dadurch keine Performance gewonnen, sondern sogar eher verloren. Und selbst die Kommissare räumen ein, dass auf Mercedes-Seite kein Vorsatz vorhanden war. "Vermutlich" sei einfach eine "Schraube locker" gewesen, spekuliert Wolff.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Wäre der Schaden aufgrund eines Zwischenfalls auf der Strecke passiert, zum Beispiel wegen eines Ausritts oder einer Berührung mit einem Gegner, hätte Mercedes den Flügel straffrei reparieren dürfen. Aber das FIA-Urteil hält fest, dass es während Hamiltons Qualifying eben keinen solchen Zwischenfall gab.

Mercedes hat Flügel vor der Session noch getestet

Fest steht, dass sich die Schraube (so es denn eine war) während des Qualifyings gelockert haben muss. "Vor der Session haben wir den Flügel selbst noch getestet", sagt Wolff. Dass Max Verstappen mit seiner Berührung im Parc ferme etwas gelockert haben könnte, hat Mercedes in der Verteidigung zwar erwähnt, aber als unwahrscheinlich eingeräumt.

Für Wolff war es letztendlich "ein Schockergebnis. Wir waren von der Heftigkeit der Reaktion bis hin zur Disqualifikation schon sehr überrascht. Dass man derartig riskiert, in einen WM-Kampf einzugreifen ... Da kann man sich vielleicht ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl erwarten. Aber das hat es nicht gegeben. Sondern man hat gesagt: 'Das Fallbeil fällt, ihr seid disqualifiziert!'"

Gleichzeitig versteht der Mercedes-Teamchef, dass es für die Kommissare in ihrer Bewertung keine Rolle spielen darf, ob die WM auf dem Spiel steht oder ob's um den vorletzten Platz geht: "Die müssen unabhängig von einer Weltmeisterschaftssituation urteilen, sondern in der Sache. Das muss man auch respektieren."

Man habe aber darauf gehofft, "dass das genauso bewertet wird wie in vielen Fällen davor. Stattdessen war es diesmal schwarz-weiß: 'Ihr habt den Test nicht bestanden, das war's.' In der Vergangenheit hat es diesen Puffer namens gesunder Menschenverstand gegeben. Diesmal nicht. Aber durch die Regeln ist das gedeckt. Und das respektieren wir auch."

Warum Mercedes nicht in Berufung geht

Genau deswegen habe man keinen Protest gegen die Disqualifikation eingelegt. Angesichts der klaren Regelsituation wäre dieser schwierig zu gewinnen gewesen. Und bei einer Niederlage vor dem Berufungsgericht hätte Hamilton nicht nur etwaige Punkte aus dem Sprint verloren, sondern auch die aus dem Hauptrennen.

Man hätte in einem Berufungsverfahren "gern die Schwächen im System aufgezeigt", sagt Wolff. Aber: "Wir wollten nicht riskieren, alle Punkte von Samstag und Sonntag zu verlieren, falls wir verlieren. Und wir wollten die Entscheidung nicht wochenlang verschleppen. Wir fighten auf der Strecke. Wenn wir gewinnen, gewinnen wir. Wenn wir verlieren, verlieren wir."

Mit Blick auf die verbleibenden Rennen ergibt sich für Wolff vor allem eine Konsequenz: "Wir werden uns jetzt die anderen auch ganz genau anschauen. Bei jedem Klebeband, das wo von einem Auto fällt, werden wir Fragen stellen." Gentlemen, so seine Lehre aus der Angelegenheit, die gebe es in der Formel 1 offenbar nicht mehr.

Wolff wirkte sichtlich bemüht, sich diplomatisch auszudrücken, als er nach dem Sprint vor die Presse trat - zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie nicht nur online via Zoom, sondern auch vor Ort in Sao Paulo. Am Boxenfunk hatte das kurz zuvor noch anders geklungen: "Scheiß auf die alle!", hatte er Hamilton nach seiner Fahrt zu P5 durchgegeben ("Fuck them all!").

 

Damit habe er nicht die FIA oder die Regeln gemeint, stellt Wolff im Nachhinein klar, sondern: "Wenn dir Ungemach widerfährt, musst du unnachgiebig bleiben. Das wollte ich damit zum Ausdruck bringen. Aber mir ist das jetzt egal. Das liegt hinter mir. Ich verschwende nicht mehr meine Zeit mit Entscheidungen, die ich eh nicht ändern kann. Jetzt schauen wir nach vorn."

Übrigens: Eine detaillierte Erklärung des Hamilton-Urteils gibt's im Re-Live der Formel-1-Analyse vom Samstag auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de. Chefredakteur Christian Nimmervoll (Hier geht's zu seiner Facebook-Seite!) beantwortet in dem Video (57 Minuten) alle Fragen zu den FIA-Entscheidungen in Sao Paulo, die ihm User aus dem Livechat gestellt haben.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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