Toto Wolff schlägt drittes Auto und 30 Formel-1-Teilnehmer vor

Wie können talentierte Nachwuchspiloten leichter den Weg in die Formel 1 schaffen? Toto Wolff plädiert für mehr Autos, aber nicht mehr Teams

Toto Wolff schlägt drittes Auto und 30 Formel-1-Teilnehmer vor

Das Fahrerfeld der Formel-1-Saison 2022 steht nahezu fest. Nur die Frage, wer bei Alfa Romeo Teamkollege von Valtteri Bottas wird, ist noch offen. Neue Gesichter findet man beim Blick auf die Cockpits für die kommende Saison vergeblich. Nach aktuellem Stand ist kein einziger Rookie dabei, bei Alfa könnte Topkandidat Guanyu Zhou diese komplette Leere zumindest beenden.

Einige junge Fahrer, die laut Meinung vieler Experten das Zeug für die Formel 1 hätten, schauen in die Röhre - manche bereits seit Jahren. Der Niederländer Nyck de Vries etwa fand weder nach seinem Formel-2-Titel 2019 noch nach seinem Triumph in der Formel E vor wenigen Wochen ein Cockpit.

Auch Ferrari und Alpine kämpfen ziemlich aussichtslos darum, ihre Junioren in die Formel 1 zu kriegen. Zhou gehört zwar dem Nachwuchskader der Franzosen an, sollte der Chinese aber bei Alfa unterschreiben, würde dies trotz unbestrittener Qualitäten auf der Strecke wohl auch mit finanziellen und geschäftlichen Interessen zusammenhängen.

Capito scherzt: "Brauchen eine Altersobergrenze"

Ferrari-Junior Callum Ilott, in diesem Jahr Testfahrer bei Alfa Romeo, hat mangels realistischer Chancen bereits die Fühler Richtung IndyCar ausgestreckt. Auch Robert Schwarzman muss sich wohl nach Alternativen umsehen, will er nicht ein drittes Jahr in der Formel 2 fahren.

Und die nächste Generation an Toptalenten steht bereits Schlange. Ob Oscar Piastri, Theo Pourchaire, Dennis Hauger und wie sie alle heißen - an Nachwuchspiloten mangelt es nicht. Dafür jedoch umso mehr an Cockpits in der Formel 1. Beendet nicht gerade ein aktiver Formel-1-Pilot seine Karriere, wie nach diesem Jahr Kimi Räikkönen, rochieren die Teams in der Königsklasse derzeit eher untereinander.

Wie also können junge Piloten in die Formel 1 gebracht werden? "Vielleicht brauchen wir eine Altersobergenze", gibt Williams-Teamchef Jost Capito bei 'Sky' einen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag ab.

Hohe Hürden für neue Teams

Auf den ersten Blick könnten mehr Teams helfen, um das Dilemma zu beheben. Letztmals stieg Haas 2016 als Neuling in die Formel 1 ein und in der Vergangenheit gab es meist mindestens elf Teams. Mit dem neuen Concorde-Agreement in der Formel 1 sind die Hürden für Neueinsteiger allerdings so hoch wie noch nie.

200 Millionen Dollar müssen interessierte Teams inzwischen als reine Antrittsgebühr bezahlen, um einsteigen zu können. Die Investitionen, um so ein Team überhaupt aufzubauen geschweige denn ein Auto zu entwickeln, sind noch gar nicht eingerechnet. Der frühere Rennstallbesitzer Eddie Jordan hatte bereits vor einem "Kartell der bestehenden Teams" gewarnt.

Die Formel 1 hingegen will verhindern, dass erneut Teams einsteigen, die schon zu Beginn chronisch unterfinanziert sind oder ihre Teilnahme - wie das berüchtigte Projekt US F1 - letztendlich absagen müssen. Von den drei Neueinsteigern 2010 - HRT, Virgin und Lotus - ist trotz zahlreicher Umbenennungen und Besitzerwechseln heute kein Team mehr dabei.

Wolff: Franchise-System macht F1 zur Champions League

Formel-1-Vermarkter Liberty Media kennt das Prinzip aus dem US-Sport bestens, die dortigen Franchise-Ligen wie die NFL oder NBA sind geschlossene Systeme. Auch dort müssen horrende Gebühren bezahlt werden, damit ein neues Team aufgenommen werden kann.

"Dass die Formel 1 so geschlossen ist wie die amerikanischen Franchises, das macht sie zur Champions League des Motorsports", findet Mercedes-Teamchef Toto Wolff durchaus Gefallen an dem aktuellen System. Doch auch er weiß: "Wir müssen sicherstellen, dass junge, talentierte Fahrer eine Chance kriegen können."

Schließlich lebt auch der gesamte Unterbau davon, dass junge Fahrer den Traum verfolgen, einmal in die Formel 1 zu kommen. Sollte sich der Eindruck verfestigen, dass dieser Schritt noch unwahrscheinlicher ist als ohnehin schon, könnte dies langfristig die Talente abschrecken und vom Motorsport wegtreiben.

Horner für mehr Teams

"Ich glaube, es fehlen wahrscheinlich ein, zwei Teams. Es gibt viele junge Burschen in der Formel 2, die eine Chance verdient hätten. Es gibt aber einfach nicht genug Plätze, die frei werden", fasst Red-Bull-teamchef Christian Horner das Dilemma zusammen. Dabei ist die Chance für die Talente aus dem Red-Bull-Nachwuchs doppelt so groß, in die Formel 1 zu kommen - zumindest rein auf die Zahl der Cockpits bezogen.

Denn in AlphaTauri betreibt Red Bull ein eigenes Nachwuchsteam, in dem seit Jahren die besten Talente aus dem eigenen Stall ihre Formel-1-Debüts feiern. "Man wartet, bis ein Kimi zurücktritt, damit mal ein Cockpit zur Verfügung steht irgendwo. Ich glaube daher wirklich, die Formel 1 könnte noch ein, zwei Teams unterbringen", sagt Horner.

Ein Anreiz für Neueinsteiger könnte die Budgetobergrenze sein. Diese hält nicht nur die Kosten im Rahmen, sondern verhindere laut Horner auch, dass Paydriver die Plätze besetzen. "Es gibt Fahrer mit großen Budgets, die nicht notwendigerweise einen Platz kriegen, weil die Teams unter der Budgetobergrenze nicht darauf angewiesen sind. Das funktioniert also", meint er.

Kritik an Wolffs Vorschlag

Auch McLaren-CEO Zak Brown "würde gerne ein elftes oder ein zwölftes Team sehen", doch mehr Teams bedeuten gleichzeitig weniger Einnahmen für die bestehenden Rennställe. "Wenn du mehr Stücke aus einem Kuchen herausschneidest, dann bekommt jeder weniger", sagt Horner.

Daher bringt Toto Wolff eine andere Idee ins Spiel. Die bestehenden Teams bleiben unverändert, setzen aber ein drittes Auto sein. "Wir könnten ein drittes Auto einsetzen und dort verbindlich einen Rookie reinsetzen. Auf einmal hast du dann eine Startaufstellung mit 30 Fahrzeugen", rechnet er vor.

Doch diese Idee sorgt für viel Kritik. "Man kann jetzt auch nicht auf 30 Autos aufstocken, das funktioniert auch relativ schlecht", meint etwa Jost Capito und verweist auf die Kosten. "Ein Team aufzustocken von zwei auf drei Autos ist auch unheimlich schwierig, das sind 50 Prozent mehr. Ich weiß nicht, wie das mit 22, 23 Rennen im Jahr zu bewerkstelligen wäre", erklärt er.

Capito: Lasst es, wie es ist!

Auch Zak Brown warnt vor "steigenden Kosten für die Teams". Wolff ist das Thema bewusst, er hat daher auch einen Finanzierungsvorschlag. "Kleinere Teams können diese Cockpits mit Geldern des Fahrers oder durch Sponsoren finanzieren lassen. Das könnte interessant sein", meint der Österreicher. Dies würde im Zweifelsfall aber wohl eher die Paydriver in die Formel 1 holen, Talenten mit weniger Budget wäre damit kein Stück geholfen.

Daher schlägt Capito vor, das Feld so zu lassen, wie es derzeit ist. "Ich denke, die 20 besten Fahrer sollten in der Formel 1 sein. Und ich denke, das ist im Moment auch der Fall", meint er. "Es gibt ja auch noch andere Rennserien, wo man ausweichen kann. Für die Jungen ist es schwierig und nur die Creme de la Creme setzt sich da durch", meint er.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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