Trotz "Maldonado-Moment": Williams funktioniert jetzt "in jeder Kurve"

George Russell und Nicholas Latifi schaffen im Qualifying zum Grand Prix in Imola beide den Einzug ins Q2 - Fast wäre auch Q3 noch machbar gewesen ...

Trotz "Maldonado-Moment": Williams funktioniert jetzt "in jeder Kurve"

Zum ersten Mal seit dem Ungarn-Qualifying des Vorjahres schafften es beide Williams-Piloten an einem Samstag wieder in das Q2. In der Zeitenjagd von Imola zeichnete sich ein ungewohntes Bild ab: Nicholas Latifi war kontinuierlich schneller als Teamkollege George Russell. Nach einem "Maldonado-Moment" konnte der Brite das Blatt im letzten Umlauf doch noch wenden: P12.

"Das war eine gute Session. Vor dem Wochenende dachte ich, das könnte unsere Chance für Q3 und Punkte werden", gibt Russell nach dem Qualifying zu. Doch: "Nach jeder einzelnen Session dachte ich dann eher, wir haben Glück, wenn wir es aus dem Q1 schaffen."

Tatsächlich war die Angelegenheit knapp: Nach den ersten schnellen Runden lagen beide Williams-Fahrer deutlich unter dem Strich. Latifi reihte sich auf Position 17 ein, Russell gar nur auf 19. Dazu hatte auch ein "Maldonado-Moment" kurz vor seiner ersten fliegenden Runde beigetragen, schildert der Brite.

"Maldonado-Moment" vor der ersten Q1-Runde

Was war passiert? Russell setzte zu Beginn von Q1 zu seiner ersten schnellen Runde an. Vor der letzten Kurve verstellte er am Lenkrad noch die Motoreneinstellung des Mercedes-Antriebs, um in der Runde volle Leistung abrufen zu können.

Dabei war er für einen kurzen Augenblick unachtsam und geriet am Ausgang von Kurve 18 von der Ideallinie ab. Er ratterte über das Kiesbett. Die Änderung wollte er so lange wie möglich hinauszögern, um den maximalen Vorteil für die fliegende Runde ausnutzen zu können.

"Es ist kein Geheimnis, dass Mercedes ein bisschen Probleme mit der Abgabe [der elektrischen Power aus] der Batterie hat. Jeder einzelne Meter mehr gibt dir am Ende der Runde einen Meter. Daher wollte ich so spät wie möglich in den Modus wechseln, also auf halben Weg durch die Kurve, bevor ich aufs Gas stieg."

Doch: "Die Reifen waren noch ein wenig kalt, ich war nicht vollkommen konzentriert. Das hat zu einem 'Pastor-Maldonado-Moment' geführt", schmunzelt Russell in Anspielung auf den venezolanischen Ex-Formel-1-Fahrer. Mit verschmutzten Reifen setzte er dennoch eine erste, schwache Rundenzeit.

Nur auf Platz 19 liegend wusste der Brite, dass der zweite finale Q1-Lauf alles entscheiden würde. Auf einem frischen Soft-Reifensatz katapultierte er sich im letzten Umlauf zunächst auf Rang 14. "Ich bin nur mit Mühe durchgekommen", gesteht er später.

Bei nur noch zwei Sekunden auf der Uhr überquerte er Start-Ziel für seinen letzten Versuch. "Ich hatte Dani [Ricciardo] knapp hinter mir. Er wollte mich mit DRS schon überholen, aber dank unseres Speeds auf den Geraden konnte ich ihn hinter mir halten."

"Das ist unsere Chance, dass Williams ins Q3 kommt"

Viel überraschender war die Runde von Teamkollegen Latifi, der sich im letzten Moment auf Platz zwölf schob - und Russell fast noch rausgekegelt hätte. "Ich war sehr erleichtert [über den Q2-Einzug]. Das war eine gute Runde, aber wieder war Nicholas zwei Zehntel vor mir."

Der 23-Jährige traute seinem Team noch deutlich mehr zu, vor allem dem Kanadier: "Ich dachte, das ist unsere Chance, dass Williams ins Q3 kommt. Und es würde Nicholas sein, ehrlich gesagt! Daher musste ich alles geben. Zum Glück lief es in Q2 recht gut."

Im zweiten Quali-Segment sei sein FW43B dann plötzlich "zum Leben erwacht", schildert Russell. "Das Auto fühlte sich großartig an." Zur Überraschung vieler Beobachter traute sich der Traditionsrennstall zunächst auf den härteren Medium-Reifen in Q2 auf die Piste.

Diese Taktik können sich normalerweise nur die Topteams an der Spitze erlauben, die sich mit einer guten Medium-Runde in Q2 einen Startvorteil herausfahren. Diesmal wollte es auch Williams wissen. Und tatsächlich schien das Märchen vom ersten Q3-Einzug seit Lance Stroll in Monza 2018 wahr zu werden.

Nach seinem ersten Versuch auf dem gelben Pneu reihte sich Russell überraschend auf dem zehnten Rang ein - das vorläufige Ticket für Q3. Im finalen Run ging er dann aber auf Nummer sich und ließ einen Satz weicher Reifen montieren.

"Eigentlich wollte ich auch den zweiten Versuch auf dem Medium fahren. Denn ich lag auf Platz zehn, oder elf, und das mit dem Medium - das war doch überraschend", gesteht er. "Wir haben uns dann aber für den Soft entschieden. Und ich konnte mich noch einmal um drei Zehntel steigern."

Russell "verwirrt" über erstarkten Latifi

Mit seiner Rundenzeit von 1:15.261 Minuten ist Russell zufrieden, auch wenn er die Top-10-Hürde am Ende um 0,123 Sekunden verpasst hat. "Das war eine sehr gute Runde. Insgesamt bin ich daher sehr glücklich über P12. Das war besser als erwartet."

Was wäre möglicherweise auf einem frischen Satz Medium möglich gewesen? "Die [erste] Medium-Runde war sehr, sehr gut. Die Strecke verbessert sich natürlich immer weiter. Aber ich wäre überrascht gewesen, wenn ich noch schneller hätte fahren können."

Daher bereut er den Ansatz, am Ende doch auf den Soft gewechselt zu haben, in keinster Weise. "Nein, nein. Wir werden uns das ansehen. Immerhin haben wir dadurch einen Satz frischer Mediums für das Rennen, das sollte ein Vorteil für uns sein."

George Russell, Ross Brawn

Russell war "verwirrt", dass Latifi fast immer schneller war

Foto: Motorsport Images

Bevor Russell allerdings über seine Chancen im Grand Prix der Emilia-Romagna nachdenken möchte, grübelt er über seine unterdurchschnittliche Leistung am bisherigen Wochenende. Schon im Gesamtklassement des Trainingsfreitags lag er rund drei Zehntel hinter seinem kanadischen Teamkollegen.

"Ich muss persönlich noch verstehen, warum ich in jeder einzelnen Runde bis zum entscheidenden Moment von der Pace weg war." Russell erkennt an: "Nicholas hatte in jeder Runde an diesem Wochenende die Oberhand, ich war ehrlich verwirrt darüber."

Denn das Gefühl im Williams-Boliden stimmte, betont er. "Ich bin gut gefahren und das Auto fühlte sich auch gut an", rätselt er. "Und er war dennoch meist um drei oder vier Zehntel schneller als ich." Nur nicht im allerletzten Q2-Versuch.

Latifi: Hätte beinahe nicht am Quali teilnehmen können

Mit einer Rundenzeit von 1:15.593 Minuten reihte sich Latifi am Ende auf Platz 14 ein, drei Zehntel hinter Russell. "Auf der letzten Runde [in Q2] habe ich gleich zu Beginn einen Fehler gemacht, ich habe den Scheitelpunkt in Kurve 2 zu sehr attackiert", erklärt er.

Mit der restlichen Runde war der Kanadier zwar zufrieden, doch die erwünschte Verbesserung blieb dennoch aus. "Das war für mich auch noch alles ein wenig neu, auch mit der Evolution der Strecke in Q2 - schließlich ist es schon eine Weile her, dass ich das letzte Mal [in Q2] war."

Konkret schaffte es Latifi in Imola überhaupt erst zum zweiten Mal in seiner noch jungen Formel-1-Karriere in den zweiten Abschnitt. "Ich bin wirklich sehr erfreut darüber. Denn was man in der Übertragung gar nicht gesehen hat: Ich hätte es fast nicht raus geschafft für das Q1", verrät er.

 

Denn im Abschlusstraining am Vormittag unterlief ihm ein Fehler. In der Villeneuve-Passage kam er von der Piste ab, rodelte über das Kiesbett und schlug mit der Front leicht in die Bande ein. "Ich habe einfach gepusht, um das Limit zu finden. Da habe ich es dann ein wenig übertrieben."

Schon davor tat sich Latifi in der Kurvenpassage 5 und 6 schwer. "Es war dann einfach Pech, dass ich den Drift in die Mauer nicht mehr abstoppen konnte. Das hat uns definitiv zurückgeworden. Aber wir haben uns gut zurückgekämpft."

Zwar konnte der Bolide notdürftig repariert werden, nach der Session wurden aber noch weitere Checks durchgeführt. "Bis zur Unterbrechung [in Q1 durch den Unfall von Yuki Tsunoda] war nicht mal der Unterboden am Auto", merkt Latifi an.

War der Q3-Einzug von Williams in Imola realistisch?

Ohne die Rote Flagge zu Beginn des Qualifyings hätte er wohl nicht am Zeittraining teilnehmen können, die Zeitverzögerung spielte Williams in die Karten. "Da hatten wir ein wenig Glück." Wenig später setzte er sich im allerletzten Q1-Moment auf Rang zwölf.

"Ich bin besonders zufrieden mit meiner Q1-Runde. Leider konnte ich mich in Q2 nicht mehr so stark steigern." Knapp eine Zehntelsekunde fand der 25-Jährige im zweiten Segment. Für das Weiterkommen in das Shootout der letzten Zehn hätte er um mehr als 0,455 Sekunden schneller sein müssen.

War der Q3-Einzug eines Williams-Fahrers am Samstag in Imola jemals realistisch? "Q3 war für mich wohl eher nicht möglich, vielleicht für George", meint Latifi. Der Brite lag rund eine Zehntelsekunde entfernt von der ganz großen Sensation.

Nicholas Latifi

Latifi verrät: Habe es nur dank der Roten Flagge rausgeschafft in Q1

Foto: Motorsport Images

"George war nicht weit davon entfernt. Ich war ein wenig weiter zurück, das muss ich analysieren. Ich denke nicht, dass ich eine schlechte Runde hatte nach Kurve 4." Davor hat Latifi ein wenig Zeit liegen lassen, weiß er. "Ich glaube, da wäre noch ein wenig mehr gegangen."

Aber der Einzug in das Q3 wäre dann doch wohl ein wenig zu "optimistisch" gedacht gewesen. "Ich hätte mich wohl darauf verlassen müssen, vom Pech andere zu profitieren." Seit Hauptziel, nämlich der Q2-Auftritt, hat er dennoch ohne Probleme erreicht.

"Schon am Freitag war klar, dass wir die Pace haben würden, um es zu schaffen. Beide Autos durchzukriegen, ist natürlich sehr gut. Besonders nachdem wir in Bahrain noch kein so tolles Gefühl im Auto hatten." Wie kommt es also, dass Latifi in Imola plötzlich so aufblüht und gar seinen als unschlagbar gegoltenen Teamkollegen in die Schranken weist?

Vergleich 2020/21: Williams als einziges Team schneller

"Das hat schon im ersten Training angefangen. Alles war in einem guten Arbeitsfenster. Ich konnte von Runde zu Runde Selbstvertrauen aufbauen. Schon meine erste Push-Runde war konkurrenzfähig. Das hilft natürlich, wenn das Auto in einem guten Fenster funktioniert, darauf kann man aufbauen."

Zudem kennt Latifi die Strecke bereits aus dem Vorjahr. "Wenn du die Strecke in einem Formel-1-Auto schon mal gefahren bist, und das Auto recht ähnlich ist, dann hast du sehr viele Referenzpunkte. Und es ist noch nicht so lange her, dass wir hier gefahren sind."

Der Vergleich zum Vorjahr zeigt: Williams konnte sich als einziges Team steigern. Russell war um 0,062 Sekunden schneller als seine Q2-Zeit 2020. Dave Robson, leitender Ingenieur zuständig für die Auto-Performance, erklärt, was das Team in diesem Jahr verändert hat.

 

"Ehrlich gesagt hat sich nicht sehr viel daran geändert, wie wir das Auto abstimmen. Wir waren ein wenig langsamer im ersten Sektor, als wir das in diesem Jahr relativ zum gesamten Feld erwartet hatten. Ich dachte, wir würden dort immer noch recht stark sein."

Auf die Sektorbestzeit von Lando Norris fehlte Russell dann aber doch 0,460 Sekunden, im zweiten Sektor verlor er drei Zehntel und im letzten Abschnitt noch einmal rund vier Zehntel. "Wir hatten aber einfach insgesamt eine bessere Balance und waren deutlich zufriedener", wirft Robson ein.

Verbesserungen konnte er vor allem im letzten Sektor erkennen: "Im Vorjahr hatten wir Schwierigkeiten, vor allem in Kurve 17 beim Anbremsen - das ist dieses Jahr viel besser. Das Auto kommt dort nun in deutlich besserer Form an mit den Reifen."

FW43B stabil in den Kurven: "Ungewöhnlich"

Der leitende Ingenieur vermutet, dass die kühleren Temperaturen ebenfalls zur Leistungssteigerung beigetragen haben. "Aber generell verhält sich das Auto deutlich besser. Beide Fahrer waren auch seit dem ersten Run im ersten Training zufrieden."

Russell ergänzt: "Wir haben ein paar Änderungen am Abtrieb vorgenommen und sind sehr schnell auf den Geraden. Das spielt uns in die Hände." Außerdem verhalte sich der FW43B sehr stabil in den Kurven, selbst die hohen Ransteine scheinen kein Problem darzustellen.

"Da haben wir uns selbst ein wenig überrascht, dass das Auto mechanisch so gut fährt. Die Aero spielt auch mit. Die Fahrer können das Auto genau so platzieren, wie sie es wollen in den Kurven. Das ist recht ungewöhnlich für uns", gibt Robson zu.

Nachsatz: "Vielleicht ist das ein Vorteil, dass wir recht alte Leute im Team haben, die sich noch daran erinnern, wie wir früher hier gefahren sind - obwohl sich die Strecke seit 2005 ein wenig verändert hat." Zusätzlich positiv stimmt die Mannschaft, dass der Williams im Longrun besser ausgesehen hat als im Quali-Sim.

"Wir haben eines der schnellsten Autos auf den Geraden, das sieht vielversprechend aus", weiß Russell. "Das mag wohl eine unserer besseren Strecken sein, das ist die wahre Pace unseres Autos." Der Brite hofft darauf, im zweiten Saisonrennen die ersten Punkte einfahren zu können - und seinen Fehler aus dem Vorjahr (Crash hinter dem Safety-Car) wieder gutzumachen.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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