Überholmanöver des Rennens: Vettel holt erste WM-Punkte in Grün

Sebastian Vettel schafft im Grand Prix von Monaco dank des Überholmanövers des Rennens vorbei an Pierre Gasly und der richtigen Strategie Platz fünf

Überholmanöver des Rennens: Vettel holt erste WM-Punkte in Grün

"Das ist ein sehr guter Tag für uns, beide Autos sind in den Punkten angekommen. Wir sind sehr glücklich, das haben wir gebraucht", schildert ein zufriedener Sebastian Vettel nach dem Grand Prix von Monaco. Der Heppenheimer schafft im Fürstentum mit Platz fünf sein bislang bestes Resultat mit Aston Martin - dank eines strategischen Kniffs (Stichwort "Overcut") und eines sehenswerten Überholmanövers.

"Irgendwie wussten wir schon, dass man in Monaco mehr rausholen kann als üblich, das war am Wochenende der Fall", strahlt er nach seiner besten Saisonleistung im Interview bei 'Sky'. (ANZEIGE: Die Formel 1 live erlebst Du in Deutschland nur auf Sky. Entweder mit Sky Q oder ganz flexibel und ohne Receiver mit einem Sky Ticket!)

"Im Rennen war vor allem der erste Stint sehr wichtig - gerade hinten raus auf den weichen Reifen noch genug Pace zu haben, um an Lewis und auch an Pierre vorbeizugehen. Auch wenn's sehr eng war an der Boxenausfahrt, aber das gehört auch dazu."

Vettel scherzt: "Spiegel sind nicht 4K und HD"

Was die TV-Regie in der Liveübertragung des Rennens ein wenig verschlafen hat: Vettel überholte nach seinem Boxenstopp in Runde 32 Pierre Gasly (AlphaTauri) und Lewis Hamilton (Mercedes) mit einem harten, aber fairen Manöver hinauf zum Casino.

Wie hat der Deutsche die Szene des Rennens selbst erlebt? "Lewis war ein bisschen weiter hinten dran, aber Pierre war fast direkt daneben. Und es ist unheimlich schwer, weil man sieht in dem Moment nicht so viel. Die Spiegel sind nicht wahnsinnig toll - ist nicht 4K und HD", lacht Vettel.

Gasly lag nach Sainte Devote fast auf gleicher Höhe mit dem Aston Martin, als dieser zurück auf die Strecke ging. "Er war ein bisschen in einem toten Winkel. Ich wusste, dass er irgendwo da ist. Und dann geht es ja auch nicht gerade den Berg hoch, sondern so geschlängelt", gibt der Deutsche zu bedenken.

"Ich habe kurz mit ihm gesprochen, das war schon haarig", gibt er im Nachhinein zu. Gleichzeitig betont Vettel aber auch, dass er zu jedem Zeitpunkt versucht habe, Gasly Platz zu lassen. "Aber irgendwann war's dann wahrscheinlich für ihn zu eng und ich konnte mich dann behaupten."

Hat er damit gerechnet, dass es an der Boxengassen-Ausfahrt dermaßen eng werden würde? "Nein, ich wusste, dass es eng werden würde, aber nicht so knapp", gibt Vettel zu. "Das ist immer schwierig vorherzusagen. Ich hatte die Nase immer ganz leicht vorne."

Er gibt außerdem zu, dass er nicht einschätzen konnte, wie sich Gasly verhalten würde. "Ich konnte ihn sehen, aber nicht genug, um wirklich sagen zu können, wie weit ich vorne war. Wir waren fast Seite an Seite. Und dann ging es links und rechts rauf."

Gasly: "Entweder ich befördere uns beide in den Hafen ..."

Vettel hatte frische harte Reifen aufgezogen, gleichzeitig musste er durch den Gummiabrieb ("Pick-up") am Streckenrand rasen. "Ich habe ihm Platz gelassen, hatte aber auch frische Reifen drauf. Dabei bin ich noch über das Pick-up gefahren, das war nicht die komfortabelste Linie hoch zum Casino."

Dennoch konnte sich der 33-Jährige schließlich behaupten, Gasly steckte zurück. "Ich war einfach diese viertel oder halbe Autolänge vorne, die hat den Unterschied ausgemacht."

Wie hat der Franzose die Szene erlebt? "Ich war in einem Sandwich zwischen einem viermaligen und einem siebenmaligen Weltmeister eingeklemmt, es gibt schlimmere Tage", schmunzelt er nach dem Rennen. "Ich glaube, mir haben fünf Zehntel gefehlt hoch den Hügel."

 

Der AlphaTauri-Pilot hadert ein wenig mit sich. Wäre er fünf Zehntelsekunden schneller gewesen, glaubt Gasly, wäre er womöglich vor Vettel geblieben. Doch er fand sich schließlich Seite an Seite mit dem Aston-Martin-Piloten nach Kurve 1 wieder.

Seine Überlegung in jenem Moment: "Entweder ich befördere uns beide in den Hafen, oder wir landen auf P5 und P6. Ich nehme lieber acht Punkte mit, statt null." Daher gab er am Ende doch nach. "Er hat mir zwei Zentimeter Platz gelassen. Ich bin dann auf die Marbles gekommen und konnte in Kurve 3 rein nicht so spät bremsen."

Nach dem Rennen haben die beiden Piloten über die Szene gesprochen. Böses Blut fließt deshalb keines zwischen Vettel und Gasly. Die Angelegenheit sei zwar "sehr eng" gewesen. Aber das Manöver schließlich "hart, aber fair".

Aston-Teamchef: "Das war das Highlight des Rennens"

Nachsatz: "Wäre ich ein wenig aggressiver gewesen, dann wären wir wohl beide im Hafen gelandet", meint der Red-Bull-Fahrer.

Von Aston Martin hingegen gibt es Lob für die Aktion: Das sei "Nervenkitzel pur" gewesen, schwärmt Teamchef Otmar Szafnauer. "Es war in der Tat das Highlight des Rennens, und Sebastian wurde zu Recht zum Fahrer des Tages gewählt, was sowohl willkommen als auch verdient war."

Doch wie kam der Deutsche überhaupt in die Position an der Boxengassen-Ausfahrt? "Wir haben heute die richtigen Entscheidungen an der Box getroffen. Auch die Pace hat geholfen, wir konnten draußen bleiben und diese Pace zwei oder drei Runden länger fahren", erklärt Vettel.

Das Zauberwort lautet in diesem Fall: "Overcut". Der erste strategische Dominostein fiel in Runde 29, ausgelöst durch Lewis Hamilton. Der Mercedes-Pilot lag zu jenem Zeitpunkt rund drei Sekunden vor dem Aston Martin auf der Strecke, als er seine gebrauchten Softs gegen frische Hards eintauschte.

Vettel rückte auf Position sechs vor, er lag nun rund dreieinhalb Sekunden hinter Gasly. Doch nur eine Runde später entschied sich auch der Franzose dazu, an die Box zu gehen und auf frische harte Reifen umzustecken. Der Heppenheimer hingegen blieb weiterhin auf der Strecke.

Er habe sich gut gefühlt auf dem gebrauchten weichen Reifen im ersten Stint und habe zunächst seine Pneus ein wenig geschont, gibt er nach dem Rennen zu Protokoll. Gegen Ende des ersten Rennabschnitts kam er immer besser in Fahrt.

Vettel: Runden vor dem Boxenstopp waren entscheidend

In Runde 28 konnte Vettel eine 1:16.636 Minuten fahren. Gasly war um eine halbe Zehntel langsamer, Hamilton um fast vier Zehntel. In Runde 29 legte der Deutsche an Tempo zu. Er fuhr eine 16.298 Minuten, damit war er eine halbe Sekunde schneller als der Franzose - Hamilton bog an die Box ab (1:33.051 Minuten).

In Runde 30 verschärfte Vettel das Tempo nun bei freier Fahrt erneut: 1:16.030 Minuten, damit war er 1,7 Sekunden schneller als der Brite - Gasly holte sich frische Reifen ab (1:33.589 Minuten). "Ich wusste, dass jener Zeitpunkt entscheidend sein würde", schildert er.

"Mein Ingenieur Chris sagte mir, dass ich ruhig bleiben sollte und nun die Zeit gekommen sei. Die Reifen waren zwar nicht mehr frisch, aber ich konnte dennoch schneller fahren als bislang. Das hat den Unterschied ausgemacht."

Sebastian Vettel

Runde 32: Vettel kommt an die Box, zwei Runden nach Hamilton, eine nach Gasly

Foto: Motorsport Images

Auch Vettels Runde 31 inklusive Boxenstopp war deutlich schneller als die Outlap von Gasly und Hamilton: 1:32.812 Minuten. "Ich habe es genossen. Denn da hat es wirklich gezählt. Ich wusste, dass die Runden vor dem Boxenstopp die entscheidenden sein würden. Und das war dann auch so."

Er habe das Auto im Griff gehabt und konnte auf den alten Softs pushen, als es darauf ankam. "Die ersten Runden verbrachte er auf einem soliden siebten Platz und blieb in Kontakt mit Lewis auf Platz sechs. Bei den Boxenstopps setzte er dann eine exzellente Strategie um", ist Teamchef Szafnauer erfreut.

Lob kommt nach dem Grand Prix auch von Landsmann Nico Rosberg. Der Weltmeister von 2016 zieht bei 'Sky' den Hut: "Jetzt haben wir mal den alten Sebastian, den phänomenalen Fahrer, gesehen. Von mir kriegt er auf alle Fälle zehn von zehn Punkten."

Rosberg: "Haben wieder den alten Sebastian gesehen"

Die Begründung: "Die zwei Runden, die er gemacht hat, als Gasly und Hamilton bereits in der Box waren. Diese waren so phänomenal und stark, dass er beide dadurch überholt hat", analysiert Rosberg.

"Heute hat der Overcut sehr gut funktioniert", stimmt Gasly zu, "weil das Warm-up der harten Reifen sehr schwierig war." Während der AlphaTauri und der Mercedes die Reifen in den Runden nach dem Stopp erst auf Temperatur bringen mussten, konnte Vettel die entscheidenden Zehntel gutmachen.

"Wäre ich fünf Zehntel schneller gewesen, wäre das besser ausgegangen. In der Outlap hatte ich Lewis gleich hinter mir, ich musste mich verteidigen. Ich hatte dabei kaum Grip", erklärt Gasly die Schwierigkeit. "Dann hatte ich eine blaue Flagge, da haben wir auch ein wenig verloren."

Als er den grünen Renner des Deutschen schließlich aus der Boxengasse fahren sah, war er direkt überrascht. "Ich war überrascht, ihn da zu sehen", gibt er zu. "Aber er ist ein gutes Rennen gefahren."

Dieser Einschätzung stimmt Szafnauer zu. Der Aston-Martin-Teamchef betont: "Sebastian hat eine wirklich beeindruckende Fahrt heute gezeigt. Er konnte in einem harten Rennen, in dem er keinen Fehler gemacht hat, Fünfter werden."

Sky-Experte Timo Glock führt die erstarkte Form des Heppenheimers auf die "Leichtigkeit" zurück, die er das gesamte Wochenende über gezeigt habe. "Von Session zu Session konnte er sich steigern und hat das im Qualifying super umgesetzt und im Rennen auch. Dann läuft es etwas geschmeidiger."

Erste WM-Punkte in Grün: Bislang bestes Wochenende

Vettel selbst spricht vom bislang besten Rennwochenende des Jahres mit Aston Martin. "Wir haben einen schwierigen Saisonstart erlebt, die Erwartungen waren sehr hoch nach dem Vorjahr", rekapituliert er. "Das war ein wichtiges Ergebnis, das haben wir gebraucht."

Monaco sei eben besonders. "Hier hat man immer die Chance, etwas draufzulegen. Wir haben diese Chance an diesem Wochenende genutzt. Hoffentlich nehmen wir dieses Momentum in das nächste Rennen mit."

Was man nicht vergessen darf: Vettel blieb bislang in den ersten vier Saisonrennen punktelos. Mit den zehn Zählern aus dem Fürstentum katapultierte er sich nun auf Platz elf in der Fahrer-WM. Welche Note gibt er sich selbst für diese Leistung?

"Weiß ich nicht", schmunzelt er und meint: "Da gibt es ja genug Experten, die da immer dran sind zum Benoten. Natürlich war es ein gutes Wochenende und in der Hinsicht in diesem Jahr das beste. Aber ich hoffe, dass wir - egal wie die Note dann ausfällt - darauf aufbauen können."

Weitere Co-Autoren: Oleg Karpow. Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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