Formel-1-Technik mit Giorgio Piola
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Vettels Ferrari-Lenkrad: Wofür ist der ominöse Zusatzhebel?

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Vettels Ferrari-Lenkrad: Wofür ist der ominöse Zusatzhebel?
Autor: Edd Straw
Co-Autor: Jonathan Noble
Übersetzung: Roman Wittemeier
23.04.2018, 16:07

Seit dem Qualifying zum Grand Prix von Bahrain 2018 wird in der Formel 1 gerätselt: Warum hat Vettels Lenkrad einen Bedienhebel mehr als das von Räikkönen?

Ferrari steht derzeit im Zentrum von Diskussionen über einen möglichen Technikkniff in der Formel 1. Dabei geht es um ein drittes Bedienelement auf der Rückseite des Lenkrads von Sebastian Vettel. Dieser zusätzliche Hebel ist nur in seinem Auto verbaut, bei Teamkollege Kimi Räikkönen sucht man vergebens danach. Ersten Spekulationen zufolge hat Ferrari einen Trick erfunden, um während der Fahrt Einstellungen am Auto verändern zu können.

Das Team wollte die Existenz dieses Schalters eigentlich verbergen. Doch er wurde entdeckt, als Sebastian Vettel seinen Wagen nach der Pole-Position für den Grand Prix von Bahrain abstellte. Die Wippe befindet sich hinten rechts am Lenkrad, direkt oberhalb der Bedienelemente für Schaltung und Kupplung. Ferrari hält sich bezüglich der Funktionsweise bislang äußerst bedeckt.

 

 

 

Ferrari SF71H steering wheel comparsion Vettel and Raikkonen
Ferrari SF71H steering wheel comparsion Vettel and Raikkonen

Foto Giorgio Piola

Die Italiener streiten jedoch eine Vermutung vehement ab: Dass mit diesem Schalter mittels verändertem Motorenmapping ein konstanter Abgasstrom in der Kurve erzeugt wird, ohne auf dem Gas zu stehen. Das gilt ohnehin als unwahrscheinlich, weil die FIA mit Nachdruck erklärt hat, dass man jegliche Ansätze dieser Art rigoros unterbinden werde. Ein energiereicher Abgasstrom im Schleppbetrieb ist tabu. 

Die Diskussion war zu Beginn der Formel-1-Saison 2018 bereits kurz entfacht worden, als die konkurrierenden Teams mit Argwohn auf den angeblasenen Heckflügel am Renault blickten. "Das ist alles kein Problem. Zumindest, solange sie ihren Motor nicht in einem falschen Modus betreiben - sprich einem Modus, der nicht normal erscheint", lautete das Urteil des FIA-Delegierten Charlie Whiting. Interessant sind jedoch die Bauweise und die Positionierung des neuen Ferrari-Elements am Lenkrad.

Die Position auf der Rückseite legt den Verdacht nahe, dass dieser Schalter auch bei eingeschlagenem Lenkrad für den Piloten leicht zu bedienen sein muss. Es erscheint möglich, dass damit während der Kurvenfahrt diverse Einstellungen von Differenzial, Motormapping oder Energiemanagement angepasst werden könnten. Die Wippe hat mehrere Rasten, es handelt sich also nicht um einen einfachen An/Aus-Schalter. 

 

Mercedes F1 W08 steering of Lewis Hamilton
Mercedes F1 W08 steering of Lewis Hamilton

Foto Giorgio Piola

"Als ich es erstmals sah, tat ich es als unwichtig ab, aber dann dachte ich, dass da schon etwas seltsames gebaut wurde", so Technikexperte Craig Scarborough. "Wie man sieht, verfügt dieses Teil über einen Drehwinkelsensor. Es ist also stufenweise einstellbar. Er schaltet damit also nicht irgendetwas an oder aus, sondern es wird irgendetwas am Auto verstellt, das erhöht oder verringert werden kann." Die genaue Funktion des Schalters ist nach wie vor unklar. 

Ferrari fällt nicht zum ersten Mal durch solche Lösungen auf. Zur Saison 2017 hatte die FIA die Regeln beim Start angepasst: Es durfte nur noch ein einzelner Kupplungshebel verbaut werden statt wie bis dahin zwei. Diese neue Lösung sollte den Fahrer wieder mehr in den Vordergrund stellen und mehr Streuung bieten. Ferrari baute eine speziell geformte Kupplungswippe ein, die den Piloten ein gefühlvolles Kuppeln ermöglichte. Auch andere Teams experimentierten mit der Form der Wippen am Lenkrad. 

Ferrari SF70H steering wheel comparsion Vettel and Raikkonen
Ferrari SF70H steering wheel comparsion Vettel and Raikkonen

Foto Giorgio Piola

Mercedes-Pilot Lewis Hamilton hatte beispielsweise bei den Testfahrten zu Beginn der Saison 2017 Kupplungswippen am Lenkrad, die einem Fingerhut glichen. Dies verhinderte ein Abrutschen und ermöglichte dem Briten ein gefühlvolles Bedienen der Kupplung. Der Nachteil: Die Finger konnten im entscheidenden Moment möglicherweise in diesen "Fingerhüten" steckenblieben. Daher veränderte man die Bauweise für die ersten Rennen des Jahres wieder.

Für den Grand Prix von Spanien 2017 brachte Ferrari eine vergleichbare Lösung am Lenkrad von Sebastian Vettel. Die perfekt geformte Aufnahme von Zeige- und Mittelfinger war zunächst aus Titan gefertigt, später rüstete man auf Carbon um. Vettel blieb bei diesem System bis zum Rennen in Singapur 2017. Nachdem der Deutsche dort einen schlechten Start und in der Folge einen Crash mit Max Verstappen hatte, stieg er ab dem Japan-Grand-Prix wieder auf eine herkömmliche Lösung um.

 

 
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Rennserie Formel 1
Urheber Edd Straw
Artikelsorte Analyse