Vier Doppelsiege "zu schmeichelhaft": Mercedes in Barcelona nicht Favorit?

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Vier Doppelsiege "zu schmeichelhaft": Mercedes in Barcelona nicht Favorit?
Autor:
Co-Autor: Roberto Chinchero
08.05.2019, 08:48

Teamchef Toto Wolff geht in Barcelona nicht von einem Selbstläufer aus - Mercedes sei nur auf dem Papier so dominant, in Wirklichkeit sei es gegen Ferrari sehr eng

Vier Rennen, vier Doppelsiege für Mercedes. Die Statistik spricht eine ziemlich eindeutige Sprache. Doch tatsächlich waren die Silberpfeile in der Formel-1-Saison 2019 bislang nicht so unantastbar, wie es die nackten Zahlen vermuten lassen. "Das Resultat scheint ein ziemlich eindeutiges Bild zu ergeben, aber tatsächlich ist es für uns viel zu schmeichelhaft", warnt auch Teamchef Toto Wolff.

"Unsere Performance hat über die ersten vier Rennen geschwankt", erklärt er vor dem Europaauftakt in Barcelona und erinnert: "In Bahrain war Ferrari in einer eigenen Liga. In Melbourne und in China waren wir in einer eigenen Liga. [In Baku] war Ferrari im Training sehr stark, wir weniger." Der Unterschied: Während Mercedes seine Stärke jeweils auch in Siege umsetzen konnte, gelang das Ferrari nicht.

In Bahrain wurde Charles Leclerc auf dem Weg zum wohl sicheren Sieg von einem Problem an seinem Motor eingebremst, und Sebastian Vettel drehte sich im Duell mit Lewis Hamilton. In Baku galt Leclerc als Pole-Favorit, warf seinen Ferrari aber bereits im Qualifying weg. "Was wir in den ersten Rennen geschafft haben ist, dass wir alle Faktoren zusammengebracht haben", erklärt Wolff.

"Das Team hat keine Fehler gemacht, die Strategieentscheidungen waren richtig, die Fahrer waren makellos. So haben wir die ersten vier Rennen gewonnen", lobt Wolff und ergänzt: "Die anderen hatten da mehr Probleme." Gemeint ist natürlich vor allem Ferrari. Denn die WM, in der Mercedes bereits 74 Punkte vor den Roten liegt, könnte ganz anders aussehen, wenn die Scuderia weniger Fehler gemacht hätte.

"Nach den Wintertestfahrten hätte niemand vier Mercedes-Doppelsiege in Folge vorhergesagt", erinnert Wolff. Damals galt Ferrari noch als Favorit. "Dennoch ist es uns gelungen, in den ersten vier Rennen 173 Punkte zu erzielen. Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, das vor allem ein Beleg für die fantastische Arbeit jedes einzelnen Teammitglieds ist", so der Österreicher.

"Ist nicht so, dass wir uns schlechtreden"

Nun geht es zurück nach Barcelona, wo Ferrari im Winter "extrem schnell" war. "Entsprechend wird der Große Preis von Spanien für uns alles andere als einfach", glaubt Wolff und ergänzt: "Trotz des guten Saisonstarts bleiben wir mit Blick auf unsere Performance weiterhin skeptisch. Uns ist bewusst, dass wir uns in einer Vielzahl an Bereichen verbessern können und müssen."

"Deshalb erwarten wir in Spanien ein hart umkämpftes Wochenende", so der Teamchef. Allerdings hörte man ähnliche Aussagen aus dem Mercedes-Lager auch schon vor den letzten Rennen. Am Ende reichte es bekanntlich trotzdem immer zu einem Doppelsieg. "Es ist nicht so, dass wir uns schlechtreden", beteuert Wolff und erklärt: "In unserer Position gibt es keinen Raum für Selbstgefälligkeit".

"Wir wissen, dass sie das wahre Kräfteverhältnis aus dem bisherigen Saisonverlauf nicht korrekt widerspiegelt", sagt Wolff und erinnert: "Obwohl unsere Rennpace in Aserbaidschan gut ausgesehen hat, konnten wir nie einen wirklich komfortablen Vorsprung auf unsere Gegner herausfahren." Für ihn sei Leclerc im Rennen in Baku "wahrscheinlich der schnellste Mann auf der Strecke" gewesen.

"Aber genau wie in Bahrain hat bei ihm nicht alles zusammengepasst", erklärt Wolff und ergänzt: "Jetzt kann man sagen: Rede nicht solchen Unsinn, es ist der vierte Doppelsieg. Aber wir denken nach wie vor so. Wir glauben immer noch, dass es so viele Dinge gibt, die wir besser verstehen und verbessern müssen." Phasenweise seien in Baku sogar die beiden Red-Bull-Piloten schneller gewesen.

Keiner will in Barcelona Favorit sein

"Wir haben keine Dominanz erwartet, aber schon, dass sie deutlich näher dran sein würden", erklärt Lewis Hamilton im Hinblick auf die Ferrari-Performance in Aserbaidschan und ergänzt: "Sebastian hat laut unseren Daten im Qualifying keinen Windschatten nutzen können. Ich glaube, dass er auf der Pole gelandet wäre, wenn er Hilfe gehabt hätte. Sie hatten die Pace, und wäre Leclerc da gewesen, hätten sie die erste Startreihe geholt."

Aus der Ferrari-Ecke wiederum war bereits zu hören, dass Mercedes auch in Barcelona der Favorit sei. "Sie tun das Gleiche wie wir: Sie reden den Gegner stark", winkt Wolff ab und erklärt: "Es gibt viele Favoriten. Die Wahrheit ist: Wir wissen es nicht. Die Performance variiert immer. [...] Die Reihenfolge insgesamt scheint sich nicht groß verändert zu haben, es stehen die gleichen Protagonisten vorne."

"Man sieht, dass Ferrari im Qualifying auf den Geraden immer noch die Messlatte ist", erklärt Wolff und ergänzt: "Im Rennen ist das nicht der Fall. Sie haben für eine schnelle Runde eine sehr gute Performance. Aber im Rennen relativiert sich das." In Spanien bringt Ferrari nun ein vorgezogenes Motorenupdate, um Mercedes zusätzlich unter Druck zu setzen.

Könnte das in Barcelona den entscheidenden Unterschied machen? Denn der Mercedes W10 ist - auch wenn die Ergebnisse etwas anderes vermuten lassen - keinesfalls so ein dominantes Auto wie einige seiner Vorgänger. Von der reinen Performance her ist der Ferrari SF90 nicht so weit weg. "Es liegt nicht nur am Auto. Es liegt an all den Bereichen, an denen das Team arbeitet", erklärt Valtteri Bottas im Hinblick auf den makellosen Saisonstart.

Der W10 ist keinesfalls unschlagbar

"Jeder [im Team] hat einen Schritt nach vorne gemacht", lobt auch Hamilton und erklärt im Hinblick auf den W10, dessen jüngere Vorgänger teils als 'Diva' bezeichnet wurden: "Es ist eine Evolution der Autos der vergangenen Jahre. Daher sollte es besser sein, und das ist es in vielen Bereichen auch. Ich würde aber sagen, es geht mehr um unser Verständnis, was wir tun müssen, um noch mehr herauszuholen."

"Ich denke, wir können etwas mehr aus dem Auto selbst herauskitzeln, und das kommt nur daher, dass wir so fleißig sind", erklärt der Weltmeister. Eine Einschätzung, die auch sein Teamkollege teilt. "Es geht immer noch besser", sagt Bottas und erklärt: "Es ist vermutlich noch immer nicht das einfachste Auto. Aber sobald es funktioniert, ist es schnell. Es ist also ganz ähnlich wie zuvor."

Ist Mercedes also einfach besser als Ferrari darin, die eigenen Schwächen zu minimieren? Zumindest ist auch der W10 kein perfektes Auto. Auch Mercedes hat beispielsweise damit zu kämpfen, die Reifen immer ins richtige Arbeitsfenster zu bringen. "Im dritten Training [in Baku] waren wir 1,6 Sekunden hinten. Da haben wir auch nichts anders gemacht, aber unser Reifen war einfach nicht im richtigen Fenster", nennt Wolff ein Beispiel.

"Das ist die Wissenschaft, die alle Teams nach und nach zu verstehen versuchen", erklärt er. Der fünfte Doppelsieg im fünften Saisonrennen wird also keinesfalls ein Selbstläufer werden. Und Toto Wolff erklärt auf Nachfrage, ob die vielen Erfolge nicht sowieso langsam langweilig werden: "Aus Fan-Sicht wünsche ich mir Abwechslung und dass viele Fahrer und Teams gewinnen. Aber ich trage nun mal die Kappe mit dem Stern. Und da ist genau das unser Job."

Mit Bildmaterial von LAT.

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