Warum die Aufregung um Mercedes' Fake-Boxenstopp umsonst ist

Fans diskutieren, ob Mercedes beim Grand Prix von Russland einen Regelverstoß begangen hat, doch das war eindeutig nicht der Fall

Warum die Aufregung um Mercedes' Fake-Boxenstopp umsonst ist

Fake-Boxenstopps, bei denen sich eine Crew zwar bereitmacht, der Fahrer dann aber doch nicht reinkommt, mutmaßlich um einen Gegner zu einem Reifenwechsel zu verleiten, sorgen in der Formel 1 seit Jahren für Diskussionen. Und beim Grand Prix von Russland in Sotschi gab es wieder mal so eine Situation.

In Runde 22 machte sich Lewis Hamiltons Mannschaft, eingefangen von den TV-Kameras, bereit für den ersten und (vermeintlich) einzigen Boxenstopp. Der spätere Sieger lag zu dem Zeitpunkt an dritter Position, 13,8 Sekunden hinter Spitzenreiter Lando Norris und 0,7 Sekunden hinter Daniel Ricciardo.

Hamiltons Rückstand auf Norris war in den zehn Runden davor von 7,6 auf 13,8 Sekunden angewachsen, und es war für seine Chancen elementar, an Ricciardo vorbeizukommen. Auf der Strecke gelang ihm das nicht, weshalb es strategisch im Grunde genommen zwei Möglichkeiten gab. Bevorzugt einen Undercut, also einen früheren Stopp, oder einen Overcut.

Das vermeintliche Antäuschen von Mercedes ist insofern problematisch, als es in Artikel 28.12 des Sportlichen Reglements wörtlich heißt: "Team personnel are only allowed in the pit lane immediately before they are required to work on a car and must withdraw as soon as the work is complete." Vereinfacht: Mechaniker dürfen nur aus der Garage raus, wenn da wirklich ein Auto kommt.

Ursprung der Regel: Nürburgring 2013

Die Regel wurde nach dem Grand Prix auf dem Nürburgring 2013 eingeführt, als ein Kameramann von einem losen Rad von Mark Webbers Red Bull getroffen wurde. Nach dem Zwischenfall gelang die FIA zur Auffassung, dass es ein Gefahrenpotenzial darstellt, wenn sich Mechaniker ohne Grund vor der Box ihres Teams aufhalten.

Aber die Aufregung einiger Fans, die Mercedes einen Regelverstoß unterstellen, ist umsonst. Erstens: Der 2019 verstorbene FIA-Rennleiter Charlie Whiting hat die Regel selbst lax gehandhabt. Seine Begründung nach einem vergleichbaren Zwischenfall in Monza 2018: "Wenn sie nicht jede Runde so tun, als würden sie gleich Reifen wechseln, werden wir dagegen nichts sagen." Solche Bluffs "gehören dazu", meinte er damals.

Und: "Es kann ja auch sein, dass sie wirklich darüber nachgedacht haben, an die Box zu kommen, sich dann aber anders entschieden haben." Womit Whiting zum "Zweitens" führt: Tatsächlich war die Mercedes-Aktion kein Bluff, sondern es bestand wirklich die konkrete Absicht, Hamilton an die Box zu holen. Das beweist das Boxenfunkprotokoll.

Ricciardo und Hamilton fuhren gerade auf Kurve 18 zu, hinter der sich die Boxeneinfahrt befindet, da meldete sich Hamiltons Renningenieur Peter Bonnington am Funk: "Box, Box, opposite Ricciardo. Box, box, opposite Ricciardo." Heißt: "Komm bitte an die Box - aber bleib draußen, falls Ricciardo vor dir reinkommt!" Und genau so kam es dann auch.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff bestätigt, dass die Aktion kein klassischer Fake-Boxenstopp war, um die McLaren-Strategen in die Irre zu führen: "Wir wären auch an die Box gekommen. Aber als wir sahen, dass Ricciardo reinkam, taten wir genau das Gegenteil. Das machen wir ziemlich oft so."

Hat McLaren Ricciardo als "Hamilton-Bremse" eingesetzt?

Für Mercedes hatte sich das Problem Ricciardo dann auch ohne wirksamen Overcut quasi von selbst erledigt, weil die McLaren-Crew für den Boxenstopp viel zu lange brauchte. Das hatte rennentscheidenden Charakter. Denn hätte Ricciardo seine Rolle als bremsendes Hindernis vor Hamilton noch länger ausfüllen können, wäre Norris im Finish weniger unter Druck geraten.

Der verpatzte Boxenstopp von Daniel Ricciardo (McLaren) beim Grand Prix von Russland in Sotschi 2021

Der verpatzte Boxenstopp von Daniel Ricciardo beim Grand Prix von Russland

Foto: Motorsport Images

Was die Frage nahelegt: Hat McLaren Ricciardo vielleicht sogar beauftragt, vor Hamilton Tempo rauszunehmen, um den Vorsprung von Norris wachsen zu lassen? "Daniel ist so schnell gefahren, wie er konnte, denn wir wollten ihn ja auch in einer Position haben, in der er gute Punkte holen kann", verneint Teamchef Andreas Seidl.

"Mit dem Vorsprung, den Lando zu dem Zeitpunkt hatte, und weil Lando noch ein gutes Gefühl mit seinen Reifen hatte, war ziemlich klar, dass Lando auch nach den Boxenstopps vor Lewis liegen würde. Die Frage war nur, ob es reichen würde, um bis zum Ende vorn zu bleiben, und auch da waren wir optimistisch."

Denn: "Daniel hat ja gezeigt, dass es möglich ist, Lewis hinter sich zu halten. Wenn auch nicht einfach, solange der Hinterherfahrende aus der letzten Kurve heraus immer dran ist, bevor es auf die lange Gerade geht. Es gab aber keine Instruktion an Daniel, Lewis einzubremsen, denn das hätte bedeutet, dass wir die Position mit Daniel fast sicher verlieren", erklärt Seidl.

Der verpatzte Boxenstopp machte McLaren dann aber einen Strich durch die Rechnung. Was genau die Ursache dafür war, hatte das Team Stand Sonntagabend noch nicht untersucht. Wahrscheinlichstes Szenario: dass einer der vier "Gunmen" an den Schlagschraubern das Freigabesignal nicht gegeben hat. Denn der Reifenwechsel selbst war in normaler Zeit abgeschlossen.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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