Warum die Formel-1-Saison 2016 der Aufbruch in eine neue Ära ist

In der Saison 2016 gab es bisher Rennen, die nicht nur viel spektakulärer, sondern auch viel schwerer vorherzusagen waren. Jonathan Noble untersucht die Gründe für diese Veränderung.

Hätte, wäre, wenn...

Was wäre, wenn Sebastian Vettel nach der roten Flagge in Australien Medium-Reifen anstatt der Supersoft-Mischung bekommen hätte?

Was, wenn Vettels Motor in der Einführungsrunde in Bahrain nicht in die Luft gegangen wäre?

Was, wenn Valtteri Bottas beim Grand Prix von Bahrain Lewis Hamilton in der ersten Kurve nicht abgeschossen hätte?

Was, wenn Hamilton beim Qualifying in China und Russland keine Motorenprobleme gehabt hätte?

Was, wenn Red Bull Racing die Strategie bei Daniel Ricciardo in Spanien nicht auf drei Stopps geändert hätte?

Was, wenn Red Bull Racing in Monaco nicht versucht hätte, überschlau zu sein und Ricciardos Boxenstopp schließlich versemmelt hätte?

Bei den bisherigen Rennen in diesem Jahr hat ganz klar nicht immer der schnellste Mann im schnellsten Auto mit der schnellsten Strategie gewonnen, so, wie ein ein Computer hätte vorausberechnen können. Die Rennen wurden durch tatsächliches „Racing“ entschieden.

Die Grands Prix haben in diesem Jahr an Leben gewonnen, wie wir es seit vielen Jahren nicht gesehen haben. Und das ist etwas, worüber wir uns freuen sollten. Auch, wenn es den Teams das Leben erschwert.

Ob daran liegt, dass die Konkurrenz immer enger wird, oder daran, dass das Reglement stabil geblieben ist, oder daran, dass die Teams freie Reifenwahl haben, ist egal. Es ist spannend und nur das zählt. Darüber sollten sich die Fans freuen.

Diese Vorstellung einer neuen Formel 1 wurde erstmals vor einige Monaten in einem Gespräch mit Renault-Sportchef Cyril Abiteboul zum Thema, als er sagte, es sei nahezu unmöglich zu wissen, wo ein Team innerhalb der Hackordnung stehe – und dass es keine mehr gebe.

 

„Das ist das neue Gesicht der Formel 1“, sagte er zu mir. „Die Art Formel 1, bei der man am Ende des Rennens eine Hackordnung hat, von der man annimmt, alles ist eindeutig, die gibt es nicht mehr. Das müssen wir akzeptieren.“

Mehr Variable

Was wir in der Formel 1 jetzt sehen, sind viele unterschiedliche Tendenzen. Die Teams müssen verstehen, wie sie mit einer zusätzlichen Reifenmischung am Wochenende zurechtkommen, wenn es nicht genügend Zeit gibt, sie voll zu nutzen. Das bedeute dann oft, dass es am Sonntag ein Schritt ins Ungewisse ist.

Und was das bedeutet, ist, das Risiko spielt mit, weil es zu viele Variablen für die Teams gibt, um wirklich die sichere Kontrolle über alle Entscheidungen zu haben, die sie treffen.

Das führte auch zu Ereignissen wie Vettel gegen Rosberg in Australien, als beide auf völlig unterschiedlichen Reifenstrategien waren, wie Red Bull Racing in Barcelona, als sie für Ricciardo die falsche Strategie wählten, und schließlich zu der Verzögerung beim Boxenstopp des Australiers in Monaco, als man erst die richtigen Reifen holen musste.

Ein Zeichen für ein gutes Autorennens ist oft, wenn eine Handvoll Männer am Ende das Gefühl haben, dass sie hätten gewinnen können, wenn einige Zwischenfälle im Laufe des Wochenendes sie nicht ins Straucheln gebracht hätten. Das macht ein Rennen zu einem, das man gesehen haben muss.

 

In der jüngeren Vergangenheit hatten wir in der Formel 1 zu oft Rennen, die schon vor dem Start entschieden waren: mit einer Kombination aus dem besten Team mit dem besten Auto, das seine Siegesstrategie schon ausgearbeitet hatte, bevor sich ein Rad gedreht hatte.

Eine der Attraktionen des Indy 500 ist hingegen, dass es nicht unbedingt vom schnellsten Mann im schnellsten Auto gewonnen wird: Es wird durch eine gute Strategie und ein Quäntchen Glück gewonnen. Man muss an dem einen Tag alles zeigen, und wenn alles klappt, dann gibt es märchenhafte Geschichten wie den Sieg von Alex Rossi.

Natürlich sollten Rennen nicht nur durch Glück entschieden werden, gleichermaßen sollten sie aber auch nicht durch jede Menge Ingenieure entschieden werden, die vor ihren Computern sitzen und mithilfe von Simulationssoftware die langweiligsten Rennen liefern.

Als Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene am Sonntagabend in Monaco darüber sprach, dass Ferraris Titelhoffnungen noch intakt seien, sprach er über die Aussicht auf einen faszinierenden Titelkampf.

 

„Ich glaube, diese Meisterschaft wird noch recht interessant“, sagte er. Und natürlich hat er Recht.

Was, wenn Red Bull Racing jetzt genügend Leistung findet, um Mercedes regelmäßig die Stirn zu bieten? Was, wenn Hamilton einen Lauf hat und die Lücke zu Rosberg schließen kann? Was, wenn Ferrari die Reifenprobleme in den Griff bekommt und einige Siege erzielt?

Und damit sind wir wieder am Anfang. Hätte, wäre, wenn...

Genau so sollte die Formel 1 sein! Und darum könnten wir jetzt gerade eine unglaubliche Saison erleben.

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