Warum es beim neuen F1-Layout in Abu Dhabi um mehr als Überholen geht

Für besseres Racing wurde der Yas Marina Circuit pünktlich zum Saisonfinale 2021 überarbeitet - Welche drei großen Änderungen es gibt und was sie bewirken sollen

Warum es beim neuen F1-Layout in Abu Dhabi um mehr als Überholen geht

Der Formel 1 ist ein Finale in Abu Dhabi nicht fremd, aber in diesem Jahr ist es auch ein Schritt ins Ungewisse, da die Strecke grundlegend überarbeitet wurde. Nach anhaltender Kritik am Layout und den mangelnden Überholmöglichkeiten gaben die Streckenchefs Anfang dieses Jahres grünes Licht für Anpassungen.

Das Endergebnis sind Änderungen an drei Schlüsselstellen der Strecke - eine überarbeitete Haarnadelkurve auf der Gegengeraden, eine neue Kurve 9 und Anpassungen am Hotelkomplex. Einzeln betrachtet mögen die Änderungen nicht so dramatisch erscheinen, aber in der Summe fallen sie durchaus ins Gewicht.

Mercedes' Strategiechef James Vowles beschreibt es im Podcast 'iRacing Downshift' so: "Abu Dhabi wird von den Leuten vielleicht nicht als eine andere Strecke wahrgenommen, aber ich glaube, sie werden feststellen, dass sie etwa zehn Sekunden schneller ist, wenn nicht sogar mehr, weil das Layout komplett verändert wurde."

Das allgemeine Ziel der Überarbeitungen bestand darin, besseres Racing zu ermöglichen. Aber es wäre falsch zu sagen, dass die Streckendesigner einfach nur versucht haben, drei Kurven zu schaffen, die offensichtliche Überholmöglichkeiten bieten.

Stattdessen wurde ein ganzheitlicherer Ansatz gewählt, bei sich der gesamte Rhythmus der Strecke verändert hat. Das sollte es den Autos ermöglichen, einander besser zu folgen, vielleicht andere Linien zu fahren und ihre Reifen nicht so stark zu beanspruchen.

Die Änderungen in Abu Dhabi wurden von MRK1, dem Berater für Streckendesign, in Zusammenarbeit mit Driven International, dem Architekturbüro für Sportstätten, durchgeführt. Mark Hughes, Geschäftsführer von MRK1, lobt Abu Dhabi dafür, dass es offen für eine Überarbeitung des Layouts war.

"Es fließt viel besser", sagt er über die neue Konfiguration und zieht den Vergleich: "Ich glaube, 2009 (als die Strecke eröffnet wurde; Anm d. R.) gab es ein anderes Ethos in Bezug auf das Streckendesign und auch die Autos waren ganz anders."

"Yas Island war sehr mutig und hat erkannt, dass sie eine tolle Architektur haben. Es gibt den Yachthafen, gute Konzerte und Partys und all da. Das Einzige, was sie im Stich gelassen hat, war die Strecke. Nicht jeder hätte gesagt: 'Ja, ändern wir sie'. Aber sie haben es getan, und ich denke, das ist eine großartige Sache."

Als Teil ihrer Arbeit zogen MRK1 und Driven International den ehemaligen Formel-1-Fahrer und Sky-Kommentator Karun Chandhok hinzu, um die geplanten Änderungen im Simulator zu testen. Dieser ist überzeugt, dass das, was getan wurde, einen Fortschritt bedeutet - sowohl für die Fahrer als auch für die Fans.

"Nachdem ich Hunderte von Runden auf dem modifizierten Yas Marina Circuit gedreht habe, bin ich zuversichtlich, dass die Fahrer die Strecke flüssiger und angenehmer finden werden", sagt Chandhok. Ihm ist sehr wohl bewusst, dass es nie ein leichtes Unterfangen ist, einen bestehende Strecke zu modifizieren.

"Es ist ein bisschen so, als würde man ein Haus renovieren, anstatt es von Grund auf neu zu bauen, denn es gibt einige wichtige Punkte, die man nicht ändern kann. Im diesem Fall ist die Lage des Boxenkomplexes, des Yachthafens und des Hotels natürlich fix."

Hier sind die wichtigsten Änderungen und die Gründe für ihre Durchführung:

Die modifizierte Haarnadelkurve

Eine der offensichtlichsten Änderungen, die seit der Aufnahme des Yas Marina Circuit in den Rennkalender vorgenommen wurde, betrifft die Haarnadelkurve zu Beginn der Gegengeraden. Lange war man sich darüber im Klaren, dass die Schikane, die der Haarnadel vorausgeht, die Autos auseinanderzieht.

Das bedeutete, dass die Fahrer nicht nahe genug herankommen konnten, um die enge Linkskurve als potenziellen Überholpunkt zu nutzen oder um eine weitere Linie zu fahren und danach beim Beschleunigen möglicherweise die Chance zu ergreifen.

Bei der Schikane handelte es sich ursprünglich um einen Kompromiss, denn angesichts der Geschwindigkeiten, mit denen die Autos ohne sie dort angekommen wären, waren die Absperrungen und Tribünen zu dicht. Die Schikane trug dazu bei, sie zu verlangsamen und die Sicherheit zu erhöhen.

Da es keine Option war, die Absperrungen und Tribünen weiter nach hinten zu verlegen, um die Schikane zu entfernen, wurde die Haarnadel stattdessen weiter nach vorne verlegt.

Ben Willshire von Driven International, der für die Durchführung der Änderungen verantwortlich war, erklärt: "Die einzige Möglichkeit, damit das funktioniert, lag darin, mehr Auslauf zu schaffen. Deshalb mussten wir die Kurve etwa 42 Meter vorverlegen und in Absprache mit der FIA auch die Absperrungen verbessern."

"Obwohl die Nähe zu den Autos ein Teil der Attraktion in diesem Bereich war, wird die Stelle, an der die Autos jetzt bremsen, noch spektakulärer sein, egal auf welcher Seite der Haarnadelkurve man sich befindet. Und da die Haarnadelkurve jetzt 20 Meter breit ist, wird es hoffentlich zu einigen Überholmanövern kommen."

Die neue überhöhte Kurve

MRK1 und Driven analysierten auch die Überholmöglichkeiten auf den beiden Gegengeraden. Während die erste Schikane ein guter Ort für Überholmanöver war, öffnete die zweite Gerade danach die Tür, um gleich wieder vorbeizugehen.

Als es darum ging, die Kurven im hinteren Teil dieses Streckenabschnitts zu ersetzen, wollte deshalb man lieber eine Hochgeschwindigkeitskurve als eine weitere starke Bremszone.

Chandhok erklärt: "Mit den Änderungen, die an der neuen Kurve 9 vorgenommen wurden, haben wir eine anspruchsvolle Hochgeschwindigkeitskurve geschaffen, die auf der Strecke bisher fehlte. Und wir sind vier nach außen abfallende Kurven losgeworden."

"Sie waren für die Fahrer frustrierend", weiß der Ex-Formel-1-Pilot, "weil die abfallenden Kurven die Temperatur der Hinterreifen in die Höhe treiben. Und Willshire fügt hinzu: "Die Philosophie hier ist es, den Schwung der Autos so hoch wie möglich zu halten, damit die anderen Autos dicht folgen können."

"Die Strecke hat keine wirklich anspruchsvollen Hochgeschwindigkeitskurven, abgesehen vom Kurvenkomplex 2/3. Wir wollten eine charakteristische Kurve schaffen, wie die Parabolica in Italien, wo die Fahrer in jeder Runde den Atem anhalten."

"Da die Kurve überhöht ist statt abfällt, sollte sie eher Vertrauen schaffen als zu Fehlern verleiten. Das bedeutet, dass die Fahrer verschiedene Linien ausprobieren können, um nahe beieinander zu bleiben, und eventuell Seite an Seite fahren können, was Überholmanöver an anderen Stellen der Strecke ermöglichen sollte."

"Ich denke, das schafft eine andere Art des Denkens und verleiht der Strecke zwei unterschiedliche Charakteristiken. Das war es, was wir erreichen wollten", hält Willshire fest.

Die Neuerungen im Hotelkomplex

Während die Änderungen an der Haarnadelkurve und der neuen "Steilkurve" sehr offensichtlich sind, wurden die detailliertesten Anpassungen rund um den Hotelkomplex vorgenommen. Hier sind die Möglichkeiten durch die umliegenden Gebäude begrenzt.

Doch auch hier war man der Meinung, dass etwas geändert werden sollte, da die enge Abfolge der Kurven nicht nur den Fluss der Strecke beeinträchtigte, sondern auch dazu führte, dass die Reifen überhitzten, was den Rennen an anderer Stellen schadete.

Zwar war es nicht möglich, die nach außen abfallenden Kurven hier beseitigen, denn das hätte massive Bauarbeiten für die Änderung von Leitplanken und Auslaufzonen erfordert. Stattdessen konzentrierte man sich darauf, die Randsteine zu verändern.

"Die beste Alternative war es, den Radius der Doppellinks unterhalb des Hotels (Kurve 13/14) zu öffnen und auch Kurve 15 offener zu gestalten", sagt Chandhok. Willshire bezeichnet die Arbeiten in diesem Bereiche als "einen der komplexesten Teile des Entwurfs und der Konstruktion", da es hier "um Millimeter" ging.

"Die alten Kurven 17/18/19 wurden auf der Innenseite geöffnet, was den Fluss verbessert hat. Wir wollten den Stopp&Go-Charakter abschaffen, der die Autos daran hinderte, einander zu folgen. Wenn man in einem längeren Bogen über den Randstein rollt, können die Fahrer mehr Geschwindigkeit und Schwung mitnehmen."

Andere nicht umgesetzte Ideen

Als Teil des Evaluierungsprozesses untersuchten MRK1 und Driven auch andere Verbesserungen, die helfen könnten, die Strecke zu verbessern - darunter auch eine Überarbeitung der Schikane in der Mitte der beiden Gegengeraden.

Man überlegte, den Winkel des Rechtsknicks dieser Schikane zu öffnen, um zu sehen, ob das zu besserem Racing beitragen würde. Letztlich war man aber der Meinung, dass das aktuelle Design ausreicht, um Rad-an-Rad-Duelle zu ermöglichen.

Außerdem wurde darüber nachgedacht, ob und wie die letzte Kurve mehr zu einem Überholschwerpunkt werden könnte. Aber die Autos würden sich ihr vom Hotelkomplex aus nicht schnell genug nähern, um das zu gewährleisten.

Angesichts des engen Zeitplans für die aktuellen Anpassungen gab es auch Überlegungen, die Änderungen zeitlich zu staffeln. Hughes hielt das jedoch für den falschen Absatz.

"Wir haben einen Prozess mit Craig Wilson von der Formel 1 durchlaufen, und irgendwann gab es eine interne Diskussion darüber, ob wir aufgrund des Zeitrahmens eine der Änderungen auslassen und eine davon vielleicht später durchführen sollten", verrät der MRK1-Geschäftsführer. Doch zu viel sprach dagegen.

"Das hätte zum einen die Kosten erhöht, weil man am Ende alles zweimal mobilisieren müsste. Und wenn man sich die Simulationsdaten anschaut, zeigt sich, dass die drei Elemente als Ganzes zusammenwirken und eine bessere Gesamtrunde ergeben. Hätte man eines herausgenommen, wären die anderen hinfällig gewesen."

Ganzheitliche Verbesserung der Strecke

Mit den durchgeführten Änderungen hofft man nun, dass das neue Abu Dhabi die Fahrer begeistern wird. "Wir haben die Länge der Strecke um fast 300 Meter verkürzt. Das Durchschnittstempo steigt und die Rundenzeit sinkt", sagt Willshire.

"Die Änderungen werden den Reifenabbau verändern, und die Fahrer werden eine andere Erfahrung mit der hoffentlich schnelleren, flüssigeren und unterhaltsameren Strecke machen."

Chandhok weiß zwar, dass erst das Formel-1-Rennen am Sonntag zeigen wird, inwieweit die Änderungen dazu beigetragen haben, das Spektakel zu verbessern, aber er ist sich sicher, dass der neue Yas Marina Circuit ein Schritt nach vorn ist.

"Wir müssen sehen, inwieweit es das Überholen wirklich erleichtert, wenn es losgeht", sagt der Sky-Eyperte. "Im Großen und Ganzen ist die Strecke aber auf jeden Fall besser zu fahren."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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