Wegen Leclerc: "Sebastian Vettel wird bald Vergangenheit sein"

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Co-Autor: Oleg Karpow
22.02.2019, 11:11

So geht Charles Leclerc mit Binottos Nummer-1-Ansage um - Experte Gary Anderson hält ihn für Ferraris Zukunft und Vettel (schon bald) für die Vergangenheit

In der ersten Testwoche in Barcelona hat Charles Leclerc seinem neuen Teamkollegen Sebastian Vettel gleich einmal gezeigt, dass den viermaligen Weltmeister 2019 Gegenwind im eigenen Team erwarten könnte. Denn der 21-Jährige fuhr eine persönliche Bestzeit von 1:18.064 Minuten - und war damit nach vier Tagen um eine Zehntelsekunde schneller als Vettel.

Nun ist der sportliche Wert der bisherigen Testzeiten überschaubar. Aber dass der Newcomer von Anfang an mit Vettel mithalten kann, bestätigt das, was viele Experten vermuten: dass Leclerc zu knacken für den vermeintlichen Ferrari-Platzhirsch eine harte Nuss werden könnte. Auch wenn Vettel von Teamchef Mattia Binotto (zumindest für den Saisonbeginn) zur Nummer 1 im Team erklärt wurde.

Eine Ansage, die Leclerc kein Kopfzerbrechen bedeutet: "Ich wäre schon glücklich darüber, wenn ich mich schnell ans Auto gewöhne und von Anfang an schnell bin. Es ist erst meine zweite Saison in der Formel 1 und ich muss noch viel lernen. Vor mir liegt ein langer Weg. Aber ich kann nicht verbergen, dass ich natürlich gleich beim ersten Rennen voll da sein möchte. Wenn Mattia dann das Problem hat, dass er zwei schnelle Fahrer managen muss, ist das für mich ein gutes Zeichen!"

Das klingt nicht so, als wäre er gekränkt über die von Binotto kommunizierte Rollenverteilung bei Ferrari (die von den Medien teilweise zu mehr gemacht wurde, als der Teamchef wirklich gesagt hat). Ganz im Gegenteil: "Ich konzentriere mich auf mich selbst, will mich mit jeder Runde verbessern, die ich im Auto sitze. Ferrari ist ein Topteam. Da sind die Prozeduren ganz anders als in dem Team, in dem ich vorher war. Darauf muss ich mich erst einstellen."

Gary Anderson: Leclerc ist Ferraris Zukunft

Und das tat er in der ersten Barcelona-Woche "recht gut", wie unser Formel-1-Experte Gary Anderson findet. Leclerc war von Anfang an auf Vettels Niveau, was die Rundenzeiten angeht, und leistete sich keine gröberen Schnitzer. Dass er an seinen ersten beiden Tagen im brandneuen SF90 den einen oder anderen Verbremser drin hatte, ist nicht weiter ungewöhnlich. Auch Vettel hat sich auf frischen, kalten Reifen einmal gedreht.

"Leclerc war schon vergangenes Jahr gut unterwegs, hatte ein paar starke Rennen dabei", analysiert Anderson. "Jetzt ist der Druck natürlich ganz anders, in einem so großen Team. Das muss er aushalten. Aber ich glaube, er wird das schaffen."

Auch, weil der Kulturwandel bei Ferrari unter dem neuen Chef Binotto ihm helfen könnte: "Ich glaube, dass er mit dem neuen Stil bei Ferrari ein gutes Umfeld hat. Wäre er 2018 zu Ferrari gekommen, mit der damaligen Struktur, hätte es nicht so gut funktioniert. Ferrari glaubt an ihn, sie halten ihn für die Zukunft. Daran besteht kein Zweifel."

Leclerc zu Ferrari zu holen, das muss man wissen, war eine Idee des verstorbenen CEO Sergio Marchionne. Der war davon überzeugt, dass Ferrari frischen Wind braucht, und hat Kimi Räikkönen bisweilen öffentlich kritisiert. Dass Leclerc jetzt der ist, der nach dem einen oder anderen Lehrjahr Ferrari in die Zukunft führen soll, müsse auch Vettel "verstehen und damit leben. Sebastian wird schon bald die Vergangenheit sein", meint Anderson.

Dabei tritt Leclerc nicht auf wie einer, der weiß, dass ihm die Zukunft gehört. Ayrton Senna war früher so eine Persönlichkeit, oder auch Michael Schumacher. Der 21-Jährige wirkt eher wie ein graues Mäuschen, tritt demütig auf, ist aber innerlich selbstbewusst. Dass er bei Sauber 2018 die ersten drei Rennen verschlafen hat, lag daran, dass er sehr von seinen eigenen Set-up-Ideen überzeugt war. Als er in Baku anfing, auf die Ingenieure zu hören, ging ihm der Knopf auf.

Nummer 1b: Genau wie Massa im Jahr 2006?

Die Rolle an Vettels Seite, als "Nummer 1b", wie es 2006 auch der junge Felipe Massa war (anders als Rubens Barrichello mit der Aussicht, zur echten Nummer 1 befördert zu werden), scheint ihm zu gefallen: "Wir arbeiten sehr gut zusammen. Seb ist ein netter Kerl. Es ist nicht schwierig, gut mit ihm auszukommen. Das ist schon mal gut."

Gerade in den beiden Testwochen sei es "gut, jemanden wie Sebastian zu haben". Um auch mal um Rat zu fragen: "Es hilft, wenn ich mir anschauen kann, was seine Stärken sind und was ich daraus lernen kann. Das war in vielerlei Hinsicht interessant."

Charles Leclerc

Leclerc vertieft sich lieber in die Arbeit anstatt Ankündigungen zu machen

"Seb", sagt er, "ist zum Beispiel sehr gut darin, wie er den Ingenieuren Feedback gibt. Er kennt sich technisch sehr gut aus. Da kann ich noch besser werden. Aber ich arbeite dran. Ich habe die vergangenen fünf, sechs Wochen in der Fabrik verbracht, um die Systeme besser zu verstehen. Denn das war vergangenes Jahr eine meiner Schwächen."

Von der hohen Erwartungshaltung von Fans und Medien lässt sich Leclerc nicht aus der Ruhe bringen. Dass Ferrari intern ebenfalls hohe Erwartungen hat, äußert das Team zumindest nicht nach außen. Man will vermeiden, dass der junge Stern ausbrennt, bevor er überhaupt zu strahlen beginnen kann. Aber der 21-Jährige ist nicht dumm. Er realisiert, was über ihn geredet wird.

"Wenn du für ein Team wie Ferrari fährst, das vielleicht legendärste Team der Formel 1, dann sind die Erwartungen immer hoch", sagt er. "Aber ich muss mich auf mich selbst konzentrieren. Hohe Erwartungen machen mich nicht besser. Wenn überhaupt, dann nur schlechter. Also denke ich über sowas gar nicht nach."

Leclerc verschwendet keine Gedanken an den ersten Sieg

"Ich konzentriere mich auf mich, dann kommen die Ergebnisse früher oder später ganz von selbst. Mit dem Gedanken, dass ich das erste Rennen gewinnen könnte, setze ich mich nicht auseinander", behauptet er. Dabei sagen Leute, die bei Sauber mit ihm gearbeitet haben, dass sie ein Sieg in Melbourne nicht überraschen würde.

Ob ihm ein einziger Sieg im ersten Ferrari-Jahr (Massa hat 2006 zwei geschafft) überhaupt reichen würde? "Kommt drauf an", sagt er. "Wenn das Auto zu mehr in der Lage ist, wäre ein Sieg natürlich eine Enttäuschung. Aber einen Grand Prix zu gewinnen, ist ein großer Schritt. Bis ich das geschafft habe, liegt noch viel Arbeit vor mir."

Und er muss sich auf der menschlichen Ebene daran gewöhnen, dass er jetzt nicht mehr "Young Charles" ist, den auf der Straße kaum wer erkennt, sondern Charles Leclerc, der Ferrari-Star. Eine Veränderung, die er schon in Barcelona zu spüren bekommen hat. Bei seinem ersten Medientermin am Donnerstag hingen ihm dutzende Journalisten an den Lippen.

"Mein Leben in Monaco hat sich schon vergangenes Jahr ein bisschen geändert, weil ich Formel-1-Fahrer war und die Menschen dich manchmal erkennen", lacht er. "Jetzt Ferrari-Fahrer zu sein, ist nochmal eine ganz andere Nummer, speziell in Italien. Ganz Italien steht hinter Ferrari." Doch das sei keine Belastung, sondern "ein schönes Gefühl".

"Aber an der Rennstrecke", ergänzt Leclerc, "ändert sich nichts für mich. Mein Ziel hat sich nicht geändert: Ich will so schnell wie möglich besser werden." Und den WM-Titel gewinnen. Auf Ferrari. Irgendwann. Auch wenn er das heute noch nicht selbst ausspricht ...

Mit Bildmaterial von Ferrari.

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