Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

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Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat
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29.04.2019, 03:02

Mit vier Doppelsiegen in den ersten vier Rennen hat Mercedes eine weitere Bestmarke geknackt - Toto Wolff scheint aktuell keine Fehler machen zu können

Liebe Leser,

bei einigen Leuten hat man manchmal das Gefühl, dass sie einfach nichts falsch machen können. Egal was sie anfassen, es wird zu Gold. In diese Kategorie muss man aktuell auch Toto Wolff einordnen. Während man bei Ferrari und Teamchef Mattia Binotto momentan den Eindruck hat, dass man mit jeder Entscheidung ins Klo greift, ist bei Wolff und Mercedes genau das Gegenteil der Fall.

Ich verstehe jeden Leser, der sich gleich nach dem ersten Absatz denkt: "Jetzt feiern die schon wieder Mercedes ab ..." Und zugegeben: Nach Valtteri Bottas (Australien) und Lewis Hamilton (China) ist Wolff jetzt schon der dritte Mercedes-Protagonist, den wir im vierten Saisonrennen zum Mittelpunkt unserer Kolumne machen. Aber es führt momentan eben kein Weg an den Silberpfeilen vorbei.

Und damit sind wir auch schon beim Thema. In 69 Jahren(!) hat es in der Geschichte der Formel-1-Weltmeisterschaft noch nie ein Team geschafft, in den ersten vier Rennen einer Saison vier Doppelsiege einzufahren. Mercedes ist aktuell historisch gut. Natürlich kann man jetzt einwenden, dass sich Ferrari in China und wohl auch in Baku selbst um eine mögliche Siegchance gebracht hat.

Doch genau das ist meiner Meinung nach das Beeindruckende an der aktuellen Mercedes-Serie. Seien wir ehrlich: Hätten die Silberpfeile so eine Dominanz in den ersten Jahren der Hybridära hingelegt, hätte das wohl niemanden überrascht. Damals hatte Mercedes - vor allem dank des Motors - ein deutlich überlegenes Paket. Das ist 2019 längst nicht mehr der Fall. Ferrari hat die Lücke geschlossen.

Neuer Rekord ausgerechnet 2019

Wie viele von uns hätten nach den Wintertests wirklich daran geglaubt, dass Mercedes einen auf dem Papier so makellosen Saisonstart hinlegen würde? Ich jedenfalls nicht. Und vermutlich auch Toto Wolff selbst nicht - ganz sicher sogar, denn Wolff ist bekennender Pessimist und rechnet immer mit dem "Worst Case". Doch darin zeigt sich auch eine seiner Stärken.

Obwohl es nach den Tests so aussah, dass Ferrari vor Mercedes liegen würde, wurde man in Brackley nicht nervös, unternahm keine Schnellschüsse. Den Lohn für diese Arbeit, die die Handschrift von Wolff trägt, erntet man aktuell. Die Silberpfeile legten den besten Saisonstart aller Zeiten hin. Vier Doppelsiege, fair verteilt, je zwei für Hamilton und Bottas. Umso beeindruckender, weil man eben nicht mehr das klar beste Auto im Feld hat.

Die größten Stärken von Mercedes liegen 2019 auf einer ganz anderen Ebene. Während sich Ferrari immer wieder in Teamorder-Diskussionen verstrickt, lässt Mercedes seine Piloten einfach fahren. Wo Ferrari bei der Strategie danebengreift, gelingen bei Mercedes auch riskante Manöver wie der Doppelstopp in China. Wo die Ferrari-Piloten Fehler machen, liefern die Mercedes-Fahrer gnadenlos ab.

Natürlich kann man das auch Glück nennen. Dass bei Charles Leclerc in Bahrain der Motor hochgeht. Dass Sebastian Vettel sich im Zweikampf mit Hamilton dreht. Dass sich der Ferrari-Platztausch in China nicht auszahlt. Dass Leclerc im Qualifying in Baku crasht. Und natürlich könnte es ganz anders aussehen, wenn es diese Zwischenfälle nicht gegeben hätte.

Ferrari macht Fehler - Mercedes nicht

Wir könnten heute hier sitzen und über einen spannenden Saisonstart sprechen. Möglicherweise mit vier verschiedenen Siegern in vier Rennen, einen Vierkampf in der Meisterschaft. Doch in der Formel 1 gibt es eben keinen Konjunktiv. Und die Realität spricht eine deutliche Sprache. Ferrari macht Fehler. Mercedes nicht. So einfach ist das.

Und das ist die eigentliche Leistung von Toto Wolff und Co. Dass man in Brackley ein schnelles Auto und in Brixworth einen starken Motor bauen kann, ist nicht neu. Dass man es aber auch nach fünf WM-Titeln in Folge noch immer schafft, so konzentriert, akribisch und fehlerfrei zu arbeiten, das ist einfach nur beachtlich.

Auch die Fahrer tragen ihren Teil dazu bei. Hamilton und Bottas kämpften in Baku in der ersten Runde hart gegeneinander - aber immer fair. Während das Duo Hamilton/Rosberg Wolff in der Vergangenheit einige schlaflose Nächte bereitet hat, herrscht zwischen dem Briten und Bottas noch immer die große Harmonie. Übrigens auch wieder so ein Beispiel für das "goldene Händchen" von Wolff.

2018 war der Finne quasi schon abgeschrieben. Mercedes hielt trotzdem an ihm fest. Genau die richtige Entscheidung, wie sich aktuell zeigt. Es sind all diese Kleinigkeiten, die in der Summe zu diesem besagten Gefühl führen, dass Mercedes und Wolff aktuell jeder Wurf gelingt. Oder können Sie sich noch an den letzten wirklich großen Fauxpas der Silberpfeile erinnern? Ganz ehrlich: Ich nicht. Bei Ferrari fallen mir spontan gefühlt ein Dutzend ein.

Noch immer kein Ende der Mercedes-Ära in Sicht

Das klingt jetzt womöglich für den ein oder anderen so, als sei ich der größte Mercedes-Fan der Welt. Ich kann ihnen versichern, dass ich das nicht bin. Ich kann aber eine Leistung anerkennen. Um das zu tun, muss man kein Mercedes-Fan sein. Genauso darf man umgekehrt übrigens auch als Ferrari-Fan den Saisonstart der Scuderia kritisieren - aber das ist eine andere Geschichte.

Jede Ära endet irgendwann. Das gilt in jeder Sportart. Man kann nur versuchen, das Ende so lange wie möglich hinauszuzögern. Selbst bei Michael Schumacher war nach fünf WM-Titeln in Folge Schluss. Bei Mercedes würde ich nicht darauf wetten. Das Team ist noch immer so hungrig wie am ersten Tag. Wenn man also bei der aktuellen Serie von Glück sprechen möchte, dann höchstens vom Glück des Tüchtigen.

Das heißt übrigens nicht, und das sage ich jetzt auch in Richtung aller Ferrari-Fans, dass die Saison 2019 bereits entschieden ist. 17 von 21 Rennen sind noch offen. Und falls die Scuderia es irgendwann schafft, ihre Probleme in den Griff zu bekommen, bin ich sogar davon überzeugt, dass es noch ein spannender WM-Kampf werden kann. Aktuell gelingt ihnen das nur eben nicht.

Toto Wolff wird das übrigens ähnlich sehen. Vermutlich denkt er jetzt schon wieder ans nächste Rennen in Barcelona und befürchtet, dass Ferrari dort an die Performance der Wintertests anknüpfen wird. Vielleicht hat er recht. Vielleicht auch nicht. Und selbst, wenn es so kommt: Irgendwie hat man das Gefühl, dass am Ende trotzdem wieder mindestens ein Mercedes-Fahrer ganz oben auf dem Podium stehen wird. Und dass Toto Wolff wieder so richtig gut schlafen wird.

Ihr

#w58#

Ruben Zimmermann

P.S.: Warum Ferrari-Teamchef Mattia Binotto nach China nun schon wieder schlecht geschlafen hat, das lesen Sie in unserer Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat". Diese fand jahrelang jeden Montag auf unseren Portalen Formel1.de und Motorsport-Total.com statt, ist aber nun auf das Schwesterportal de.motorsport.com umgezogen.

Mit Bildmaterial von LAT.

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