Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Esteban Ocon

Triumph auf ganzer Linie für Alpine-Fahrer Esteban Ocon: Warum der Sieg in Ungarn für ihn in vielerlei Hinsicht ein echter Formel-1-Meilenstein war

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Esteban Ocon

Liebe Leser,

es ist mir schwer gefallen, nach diesem turbulenten Ungarn-Grand-Prix nur einen Formel-1-Protagonisten für meine Montagskolumne herauszupicken. Die vielen unterschiedlichen Leserzuschriften, die ich auf Twitter erhalten habe, zeigen mir: Vielen Beobachtern ging es nicht anders.

Kleiner Exkurs, weil es Williams ist ...

Daher: Bevor ich auf mein eigentliches Thema zu sprechen komme, möchte ich zumindest Williams kurz erwähnt haben.

(Die Schwesterkolumne meines Kollegen Christian Nimmervoll finden Sie übrigens auf Motorsport-Total.com und unter diesem Link!)

Es ist traurig genug, dass das ehemalige Spitzenteam drei Jahre lang (mit sieben, einem und null Punkten) jeweils den letzten Platz in der Konstrukteurswertung belegt hat und dass es nun darauf angewiesen ist, in einem verrückten Rennen zu punkten. Doch genau das hat jetzt mal geklappt.

Jost Capito und seine Mannschaft werden aufatmen: Nach vielen Rückschlägen ist es Williams endlich mal gelungen, ein Top-10-Ergebnis einzufahren, und dann auch gleich noch mit beiden Autos.

George Russell, Williams FW43B

George Russell, Williams FW43B

Foto: Motorsport Images

Es sind die ersten Williams-Zähler seit dem ebenso turbulenten Deutschland-Grand-Prix 2019 in Hockenheim, wo Robert Kubica auf P10 gewertet wurde. Und es ist das erste Doppel-Punkte-Ergebnis seit dem Italien-Grand-Prix 2018 in Monza, als Lance Stroll und Sergei Sirotkin Neunter und Zehnter waren.

Und auf einmal steht Williams auf P8 der Konstrukteurswertung und ist die rote Laterne los. Das mag angesichts der Umstände ein Zufallsergebnis sein. Vielleicht ist es aber auch der erste Schritt hin zu einem Formel-1-Comeback. Und das würde ich dem Team wirklich gönnen!

Themenwechsel: Der nächste Premierensieger in Ungarn

Wie kriege ich jetzt die Kurve zu meinem eigentlichen Thema? Vielleicht so: Es ist nicht das erste Mal, dass beim Ungarn-Grand-Prix ein Formel-1-Fahrer erstmals gewonnen hat. Als Erster hat das ein Williams-Mann geschafft, nämlich Damon Hill 1993. 2003 siegte Fernando Alonso in Ungarn erstmals in der Formel 1, 2006 Jenson Button. Alle holten später auch den Titel.

 

Ob das ein gutes Omen ist für Esteban Ocon? Abwarten! Es gibt da ja auch noch Heikki Kovalainen, der 2008 am Hungaroring gewonnen hat, danach aber nur ein weiteres Top-3-Ergebnis erzielte und überhaupt nur noch acht weitere Punkteresultate. Doch davon sollte sich Ocon nicht schrecken lassen.

Ocon hat seine Sache gestern gut gemacht, ist ein sehr sauberes Rennen gefahren, hat – nach den Zwischenfällen der ersten Runde – verdient gewonnen. Natürlich ist ihm dieser Sieg in den Schoß gefallen, aber er musste es erst einmal zu Ende bringen. Das hat er geschafft und nicht schlecht.

Immerhin elf von 70 Runden hatte er Aston-Martin-Fahrer Sebastian Vettel direkt hinter sich im Getriebe sitzen, jeweils in DRS-Reichweite. Davon hat sich Ocon aber nicht nervös machen lassen. Und auch nicht, als es einmal beim Überrunden kurz eng wurde in Kurve 1. Am Ende steht sein erster Grand-Prix-Sieg.

Perfektes Timing für Ocon und Alpine

Das Ergebnis kommt Ocon gerade recht, und nicht nur Ocon, sondern auch Alpine: Denn erst kürzlich hat er einen neuen Dreijahresvertrag erhalten, der ihn bis mindestens 2024 in der Formel 1 halten wird. Und jetzt kann er den ersten großen Erfolg vorweisen.

Für Ocon ist das ein echter Befreiungsschlag, nachdem er seinen prominenten Alpine-Teamkollegen Fernando Alonso in der ersten Saisonphase klar dominiert hatte, zumindest im Qualifying. Und bis Monaco erzielte Ocon auch die besseren Rennergebnisse.

Esteban Ocon bei der Zieldurchfahrt im Alpine A521

Esteban Ocon bei der Zieldurchfahrt im Alpine A521

Foto: Jerry Andre / Motorsport Images

Seit Baku, kurz vor dem neuen Vertrag, hatte sich der Trend jedoch umgekehrt: Fünf Grands Prix lang gab Alonso bei Alpine den Speed vor, sowohl im Qualifying als auch im Rennen, holte fünf Mal Punkte. Ocon dagegen fiel zwei Mal aus, belegte zwei Mal P14 und holte nur in Silverstone zwei Punkte. Da lief fast gar nichts bei ihm.

Und jetzt das, dieser Sieg in Ungarn.

Ab jetzt: Elf Rennsieger in der Formel 1

Ja, ohne die erste Kurve wäre es nicht dazu gekommen. Ja, die Fehlentscheidung von Lewis Hamilton und Mercedes beim Re-Start hat Ocon und Alpine den Weg geebnet. Ja, ohne die Schützenhilfe von Alonso gegen Hamilton wäre es mindestens eng geworden.

Aber: Ocon muss sich nichts vorwerfen, im Gegenteil. Er hat in dieser Situation alles richtig gemacht, und nur darauf kommt es an.

Und jetzt ist Ocon ein Formel-1-Rennsieger, der elfte in der aktuellen Startaufstellung. Damit sind beim nächsten Grand Prix in Spa-Francorchamps erstmals seit 2011 wieder elf Sieger am Start. Rekord. Und Ocon ist einer dieser Siegfahrer.

Mercedes-Fahrer im Alpine-Werksteam

Bemerkenswert daran ist auch: Er hätte (laut eigener Aussage) 2020 anstelle von Valtteri Bottas im Mercedes sitzen können. Mercedes aber entschied sich damals gegen den eigenen Nachwuchsmann, den man daraufhin zu Renault hat ziehen lassen, wo Ocon ebenfalls schon seit Jahren gefördert worden war. Und jetzt beschert Ocon Renault/Alpine den ersten Sieg seit dem Formel-1-Comeback 2016.

Esteban Ocon: 2019 war er noch nur Mercedes-Testfahrer

Esteban Ocon: 2019 war er noch nur Mercedes-Testfahrer

Foto: Jerry Andre / Motorsport Images

Wichtig zu wissen ist da auch: Ocon wird weiter von Mercedes gemanagt, aber Mercedes hat für die Dauer des Vertrags bei Renault/Alpine keinen Zugriff auf Ocon.

Seine Situation könnte daher besser kaum sein: Der erste Sieg ist da. Bei Alpine sitzt Ocon über Jahre fest im Sattel. Und Mercedes ist zumindest theoretisch immer noch eine Option für die Zukunft. Mit einer solchen Aussicht kann man nach dem Premierenerfolg in der Formel 1 sicher eine ruhige Nacht verbringen.

Oder wie es Ocon selbst sagte in der Pressekonferenz: "Ich kann versichern, dass ich heute Nacht richtig gut schlafen werde."

Wer gar nicht gut geschlafen hat, das erfahren Sie wie immer in der Schwesterkolumne meines Kollegen Christian Nimmervoll auf Motorsport-Total.com. Hier ist der Artikel!

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Ihr
Stefan Ehlen

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