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Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: George Russell

Der erste Sieg seit Melbourne für den Mann, der vor der Saison als Favorit auf den Formel-1-Titel galt: Ist George Russell zurück im Kampf um die Weltmeisterschaft?

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: George Russell

George Russell ballt die Faust nach seinem Formel-1-Sieg in Spielberg 2026

Foto: circuitpics.de circuitpics.de

Kimi Räikkönen sagte es nach seinem Sieg in Austin 2018: endlich. Er hatte seit Melbourne 2013 auf diesen nächsten Erfolg warten müssen. Bei George Russell waren es zwar keine fünfeinhalb Jahre, doch nach allem, was in den vergangenen drei Monaten passiert ist, dürfte es sich für ihn beinahe genauso lange angefühlt haben.

Endlich gewann er wieder.

Es hatte eine Weile gedauert, bis Russell zugab, tatsächlich Schwierigkeiten zu haben. Noch vor dem Wochenende in Montreal wies er die Vermutung zurück, er habe an Boden verloren, und verwies stattdessen auf eine Reihe unglücklicher Ereignisse, die ihn wichtige Punkte gekostet hätten.

Dann kam Kanada. Dann Monaco. Beide Wochenenden trafen ihn hart.

Irgendwann räumte Russell schließlich ein, dass der diesjährige Mercedes nicht mehr so sehr seinem Fahrstil entgegenkomme wie das Auto des Vorjahres - während es Kimi Antonelli offenbar deutlich besser liegt.

"Es fühlt sich an, als wollten die Götter nicht, dass ich in diesem Kampf dabei bin", sagte er damals. Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall.

Was Russell zum Favoriten für 2026 machte

Es war nicht Russell selbst, der sich vor der Saison zum Titelfavoriten erklärte. Viele Beobachter kamen schlicht zu diesem logischen Schluss.

Nachdem er sich drei Jahre lang souverän gegen Lewis Hamilton behauptet hatte, nach einer nahezu fehlerfreien Saison 2025 und mit Mercedes, das zu Beginn des Jahres 2026 erneut das stärkste Gesamtpaket zu besitzen schien, gab es nur wenige andere plausible Kandidaten.

Russell galt aus gutem Grund als Favorit. Und dieser Grund war nicht allein Mercedes.

Es war die Tatsache, dass er im Laufe seiner Karriere nahezu alles richtig gemacht hatte, um genau diesen Moment zu erreichen: als etablierter Anführer des stärksten Teams in der Formel 1.

Russell trommelte dabei nie lautstark für sich selbst. Er behauptete nicht, die Weltmeisterschaft gehöre ihm bereits. Dennoch wäre es verständlich gewesen, hätte er geglaubt, sich diese Chance mit allem, was in seiner Macht stand, verdient zu haben.

Alles andere - insbesondere die hohen Erwartungen - kam überwiegend von außen. Deshalb wäre es zu einfach, den Saisonauftakt 2026 als persönliches Scheitern Russells zu bezeichnen.

Von der PowerPoint-Präsentation aufs Podium

Seine Titelkampagne begann nicht erst in Melbourne. Sie begann Jahre zuvor. Mit der berühmten PowerPoint-Präsentation in Toto Wolffs Büro. Mit den Meisterschaften in der GP3 und der Formel 2. Mit drei langen Jahren beim Wiederaufbau von Williams, bevor sich endlich die Tür zu Mercedes öffnete. Und mit seiner Fähigkeit, sich neben dem siebenmaligen Weltmeister Hamilton mehr als nur zu behaupten.

Die ersten Rennen der Saison 2026 sind lediglich ein weiteres Kapitel dieser Geschichte. Ein schwieriges Kapitel, aber keineswegs das erste.

Für viele reichten jedoch einige schwache Wochenenden aus, um Russell grundsätzlich die Fähigkeit abzusprechen, einen Titelkampf anzuführen - wobei gerne ausgeblendet wurde, dass Pech tatsächlich einen erheblichen Anteil daran hatte, dass er früh in Rückstand geriet.

Österreich verändert die Meisterschaft nicht über Nacht. Russell liegt weiterhin 40 Punkte hinter Antonelli. Das ist ein beträchtlicher Rückstand, ganz gleich, wie lang die Saison noch dauert. Und betrachtet man Antonellis Tempo in der Schlussphase von Spielberg, wird Russell um jeden einzelnen Punkt kämpfen müssen.

Russell beweist es sich selbst - und seinen Kritikern

Was Österreich allerdings verändert, ist etwas anderes. Das Rennen erinnert daran, dass Russell nicht plötzlich verlernt hat, wie man schnell fährt. Genau das hatte er in den vergangenen Wochen immer wieder selbst betont. Nach dem Qualifying sagte er es erneut.

Die Formel 1 war schon immer ein Sport, in dem sich Katastrophen und Euphorie innerhalb kürzester Zeit abwechseln. Doch die alte Weisheit, dass ein Fahrer nur so gut ist wie sein jüngstes Rennen, gilt im Zeitalter sozialer Medien mehr denn je.

Russell gab offen zu, genau in diesen Kreislauf geraten zu sein. Er habe begonnen, zu viel nachzudenken. Sich noch stärker anzustrengen. Nach Antworten zu suchen, die womöglich gar nicht existierten.

"Es ist unglaublich schwierig. Wenn man ein, zwei oder drei Zehntel hinterherfährt, ergibt es einfach keinen Sinn, sich zu sagen: 'Ich werde mich weniger anstrengen.' Wenn die Dinge nicht laufen, möchte man automatisch immer mehr und mehr machen. Und im Auto zu denken: 'Diese Kurve fahre ich jetzt fünf Meter früher an als in der Runde davor', so funktionieren unsere Gehirne einfach nicht. Aber manchmal ist genau das der schnellere Weg."

Sein Glück macht man sich (teilweise) selbst

Viel wurde in dieser Saison über Russells Pech gesprochen. Österreich zeigte jedoch auch, dass sich Fahrer ihr Glück manchmal selbst erarbeiten.

Ohne die Poleposition am Samstag hätte es den Sieg am Sonntag vermutlich nicht gegeben. Und Russells Pole-Runde war nicht nur wegen der ersten beiden Sektoren außergewöhnlich, sondern vor allem wegen seines Umgangs mit Kurve 9.

Er dosierte seine Gaswegnahme unter den gelben Flaggen von Max Verstappen perfekt - ausreichend, um die Rennkommissare zufriedenzustellen, aber nicht so stark, dass es ihn die entscheidenden Tausendstel gekostet hätte.

Es war eine jener Runden, die selbst Russell hinterher kaum erklären konnte. Er gab zu, an verschiedenen Stellen des Wochenendes mehrere Zehntel langsamer gewesen zu sein als Antonelli. Und dann passte plötzlich alles zusammen.

Was ein simpler Funkspruch von Toto Wolff bewirkte

Einen großen Teil des Verdienstes schrieb Russell einer Funknachricht von Toto Wolff zu, die fast schon komisch simpel klang: "George, fahr einfach." Für Fernsehzuschauer mag das wie eine gewöhnliche Durchsage gewirkt haben. Für Russell war es genau die Erinnerung, die er brauchte.

"Toto sagte in Q2 zu mir: 'Genieß es einfach, genieß die Fahrt.' Vor Q3 wiederholte er es noch einmal: 'Fahr raus und hab Spaß.' Und ich habe mir selbst gesagt: 'Übertreib es nicht, genieß es einfach', denn eigentlich ist das, was wir tun, etwas ziemlich Cooles." Es funktionierte.

"Das ist ein Umfeld mit enormem Druck", erklärte Wolff am Sonntag. "Man hat einen jungen Teamkollegen, der unglaublich stark ist, dann kommt ein Ausfall hinzu, man fällt in der Gesamtwertung zurück."

"Und wie jeder Spitzensportler kann man in eine Spirale geraten. Nicht in eine Spirale der Negativität, sondern des Überdenkens. 'Was kann ich noch mehr tun? Wo muss ich mich verbessern?' Und irgendwann vergisst man den Kern der Sache: einfach das Auto zu fahren."

Vielleicht war nicht die Botschaft selbst entscheidend. Sondern die Person, von der sie kam.

In den sozialen Medien hatte sich längst die Erzählung verbreitet, Wolffs Aufmerksamkeit gelte ausschließlich Antonelli und Russell sei zum Auslaufmodell geworden. Ob diese Darstellung jemals der Realität entsprach, spielte beinahe keine Rolle. Für Russell war es offensichtlich wichtig, dass alle diese Worte hörten - und Wolffs Unterstützung sahen.

Die neue Ausgangslage von Russell nach Österreich

Nach Österreich liegt Russell weiterhin 40 Punkte hinter Antonelli. Dennoch werden nun Schlagzeilen erscheinen, wonach seine Titelhoffnungen wiederbelebt wurden. Das wäre genauso voreilig, wie ihn nach Monaco und Kanada bereits abgeschrieben zu haben.

Wolff brachte es vielleicht am besten auf den Punkt: "In diesem Sport schwanken wir ständig zwischen Manie und Depression", sagte er am Sonntag. "Hätten wir vor 36 Stunden über George gesprochen, hätten wir gesagt: 'Diese Saison läuft überhaupt nicht' und 'Wird er sich jemals davon erholen?' Jetzt, am Sonntagnachmittag, ist er plötzlich wieder der große Star."

Deshalb sollte das Pendel nicht in die andere Richtung ausschlagen. Österreich allein belebt Russells Titelkampf nicht neu. Es beweist lediglich, dass es von Anfang an nichts wiederzubeleben gab.

Er hat nie verlernt, wie man fährt. Er ist gut genug, Rennen zu gewinnen und seinen Teamkollegen zu schlagen. Aber nun beginnt der schwierigste Teil: Dafür zu sorgen, dass bis zum nächsten Sieg nicht erneut drei Monate vergehen.

Euer

Oleg Karpow

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