Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Lando Norris

Warum Lando Norris beim zweiten Spielberg-Rennen der Formel 1 der große Gewinner ist und ob ein Vergleich zum jungen Michael Schumacher zulässig ist

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Lando Norris

"Lando ist ein großartiger Fahrer." Das hat Lewis Hamilton in den Funk gesagt, nachdem er im Österreich-Grand-Prix 2021 genau 19 Runden lang hinter Lando Norris festgehangen war. Erst dann fand Hamilton einen Weg vorbei. Und anschließend lobte der Brite seinen Landsmann.

Und zu Recht: Norris war beim zweiten Spielberg-Rennen bärenstark. So stark, dass ihn wahrscheinlich nur eine (bei den Fans umstrittene) Zeitstrafe davon abgehalten hat, als Zweiter ins Ziel zu fahren.

Und damit willkommen zu dieser Montagskolumne, deren Gegenstück (von Christian Nimmervoll) wie immer auf Motorsport-Total.com und Formel1.de abrufbar ist und jemanden zum Thema hat, der nach dem Grand Prix am Sonntag eine eher unruhige Nacht verbracht haben dürfte.

Anders Norris: Wenn jemand nach dem Österreich-Rennen gut geschlafen hat, dann er. Vielleicht auch noch Helmut Marko und Max Verstappen, aber von Red Bull hat man ein solches Ergebnis erwartet. Von McLaren nicht unbedingt.

Ja, der MCL35M ist schnell und in den Händen von Norris eine echte Waffe. Das hat der bisherige Saisonverlauf bewiesen. Aber: Realistischerweise ist damit trotzdem "nur" Platz fünf im Rennen drin, wenn Red Bull und Mercedes jeweils mit beiden Autos ihren (noch) überlegenen Speed richtig umsetzen.

Leserbeobachtung: Norris erinnert an Schumacher

Das war in Spielberg nicht der Fall, aber Norris war zur Stelle. Wie so oft in dieser Saison. Dazu schrieb mir Fabian Otterpohl auf meiner Facebook-Seite: "Norris erinnert mich an den jungen Michael Schumacher, der mit einem unterlegenen Wagen viel mehr rausholt als normal." Eine interessante Beobachtung, die wir uns näher betrachten sollten.

Und ein Blick in die Saisonstatistik von McLaren und Norris zeigt in der Tat: Norris boxt häufiger über seinem Limit. In Spielberg fuhr er einmal vom vierten und einmal vom zweiten Startplatz los. Beides ist besser als das, wo er unter normalen Umständen stehen sollte.

Lando Norris, McLaren MCL35M, vor Lewis Hamilton, Mercedes W12

Lando Norris, McLaren MCL35M, vor Lewis Hamilton, Mercedes W12

Foto: Sam Bloxham / Motorsport Images

Seine Rennbilanz der bisherigen Saison spricht ohnehin für sich: drei Mal Dritter, ein Mal Vierter, vier Mal Fünfter (und ein achter Platz als "Ausrutscher"). Das ist richtig stark, denn es zeigt: Norris holt überaus konstant das aus dem McLaren heraus, was im McLaren drin ist. Wenn das Platz fünf ist, wird er Fünfter. Patzt eines der Topteams vor ihm, nutzt er das aus.

Der Vergleich zum Teamkollegen

Das ist auch insofern bemerkenswert, weil es seinem Teamkollegen Daniel Ricciardo nicht gelingt, auf diesem Niveau zu fahren. Ja, Ricciardo kämpft noch mit dem Umstieg vom Renault auf den McLaren, aber nach einem Saisondrittel müsste allmählich etwas mehr kommen vom erfahrenen Australier als zuletzt fünf zweistellige Startplätze in fünf Rennen und ausschließlich Rennpositionen außerhalb der Top 5.

Und während sich Ricciardo schwertut, gelingt Norris scheinbar alles, noch dazu mit spielerischer Leichtigkeit. So wirkt es nach außen. Und das macht seine Formkurve auch so interessant: Er, der fröhliche Junge von nebenan, wächst im Rennauto über sich hinaus, legt sich auch schon mal mit den "großen Jungs" an. Die Ähnlichkeit zu Schumacher kann man da durchaus sehen.

Vergleichbar ist wahrscheinlich auch die Situation der jeweiligen Teams: 2021 mischt sich McLaren mit Norris unter die "Platzhirsche" Red Bull und Mercedes. 1992 und 1993 hatte sich Schumacher mit Benetton gegen Williams und McLaren gestellt und Achtungserfolge erzielt. Wenig später folgten regelmäßige Siege und die ersten WM-Titel.

1992: Benetton-Fahrer Michael Schumacher mischt Williams und McLaren auf

1992: Benetton-Fahrer Michael Schumacher mischt Williams und McLaren auf

Foto: Motorsport Images

McLaren ist so nahe dran wie lange nicht mehr

Ob auch Norris so eine steile Formel-1-Karriere hinlegt? Ungewiss. Denn der Regelumbruch zur Saison 2022 sorgt für eine große Unbekannte und unterbricht (vielleicht) die Evolution von McLaren. Und die Richtung stimmt im Moment beim britischen Traditionsteam: In Spielberg fehlten nur 0,048 Sekunden auf die Poleposition.

So nahe dran am ganz großen Erfolg war McLaren lange nicht mehr: Die bis dato letzte Poleposition datiert aus der Formel-1-Saison 2012. Und damals fuhr bekanntlich noch ein gewisser Lewis Hamilton für den Rennstall aus Woking.

2021 ist Norris am Drücker. Ein junger, schneller Mann, der die Chance hat, mit dem Team zu wachsen. Und bisher gelingt ihm das, wie auch seine Zweikämpfe mit Hamilton im Österreich-Grand-Prix beweisen. Er habe erstmals auf Augenhöhe gegen seinen Landsmann fahren können, schwärmte Norris nach dem Rennen. Und klar ist: Er will mehr davon!

Doch wie seine Story weitergeht, das muss die Zukunft zeigen. Für den Moment jedenfalls sieht sie rosig aus. Und mit solchen Ergebnissen im Rücken dürfte Norris die Nacht zum Montag entsprechend ruhig verbracht haben. Hellwach ist er dieses Jahr nur auf der Rennstrecke.

Nicht verpassen: "Letzte Nacht" am Montag um 19 Uhr!

Sie denken ähnlich? Oder ganz anders? Dann lassen Sie uns darüber reden: Folgen Sie mir gerne auf Facebook und/oder Twitter, wo ich diese Kolumne – und weitere aktuelle und historische Themen aus der Formel 1 und dem Motorsport allgemein – gerne mit Ihnen diskutiere. Schreiben Sie mir!

Und nicht vergessen: Um 19:00 Uhr analysieren Christian Nimmervoll und ich auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de den Österreich-Grand-Prix noch einmal ausführlich. Wir sprechen natürlich über unsere "Letzte-Nacht"-Kolumnen, aber auch über alles weitere, was dieses Formel-1-Rennen ausgemacht hat. Also: Gerne einschalten und live dabei sein – und wir beantworten auch gerne Ihre Fragen!

Ihr
Stefan Ehlen

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