Kolumne
Formel 1 Monza
Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Marco Antonelli
Kimi Antonelli ist nach seinem Formel-1-Sieg in Monza jetzt offiziell ein Sohn der ganzen Nation - und darauf dürfte sein Vater mächtig stolz sein
Oleg Karpow
Bearbeitet: 07.09.2026, 06:54
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Marco Antonelli unter dem Formel-1-Podium in Monza 2026
Foto: Getty Images
Liebe Leser,
Adjektive werden überschätzt. Fakten und Zahlen sagen meist mehr aus: Ein Sieg vom 19. Startplatz. Der erste Sieg eines Italieners in Monza seit 1966. Im Alter von gerade einmal 20 Jahren. In seiner zweiten Formel-1-Saison.
Man kann es sensationell nennen. Fantastisch. Beeindruckend. Magisch. Außergewöhnlich. Bemerkenswert. Unglaublich. Historisch. Doch das sind nur Worte.
Allein die Tatsache, dass Kimi Antonelli den Grand Prix von Italien 2026 in Monza gewonnen hat, nachdem er beinahe das gesamte Feld überholt hatte, sagt eigentlich schon alles. (Hier den Rennbericht lesen!)
2024 der Unfall, 2026 der Heimsieg
Und das nur zwei Jahre nach seinem allerersten Trainingseinsatz auf derselben Strecke. Jenem Training, das für ihn nur zehn Minuten nach Beginn in der Streckenbegrenzung endete.
Dieser Unfall trug wesentlich dazu bei, dass viele zu der Überzeugung gelangten, Mercedes habe Antonellis Potenzial entweder überschätzt oder ihn zu früh in die Formel 1 befördert. Toto Wolffs Erinnerungen daran, Max Verstappen 2014 an Red Bull verloren zu haben, hätten sein Urteilsvermögen getrübt, hieß es. Antonelli besitze bei Weitem nicht Verstappens Potenzial, glaubten viele. Er sei schlicht überbewertet.
Mit 18 Jahren in die Formel 1
Mercedes und Wolff ließen sich davon nie beirren. Mit 18 Jahren ging es für Antonelli in die Formel 1 - nach einer einzigen und, fairerweise muss man sagen, eher durchschnittlichen Formel-2-Saison. Und dann ging es auch noch direkt auf den Platz, den zuvor der siebenmalige Weltmeister Lewis Hamilton besetzt hatte.
Schon zwei Monate nach seinem Formel-1-Debüt veröffentlichte Mercedes sogar eine Dokumentation über ihn - natürlich in Zusammenarbeit mit einem Sponsor. "The Seat". Schon gesehen? Der Film ist tatsächlich ganz ordentlich, wenn man sich mit all den Werbeinhalten arrangieren kann.
Auch Antonellis Monza-Unfall ist Teil des Films und nimmt einen durchaus beträchtlichen Teil der 40-minütigen Dokumentation ein. "An diesem Tag habe ich meine ganze Familie enttäuscht, meinen Vater", sagt Kimi vor der Kamera. "Er war nicht glücklich."
Was sich Vater Marco für Sohn Kimi wünscht
Wolff ist zweifellos jemand, der in Antonellis Karriere eine entscheidende Rolle gespielt hat. Gleiches gilt für Gwen Lagrue, den scheidenden Leiter des Mercedes-Nachwuchsprogramms. Doch das Fundament legte Kimis Vater Marco.
Er spricht nur selten mit den Medien, weshalb die Einzelheiten aus der frühen Karriere seines Sohnes längst nicht so bekannt sind wie beispielsweise bei Verstappen. Ja, auch Marco war Rennfahrer - aber eben kein Formel-1-Pilot.
Eine dieser seltenen Gelegenheiten ergab sich erst vor wenigen Tagen, als die italienische La Gazzetta dello Sport nach Kimis 20. Geburtstag ein Interview mit Antonelli senior veröffentlichte.
"Ich hoffe außerdem, dass er so bleibt, wie er ist: lieb und großzügig. Und dass er so lange wie möglich das machen kann, was er liebt", sagte Marco gegenüber Italiens größter Sportzeitung.
So hart war Antonellis Weg in die Formel 1
Kimi scheint tatsächlich ein lieber und großzügiger Kerl zu sein, was es für jemanden wie George Russell vermutlich umso schwieriger macht. Man kann den Jungen nicht einmal hassen, egal, wie oft er einen schlägt - abseits der Strecke ist er so liebenswürdig, und im Auto fährt er wie der Teufel!
Doch auch wenn Antonelli inzwischen alles wie ein Spiel aussehen lässt, dürfte der Weg dorthin hart gewesen sein - für den Sohn ebenso wie für den Vater. Und vielleicht auch für ihre Beziehung. Marco mag seinen Sohn nach einem enttäuschenden Kartrennen nie allein an einer Tankstelle zurückgelassen haben, aber Väter erfolgreicher Sportler sind üblicherweise anspruchsvolle Zeitgenossen.
In der Dokumentation gibt es eine Szene, in der Vater und Sohn gemeinsam im Auto sitzen. Es ist Winter, kurz vor Kimis erster Formel-1-Saison, Marco sitzt am Steuer. Sein Sohn erzählt, dass er als Kind nicht verstanden habe, weshalb sein Vater so streng mit ihm gewesen sei. (Fotostrecke: Die Karriere von Kimi Antonelli)
"Darüber haben wir nie gesprochen, aber dieser Moment ist eine Gelegenheit, es zu erklären", antwortet Marco Antonelli. "Ich denke oft an all die Male, in denen ich dich angeschrien habe, all die Male, in denen ich wütend auf dich war."
"Du hast gesagt: 'Mein Vater ist ein Arschloch. Warum macht er das?' - weil ich es in meiner eigenen Karriere leider nicht nach vorne geschafft habe. Ich konnte die Chancen, die ich hatte, nicht nutzen. Deshalb haben wir uns gestritten, weil ich wahrscheinlich mehr von dir verlangt habe, als du in diesem Moment leisten konntest."
Das vermittelt zumindest eine Ahnung davon, wie dieser gemeinsame Weg ausgesehen haben könnte.
In einem späteren seiner seltenen Interviews räumte Marco ein, dass er selbst - als Vater - vermutlich nicht so sehr an Kimis Potenzial geglaubt habe wie Wolff. Dabei gab er zu, dass sein Sohn auch seine eigenen Erwartungen übertreffe.
Antonelli ist WM-Favorit - nach Monza umso mehr!
Die letzte echte Herausforderung für Antonelli scheint nun darin zu bestehen, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Denn Gründe zum Abheben gibt es inzwischen reichlich. Ein Sieg in Monza aus der letzten Startreihe wird ihm Lob aus allen Richtungen einbringen. Und Italien wird sich ganz sicher nicht zurückhalten, ihn mit seiner Zuneigung zu überschütten.
Nach diesem Rennen werden ihn angesichts seines Vorsprungs auf Russell in der Weltmeisterschaft sicherlich viele bereits zum Weltmeister erklären. Und schon sehr bald wird Antonelli wohl selbst darüber nachdenken, tatsächlich Weltmeister zu werden - falls er das nicht ohnehin längst tut. Noch versucht er, solche Gedanken von sich fernzuhalten - zumindest dann, wenn er mit der Presse spricht.
"Es war bislang definitiv ein sehr starkes Jahr, aber es stehen noch viele Rennen aus und es kann noch alles passieren", sagte er am Sonntag nach seinem historischen, sensationellen und bemerkenswerten Sieg.
"Wir haben gesehen, wie schnell sich die Dinge verändern können. Deshalb gilt für mich, wie ich schon oft gesagt habe: von Rennen zu Rennen denken, mich auf die Dinge konzentrieren, die ich kontrollieren kann, und jede Gelegenheit, die sich mir bietet, bestmöglich nutzen."
Seinem Vater dürfte diese Antwort gefallen. Und er wird sicherlich sein Möglichstes tun, damit Kimi bei all dem, was nun auf ihn zukommt, nicht abhebt. Aber darüber kann man sich später Gedanken machen.
Jetzt ist erst einmal der Moment gekommen, einfach nur stolz zu sein.
Euer
Oleg Karpow
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