Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat
Autor:
01.04.2019, 04:07

Man kann Sebastian Vettel nach dem Grand Prix von Bahrain in Schutz nehmen, es bleibt aber nicht ganz aus, ihn auch zu kritisieren

Liebe Leser,

als mein ehemaliger Kollege Roman Wittemeier die Idee für diese Kolumne hatte und wir "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" gemeinsam entwickelten (es muss spät abends an der Bar des Münchner Hotels Vitalis gewesen sein, das wir für seinen puerto-ricanischen Kellner ebenso heiß geliebt haben wie für den Pinot Grigio), war das Grundkonzept, am Montag nach jedem Formel-1-Rennen einen "Verlierer des Wochenendes" hervorzuheben und dessen Geschichte zu beleuchten.

"Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" ist so gesehen in der Regel das, was man im flapsigen Journalisten-Jargon als einen "Verriss" bezeichnen würde. Doch mir liegt viel an der Feststellung, dass die heutige Kolumne über Sebastian Vettel nach dem Grand Prix von Bahrain eben kein Verriss sein soll.

Denn es wäre viel zu einfach, Vettel für seinen Dreher in Kurve 4, der ihm im Endeffekt den ganzen Abend gekostet hat, blind zu bashen.

Erstens: Kurve 4 war wegen des gestern extrem heftigen Windes die wahrscheinlich schwierigste Passage der ganzen Strecke. "Der Wind hat nicht geholfen", sagt Vettel, ohne sich darauf auszureden. Viele seiner Fahrerkollegen bestätigen aber: So schwierige Bedingungen haben sie in ihrer ganzen Karriere noch nicht erlebt.

"Ich hatte an der Stelle auch ein paar Momente", sagt etwa Valtteri Bottas und ergänzt in Bezug auf Vettel: "Kann schon passieren. Es war ziemlich böig." Was in der Konsequenz heißt: Jede Runde ist anders. "Total unberechenbar", nickt Bottas.

Das soll keine Ausrede sein. Andere haben es schließlich auch hinbekommen. Aber eine Erklärung.

Harte Strafe für kurze Unaufmerksamkeit

Zweitens: Der verhältnismäßig harmlose Dreher, der Vettel im Normalfall nur ein paar Sekunden gekostet hätte, wurde unverhältnismäßig hart bestraft. Denn durch das Rutschen auf dem Asphalt schmolz ein Stück der Lauffläche des linken Hinterrads weg. Der von da an platte Reifen löste extreme Vibrationen aus. Die wiederum klopften die Frontflügel-Aufhängung weich. Der Rest ist bekannt.

 

Drittens: Der Dreher hat nichts damit zu tun, dass Vettel unter Druck eingeknickt wäre. Es war einfach eine kleine Unaufmerksamkeit mit großen Folgen. Wenn du von deinem größten Rivalen überholt wirst, steigst du instinktiv aufs Gas. In Vettels fall in Bahrain halt ein bisschen zu früh.

Das geht wahrscheinlich in neun von zehn Fällen gut. In diesem einen ist es nicht gutgegangen.

Das Problem daran ist: Vettel passieren diese Dinge in letzter Zeit zu häufig. Nicht nur ein von zehn Mal.

Allein 2018 unterliefen ihm fünf (!) solche Patzer. Zuerst in Le Castellet die unnötige Startkarambolage mit Valtteri Bottas. Dann der Ausrutscher im Regen von Hockenheim. Die Get-togethers mit Hamilton in Monza, Verstappen in Suzuka und Ricciardo in Austin.

Eine ganz schön lange Liste, die nicht für seinen Killerinstinkt im Rad-an-Rad-Kampf spricht.

Nun glaube ich nicht, dass Sebastian Vettel aufgrund des psychologischen Drucks, der ihm angedichtet wird, früher aufs Gas steigt und sich dreht. So einfach ist das nicht.

Rosberg: Der gleiche Vettel wie im Vorjahr!

Aber Nico Rosberg kennt sich aus mit Motorsport-Psychologie. Er sagt nach Bahrain: "Wir haben genau den gleichen Sebastian Vettel gesehen, den wir schon im gesamten Vorjahr gesehen haben. Zunächst vermasselt das Team im Qualifying die Strategie. Er ist verärgert. Dann am Renntag im Zweikampf dreht er sich völlig selbstverschuldet weg und verliert dadurch ein ganzes Wochenende."

"Er muss da jetzt einen Weg rausfinden", sagt er.

 

Rosberg hat viel darüber gesprochen in letzter Zeit, wie mächtig die kleinen Psycho-Details sein können. Formel-1-Fahrer sind auch nicht die Ritter in der stählernen Rüstung, die die Fans oft in ihnen sehen. Sondern manchmal sogar recht sensible, verletzliche, nachdenkliche Menschen, genau wie du und ich. Die es belastet, wenn sie von allen Seiten kritisiert werden, und das nicht mehr komplett ausblenden können, wenn sie abends einschlafen.

Und man weiß: Dinge, über die man nachdenken muss, gehen einem nicht so leicht von der Hand wie die, über die man nicht nachdenken muss. Wenn du einmal einen Fehler gemacht hast, ist der nächste oft nicht weit weg.

Ob es Vettel so geht? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er im Kopf stark genug, um sowas auszuhalten.

Nico Rosberg war es - das gibt er selbst zu - nicht. Und die bohrenden Fragen der Journalisten werden jetzt nicht weniger. Der Medien-Donnerstag in China wird für Vettel sicher kein angenehmes Erlebnis.

Auch wenn er gut beraten wäre, seine (zurecht) miese Laune nicht mit grantigen Kommentaren raushängen zu lassen, sondern sie mit ein paar Witzen zu überspielen. Im Humor ist Vettel gut. Der kann ihn jetzt vielleicht aus diesem Loch ziehen.

Die italienischen Journalisten hatten ihre Jubel-Storys schon fertig getippt, als das Drama in Bahrain losging. Die verreißen Vettel jetzt wirklich.

Und das sicher nicht so differenziert, wie wir es zumindest versuchen ...

Christian Nimmervoll

P.S.: "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" fand jahrelang jeden Montag auf unseren Portalen Formel1.de und Motorsport-Total.com statt. 2019 ist sie umgezogen zu de.motorsport.com. Auf unseren Schwesterportalen erfahren Sie stattdessen, "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat". Heute aus der Feder meines Kollegen Sven Haidinger, der Ihnen erklärt, warum Charles Leclerc bei allem Drama der wahre Sieger des gestrigen Abends war.

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