Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Adrian Newey
Desolater Auftakt für Aston-Martin-Honda: Für Adrian Newey beginnt eine Endlosschleife aus Politik und Pannen - genau das, was er am meisten hasst
Adrian Newey muss auf Spielfeldern agieren, die er eigentlich verabscheut
Foto: Getty Getty
Liebe Leser,
in der Kult-Komödie "Und täglich grüßt das Murmeltier" wird die schicksalhafte Strafe für den misanthropischen TV-Wetterman Phil Connors durch das Umspringen eines 70er-Jahre-Radioweckers angekündigt. 5:59 Uhr wird zu 6:00 Uhr, und die Klänge von Sonny & Chers "I Got You Babe" ertönen. Während Connors denselben Tag immer wieder aufs Neue erlebt, wird das Umblättern der Ziffern in grotesker Zeitlupe inszeniert - als wären es riesige Eisberge, die aufeinander mahlen, oder einstürzende Wolkenkratzer.
Fernando Alonso könnte Adrian Newey einiges darüber erzählen, wie es sich anfühlt, scheinbar dazu verdammt zu sein, Tag für Tag dieselbe Farce zu erleben. Das war sein Schicksal, als die Traumhochzeit von McLaren und Honda 2015 zum buchstäblichen Albtraum mutierte. Sigmund Freuds Theorien zum Wiederholungszwang basierten auf der Beobachtung traumatisierter Soldaten; Alonso muss entsetzt sein zu sehen, wie sich die Geschichte nicht nur in seinem Kopf, sondern in Echtzeit um ihn herum wiederholt. (ANZEIGE: Alle Formel-1-Rennen 2026 mit Sky live verfolgen!)
Newey ist bekanntlich ein Mann, der das Rampenlicht nicht sucht, sinnlose Meetings verabscheut, Medienrunden meidet und am glücklichsten ist, wenn er am Zeichenbrett kreativ Probleme löst. Er muss die neunte Etage der Hölle vor sich sehen. Denn die prekäre sportliche Lage von Aston Martin lässt sich nicht dadurch lösen, dass er sich ein paar Stunden glückselig hinter seine Staffelei zurückzieht, nur mit Bleistiften und Kurvenlinealen als Gesellschaft.
Nein, das hier wird Meetings erfordern - und zwar jede Menge davon. Schlimmer noch: Er wird sein prestigeträchtiges Profil in die Waagschale werfen müssen, um für jene außergewöhnlichen Zugeständnisse zu werben, die Honda benötigt, um die massiven Probleme der Antriebseinheit in den Griff zu bekommen.
Der Aston Martin AMR26 war mit riesigen Erwartungen beladen - befeuert durch Neweys spektakuläre Verpflichtung als "Managing Technical Partner" im Vorjahr und den exklusiven Honda-Deal. Jener Honda-Motor, der Max Verstappen zu vier Weltmeisterschaften in Folge peitschte. Doch das Auto wurde spät fertig, und das Team musste die Testfahrten vorzeitig abbrechen, nachdem Motorvibrationen den Bestand an Batterien aufgezehrt hatten.
Wenn der Zauberer hinter den Vorhang will
Hinter den Kulissen hieß es bereits, die Honda-Antriebseinheit sei bis zu 15 kg übergewichtig. Doch dieses Problem verblasste gegenüber den Vibrationen. Wie sich später herausstellte, fraßen diese nicht nur Batterien, sondern ließen auch die Rückspiegel abfallen und sorgten dafür, dass die Hände der Fahrer nach nur wenigen Runden taub wurden.
Als Andy Cowell Ende letzten Jahres als CEO und Teamchef gehen musste und Newey diese Aufgaben faktisch übernahm, war die Verwirrung groß. Man versicherte uns, dass der "unangenehme" Teil des Jobs - die Repräsentation nach außen - an Mike Krack delegiert würde. Doch beim Saisonauftakt in Australien kam alles anders.

Rückwärts in die Box: Ein Bild mit Symbolcharakter bei Aston Martin
Foto: LAT Images
Zusammen mit HRC-Präsident Koji Watanabe berief Newey am Donnerstagmorgen eine Pressekonferenz ein. Es war klar: Er wollte eine Botschaft senden. Wie ironisch, dass die PA-Anlage des Presseraums ähnlich dysfunktional war wie das Auto. Newey erinnerte an den britischen Komiker Norman Collier und dessen "kaputtes Mikrofon"-Skit, während der Ton ständig aussetzte. Man konnte Newey leise fluchen hören - Worte, die sich auf "Clucking Bell" reimten. In Melbourne wirkte der "Zauberer von Oz" wie ein Mann, der sich sehnlichst wünscht, wieder hinter seinem Vorhang zu verschwinden.
Politische Spielchen und Sicherheitsbedenken
Watanabe las sein Statement stur vom Tablet ab, sodass Newey das Mikrofon ergreifen und das Narrativ vorantreiben musste. Die Enthüllungen hatten es in sich: Obwohl Alonso und Stroll später versuchten, die Gefahr von Nervenschäden in den Händen herunterzuspielen, war die Geschichte in der Welt.
Es ist ein klares taktisches Manöver: Man stellt die technischen Probleme als Sicherheitsproblem dar, um die FIA und die Konkurrenz zu Zugeständnissen zu bewegen. Newey braucht die Erlaubnis für Honda, den Motor früher und umfassender zu überarbeiten, als es das "ADUO"-Reglement (Additional Development and Upgrade Opportunities) vorsieht.
Der Mann, der Politik und PR hasst, muss nun seine mentale Kapazität genau darauf verwenden. Er wandelt auf einem schmalen Grat: Er muss Honda die Hölle heiß machen, ohne die Beziehung so zu sprengen, wie McLaren es 2017 tat. Dass er behauptete, die Teamführung habe erst im November erfahren, wie wenig Personal vom alten Red-Bull-Erfolgsstamm bei Honda übriggeblieben sei, gehört zu diesem Spiel.
Das gefährliche Spiel des Lawrence Stroll
Nichts davon bringt kurzfristig Performance. Im Rennen in Australien war Alonso nach 15 Runden an der Box, um "Anpassungen" vorzunehmen. Elf Runden später kam er wieder raus, fuhr ein paar Umläufe und stellte das Auto ab, um "Komponenten zu schonen". Fakt ist: Das Team hat schlicht keine Batterien mehr.
Besitzer Lawrence Stroll ist nicht für seine Geduld bekannt. Er hat Unmengen an Geld investiert, doch mit jeder neuen Peinlichkeit rückt eine weitere Runde "Spin the P45" (das britische Formular für die Kündigung) näher.
Newey ist reich genug, um in Rente zu gehen, aber er ist ein gnadenloser Wettkämpfer. Er will beweisen, dass er kein "Kindermädchen" braucht (wie früher bei Williams suggeriert). Es ist für ihn undenkbar, seine Karriere mit einem katastrophalen Scheitern zu beenden. Doch die unmittelbare Zukunft von Aston Martin sieht düster aus: Testfahrten, bei denen man kaum fährt, und Rennen, in denen man keine Rolle spielt.
In "Und täglich grüßt das Murmeltier" entkommt Phil Connors seiner Strafe, indem er ein besserer Mensch wird. Was Newey braucht, ist eine bessere Antriebseinheit. Aber wann wird er sie bekommen?
Euer,
Stuart Codling
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