Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: George Russell
WM-Führung verloren, der Teamkollege gewinnt mit Glück und Max Verstappen droht am Horizont: So hatte sich George Russell das nach Australien nicht vorgestellt
Sieht so ein glücklicher Mercedes-Pilot aus? George Russell in Japan
Foto: NurPhoto NurPhoto
Liebe Leser,
als ich Sonntagnacht um 4 mit meinem Kind im Flur auf und ab gelaufen bin, habe ich mir schon erste Gedanken darüber gemacht, wer nach dem Rennen in Japan am schlechtesten geschlafen haben könnte - also abgesehen von dem übermüdeten Papa an einem Wochenende mit undankbaren Sessionzeiten.
Logische Kandidaten gab es viele: Ein Honda-Vertreter, nachdem man beim Heimspiel hinter beiden Cadillacs die letzte Startreihe belegt hatte? Sicher, die Lage von Aston Martin und seinem Motorenhersteller ist übel. Auf der anderen Seite war man auf die Schwierigkeiten eingestellt, und ich hätte eh nur noch einmal wiederholen können, was man schon 20 Mal hier lesen konnte.
Laurent Mekies? Vielleicht, schließlich gab es am Donnerstag den "Eklat" um Max Verstappen und den Kollegen des Guardian, und man droht, im kommenden Jahr mit einer Fahrerpaarung a la Isack Hadjar/Arvid Lindblad dazustehen.
Ich hatte mir Mekies im Hinterkopf mal zurechtgelegt. Und um häufiger Kritik mal vorzugreifen: Ja, natürlich macht man sich im Vorfeld des Rennens schon Gedanken, geschrieben wird die Kolumne aber immer erst nach Abschluss des Wochenendes.
Und der Sonntag hat uns einen ganz anderen großen Verlierer beschert: George Russell.
Mit Selbstverständnis zum Titel?
Ich kann nicht in seinen Kopf schauen, aber ich glaube, dass der Engländer vor der Saison schon recht zuversichtlich war, dass der neue Formel-1-Weltmeister 2026 die Initialen GR tragen wird.
Mercedes war vor der Saison - und ist es immer noch - der große Favorit. Russell hatte im vergangenen Jahr getönt, dass Oscar Piastri und Lando Norris mit ihrem McLaren eigentlich jedes Rennen gewinnen müssten. Und wendet man die Logik an, müsste er selbiges auch über seinen aktuellen Boliden sagen.
Somit bliebe als einzige Konkurrenz der Teamkollege im gleichen Auto. Und den hatte Russell 2025 locker im Griff. Und bei locker sprechen wir von 319 zu 150 Punkten, 21 zu 3 Siegen im Qualifying-Duell und auch 21 zu 3 Siegen im teaminternen Rennduell.
Das heißt: In nur drei Rennen lag Antonelli im vergangenen Jahr vor Russell.
Und für jemanden, der es auch mit Rekordweltmeister Lewis Hamilton aufnehmen konnte, sollte es doch da ein Klacks sein, auch 2026 die Nase vorne zu haben. Ich glaube, das ist auch das Selbstverständnis von George Russell.
China verloren? Egal! Aber Japan ...?
Der souveräne Auftakt in Australien dürfte ihn in diesem Denken nur bestärkt haben. Dass Antonelli danach das Rennen in China gewann - geschenkt. Schließlich konnte sich Russell das mit den Problemen im Qualifying erklären. Und man kann seinem jungen Teamkollegen ja auch mal den ersten Sieg gönnen.
Aber dass Antonelli jetzt gleich den zweiten Sieg folgen lässt, das dürfte an Russell nagen. Auch wenn es sicherlich wieder einige Dinge gab, die nicht in seiner Hand lagen.
Für das unglückliche Safety-Car-Timing konnte er nichts, dazu wurde er von einem falschen Set-up gehandicapt und verlor wichtige Positionen gegen Ferrari, weil die Batterie im falschen Moment geladen wurde - oder im anderen Fall nicht laden konnte.
Wie viel daran jetzt am Fahrer und wie viel am System liegt, das weiß wohl nur Mercedes. "Wir haben uns bei Georges Rennen nicht mit Ruhm bekleckert", sagt Motorsportchef Toto Wolff dazu.
Wo ist die Souveränität am Funk?
Dass Russell durch die Situation mental durchaus belastet wird, zeigt sich am Funk derzeit eigentlich ganz gut. Kein britischer Charme, keine Scherze. Stattdessen viel Gemecker: "Es kann nicht sein, dass wir so viel Pace verloren haben", schimpfte er am Samstag im Qualifying.
Und nach dem ungünstigen Safety-Car klagte er über das "verdammte Pech in den letzten beiden Rennen". Da musste sich sogar Wolff einbringen und Russell beruhigen: "Schau, was du von hier aus tun kannst", funkte er, nicht ohne ihn dabei jedoch noch zu bestätigen: "Ja, super unglücklich."
Sicherlich, jeder würde hadern, wenn er vom Pech verfolgt wird und den möglichen Sieg durch unglückliche Umstände verliert, aber Russell muss aufpassen, dass Antonelli nicht in seinen Kopf kommt.
Der Italiener hat Russell die WM-Führung abgeknöpft und das nötige Glück gepachtet, dass er trotz eines komplett verpatzten Starts und einer weniger souveränen Aufholjagd in den ersten Runden am Ende den Sieg holt und die Schlagzeilen beherrscht - während der eigentliche Favorit nicht einmal auf das Podium kommt.
Sowas kann im Endeffekt psychologisch sogar schlimmer sein, als wenn man aus eigener Kraft verliert.
Die Zeit spielt für Antonelli
Sicher, die WM ist noch lang, aber je länger Russell in der WM hinter Antonelli liegt, desto nervöser könnte er werden. Und schon jetzt steht fest, dass Russell selbst mit zwei Siegen im Sprint und im Rennen von Miami nicht aus eigener Kraft WM-Führender wird.
Russell weiß, dass dieses Jahr seine große Chance auf den WM-Titel ist. Denn sollte Mercedes vielleicht für 2027 wirklich Max Verstappen angeln, dann dürfte es für ihn nicht leichter werden. Wenn er dann überhaupt noch im Mercedes sitzt.
Die Frage ist, ob die lange Pause für ihn nun gut oder schlecht ist. Gut, weil er erst einmal alles sacken lassen und sich beruhigen kann, oder schlecht, weil Antonelli jetzt bis Mai vor ihm liegt und ihm das letzte Rennen jetzt den ganzen April nachhängt.
Ich bin jedenfalls nicht undankbar dafür, so bleibt ein bisschen mehr Zeit für den ein oder anderen Spielplatz-Besuch. Aber bitte nicht nachts um 4.
Euer
Norman Fischer
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