Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: George Russell
18 Punkte aufgeholt und trotzdem der große Verlierer - Warum George Russell langsam die Erklärungen ausgehen und welches Problem er nun zusätzlich bekommt
George Russell war am Sonntag schon wieder langsamer als Kimi Antonelli
Foto: Sutton Images
Liebe Leserinnen und Leser,
eigentlich müsste ich mich an diesem Montag selbst schlecht schlafen lassen. Ich gehörte nämlich auch zu denjenigen, die nicht an diesen Sieg von Lewis Hamilton geglaubt haben. Dass der Rekordweltmeister irgendwann mit etwas Glück doch einmal ein Rennen für Ferrari gewinnen würde, das habe ich nicht ausgeschlossen.
Dass er es auf diese überzeugende Art tun würde, das hatte ich nicht auf dem Zettel. Ja, er hatte ein bisschen Glück durch das VSC. Aber es gibt wohl keinen Zweifel daran, dass Lewis Hamilton dieses Rennen in Barcelona absolut verdient gewonnen hat. Chapeau!
Kleiner Trost für mich: Auch zahlreiche Experten hatten den mittlerweile 41-jährigen Hamilton vor seiner zweiten Ferrari-Saison eigentlich schon abgeschrieben. Offensichtlich war das eine Fehleinschätzung.
Ein weiterer Kandidat für diese Kolumne wäre im Umkehrschluss Charles Leclerc gewesen, doch den hat sich Kollege Christian Nimmervoll an dieser Stelle erst vor einer Woche vorgenommen und eigentlich alles gesagt, was zu diesem Thema zu sagen ist.
Daher fällt meine Wahl auf George Russell. Der war zwar nach Suzuka auch "schon mal dran", aber seit der Kolumne von Norman Fischer vor zweieinhalb Monaten hat sich grundsätzlich etwas an Russells Situation geändert. Denn damals gingen alle noch von einem internen Mercedes-Duell um den WM-Titel aus.
Das könnte sich inzwischen geändert haben.
Muss Mercedes bald auf Antonelli setzen?
Tatsächlich muss man beim Blick auf den WM-Stand aktuell zweimal hinschauen, denn schon seit Monaco liegt dort nicht mehr Russell auf dem zweiten Platz, sondern Ex-Teamkollege Hamilton. In Barcelona rückte der Brite nun sogar bis auf 41 Zähler an WM-Leader Kimi Antonelli heran.
Kurioserweise ist das für Russell, der gestern ebenfalls 18 Zähler auf seinen Teamkollegen aufholte, vielleicht ein größeres Problem als für Antonelli selbst. Denn erstmals sprach auch Teamchef Toto Wolff nach dem Barcelona-Rennen offen über eine mögliche Stallorder bei den Silberpfeilen.
Man müsse in Zukunft "vielleicht auch manchmal den Schnelleren ziehen lassen", wenn es plötzlich noch einen weiteren Mitspieler an der Spitze gebe, sagte Wolff bei Sky. Und Russells Problem ist, dass "der Schnellere" aktuell meistens Kimi Antonelli ist.
Nun macht eine Schwalbe bekanntlich noch keinen Sommer, und Ferraris Sieg am Sonntag, dem ersten seit 2024 übrigens, stehen zuvor sechs Mercedes-Erfolge in Serie gegenüber. Die Favoritenrolle in der WM ist damit also noch immer recht klar verteilt.
Doch so schnell Mercedes in diesem Jahr ist, so unzuverlässig ist der W17 auch noch. In Kanada erwischte es Russell, in Barcelona nun Antonelli. Auch Wolff stellte gestern klar, dass das nicht so weitergehen könne. Ansonsten ist Hamilton in der WM schneller in Schlagdistanz, als es allen lieb sein kann.
Und genau dann könnte die Luft für Russell richtig dünn werden. Solange sich der Kampf um Rennsiege und vor allem die WM nur zwischen ihm und Antonelli abspielt, gibt es für Mercedes keinen Grund, eine Stallorder auszusprechen, sofern sie sich nicht gegenseitig ins Auto fahren.
In Barcelona hat man sich mit diesem Ansatz nun aber erstmals selbst geschadet. "Wahrscheinlich fünf oder sechs Sekunden" habe der interne Kampf am Sonntag gekostet, verrät Wolff. Das war genau die Zeit, die Hamilton brauchte, um nach seinem Boxenstopp vor den beiden Silberpfeilen wieder auf die Strecke zu kommen.
Spätestens ab diesem Punkt hört der Spaß für Wolff und Co. auf. Einfach mal bei Valtteri Bottas nachfragen.
Nur Pech? Russell gehen die Ausreden aus
Ein Kollege in der Redaktion merkte am Sonntag an, dass Russell vermutlich gar nicht so schlecht schlafen werde, da er ja schließlich in der WM 18 Punkte aufgeholt habe. Es hätte also deutlich schlimmer laufen können. Trotzdem bin ich noch aus einem weiteren Grund der Meinung, dass Russell dieses Mal ein perfekter Kandidat für diese Kolumne ist.
Denn langsam gehen dem Briten auch die Erklärungen aus, warum er schon wieder hinter Antonelli gelandet ist - oder in diesem Fall hinter ihm gelandet wäre, wenn der andere Mercedes nicht den Geist aufgegeben hätte.
Die erste Niederlage in China tat er noch als Betriebsunfall ab und schob es auf sein technisches Problem im Qualifying. In Japan war seiner Meinung nach das Safety-Car schuld, in Kanada sein Defekt im Rennen und zuletzt in Monaco seine unberechtigte Strafe.
"Ich habe noch nie eine solche Serie von Pech erlebt", sagte er nach seiner Nullnummer im Fürstentum. Das ist grundsätzlich nicht wegzudiskutieren, lässt aber außer Acht, dass Antonelli trotzdem an vielen Wochenenden einfach schneller als Russell war.
Von daher hatte der Brite auf der einen Seite zwar Pech, auf der anderen Seite aber auch immer eine "Ausrede" für seine Niederlage. In Barcelona sah es dann lange auch danach aus, dass sich das Blatt endlich mal wieder wenden würde.
"Ich fühlte mich wieder wie mein altes Ich. Und das war für mich das Entscheidende", sagte er nach seiner Pole am Samstag. Da hatte er Antonelli gerade drei Zehntel aufgedrückt und zumindest für den Moment die seiner Meinung nach korrekte Reihenfolge bei Mercedes wiederhergestellt.
Zu sehr habe er sich in den vorherigen Rennen an Antonellis Set-up orientiert, erklärte Russell und betonte, er sei in Barcelona "wieder meinen eigenen Weg gegangen". Das ging am Samstag noch auf - am Sonntag dann aber eben wieder nicht mehr.
Warum auch Barcelona ein "Punktsieg" für Antonelli war
Kurz vor seinem Ausfall überholte Antonelli Russell auf der Strecke, und vermutlich hätte ihm auch seine nachträgliche Fünf-Sekunden-Strafe, die durch sein Aus am Ende keine Rolle mehr spielte, egal sein können, weil er die Zeit auf der Strecke in den Schlussrunden noch gegen Russell herausgefahren hätte.
Doch selbst, wenn das nicht der Fall gewesen wäre, war Antonelli auch an diesem Sonntag wieder der schnellere Mercedes-Pilot. Und Russell gehen langsam die Erklärungen aus.
Denn in Barcelona tat Mercedes alles, um Russell nicht zu schaden. Man sprach keine Teamorder aus, obwohl Antonelli schneller war, und gab Russell beim zweiten Boxenstopp sogar den Vorzug vor Antonelli, womit man beim WM-Leader einen Undercut durch Lando Norris riskierte, der nur hauchdünn nicht funktionierte. Es half alles nichts.
"Mercedes hat zu viel Rücksicht auf George genommen", fand zum Beispiel Nico Rosberg, der an diesem Wochenende als Experte für Sky im Einsatz war. Und der muss es wissen, denn drei Jahre lang befand er sich bei den Silberpfeilen mit seinem damaligen Teamkollegen Lewis Hamilton in einer ganz ähnlichen Situation.
Vielleicht sehe ich das falsch. Und vielleicht hatte George Russell wirklich eine gute Nacht, weil er lediglich auf den WM-Stand schaut. Oder weil er wirklich daran glaubt, dass er einfach nur eine Pechsträhne hat und sich alles schon wieder zum Guten wenden wird.
Klar ist aber auch, dass nicht nur ich der Meinung bin, dass Russell die Felle langsam aber sicher wegschwimmen - trotz P2 in Barcelona. Für Ralf Schumacher ist Antonelli bei Mercedes jetzt schon "die klare Nummer 1", sagte er gestern. So weit würde ich (noch) nicht gehen.
Aber ich teile seine Einschätzung, dass Antonelli trotz des Ausfalls einen weiteren Punktsieg im internen Duell gelandet hat. "Die Erkenntnis [dass er schneller als Russell war] war wichtiger als heute anzukommen", sagte Schumacher nach dem Rennen.
Übrigens: Genau dieser Ralf Schumacher sagte bereits vor dem Saisonauftakt, dass Kimi Antonelli sein WM-Favorit sei. Das habe ich damals zugegebenermaßen etwas belächelt, weil ich in der Favoritenfrage klar zum "Team Russell" gehörte.
Womöglich eine weitere Fehleinschätzung meinerseits.
Euer
Ruben Zimmermann
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