Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Mattia Binotto
Zwei brennende Autos, eine Disqualifikation, der nächste Nicht-Start und ein früher Ausfall: Audi erinnert beim Rennen in Miami eher an die Silberfackeln von 2004
Mattia Binottos Autos haben weniger Zielankünfte als Aston Martin
Foto: LAT Images
Liebe Leser,
das erste Wochenende in der Formel 1 lief für Audi fast wie gemalt. Gabriel Bortoleto konnte im Qualifying auf Anhieb in Q3 fahren und im Rennen mit Platz neun auch sofort die ersten Punkte holen - und das alles vor den Augen von Konzernchef Gernot Döllner.
Dieser war extra nach Melbourne gereist (übrigens per Linienflug), obwohl er am Freitag noch an der Aufsichtsratssitzung des Volkswagen-Konzerns teilnehmen musste und somit mehr Zeit in der Luft verbrachte als vor Ort bei seinem neuen Premiumprodukt.
Doch es lohnte sich: Audi feierte die ersten Punkte und Döllner ließ es sich bei der Rückankunft in Ingolstadt nicht nehmen, vor den Mitarbeitern im Audi-Werk über die Bedeutung des Formel-1-Programms für die Marke zu sprechen.
Audi schien angekommen.
Zwei Monate später muss man aber festhalten: Die zwei Punkte aus Melbourne sollten der einzige Höhepunkt des Herstellers in der bisherigen Formel-1-Saison bleiben.
Positive Schlagzeilen, die der Konzern verkaufen kann? Fehlanzeige.
Dreimal nur ein Audi am Start
Stattdessen verlor man kurzerhand seinen Teamchef Jonathan Wheatley, mit dem man eigentlich die neue Ära einleiten wollte. Hinzu kommen zahlreiche technische Probleme, die eher an die spöttisch betitelten "Silberfackeln" von McLaren aus der Saison 2004 erinnern.
Silber sind die Autos von Audi zumindest auch. Und wie man in den USA ordentlich Barbecue macht, konnte man an den R26 von Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto in Miami auch ausreichend bestaunen.
Sind wir mal ehrlich: Dass bei der Hälfte der bisherigen (Sprint-)Rennen in dieser Saison überhaupt nur ein Audi an den Start gehen konnte, passt überhaupt nicht zum Selbstverständnis eines großen Herstellers.
Nico Hülkenberg verpasste den Saisonauftakt in Australien, Gabriel Bortoleto das nächste Rennen in China, und jetzt war es Nico Hülkenberg, der in Miami den Sprint nicht mitfahren konnte, weil sein Auto schon auf dem Weg in die Startaufstellung bockte und in Rauch aufging.
Im Übrigen spricht Audi bei so etwas gerne von einem "technischen Problem", ohne wirklich um Aufklärung bemüht zu sein - das ist zumindest mein Eindruck. Während andere Teams in der Regel über X oder WhatsApp-Verteiler Auskunft darüber geben, was bei ihnen los war, herrscht bei Audi meist Schweigen im Walde.
Natürlich darf man dem Team gestatten, erst einmal die Ursache herauszufinden, bevor man Informationen herausgibt, aber auch zwei Wochen nach seinem Nicht-Start in Australien hörte man von Hülkenberg nur: "Nein, dazu kann ich nichts weiter sagen. Keine Details, sorry."
Audi hat die Bingokarte voll
Doch zurück zu Miami, denn wir sind noch nicht am Tiefpunkt: Neben Hülkenberg, der am Sprint nicht teilnehmen konnte, gab es ja auch noch Bortoleto, der seinen R26 ins Ziel bringen konnte - um nach der Sessions disqualifiziert zu werden.
Der Grund: Der Ansaugdruck im Motor überschritt die vorgeschriebene Grenze von 4,8 barA. Zugegeben, das ist kreativ, das ist neu. "Den Fehler habe ich selten gehört", staunte auch Sky-Experte Timo Glock nicht schlecht.
Dabei hat Audi mit Mattia Binotto doch einen erfahrenen Motoreningenieur als Projektleiter, der angesichts der häufigen Defekte und der zwischenzeitlichen Unruhe an der Teamspitze sicherlich derzeit alles andere als gut schläft.
Die Bingokarte an Ereignissen hat Audi im Sprint damit auf jeden Fall voll. In den vier bisherigen Ergebnissen steht: 1x DNS, 1x DNF, 1x DSQ - schöner bekam es nur Hans Heyer hin, der dafür nur ein Rennen brauchte. Das einzige zählbare Resultat war Platz 13 von Bortoleto in China.
Doch wer meint, dass ein DNS und ein DSQ für einen Tag reichen: Weit gefehlt!
Zwei Barbecues für Miami
Lange Zeit stand nicht fest, ob Bortoleto anschließend am Qualifying würde teilnehmen können: Der Brasilianer hatte ein Getriebeproblem und die Männer und Frauen in der Garage eine Menge Arbeit.
Doppeltes Lob: Audi teilte mit, was das Problem war, und bekam das Auto noch rechtzeitig auf die Strecke. Allerdings reichte es für Bortoleto nicht für eine konkurrenzfähige Zeit - und auf der Auslaufrunde blieb sein Auto wieder stehen und fing Feuer. Das zweite Barbecue an diesem Tag. Da soll noch einmal einer sagen, man würde den Amerikanern nichts bieten!
Zumindest hatte Hülkenberg für den Sonntag eine gute Ausgangslage: Dank der Disqualifikation von Isack Hadjar durfte der Deutsche aus den Top 10 starten, doch schon in der ersten Runde erlitt er einen Schaden am Frontflügel und musste diesen tauschen. Wenige Runden später stellte er das Auto in der Garage ab (Grund: "technical issue").
Aston Martin mit mehr Ergebnissen als Audi!
Mattia Binotto hat bei Audi noch einiges an Arbeit vor sich. Sechs Ausfälle, Nicht-Teilnahmen oder Disqualifikationen in ebenso vielen Rennen sind kein Ruhmesblatt.
Natürlich muss sich Audi erst einmal in der Formel 1 einfinden, aber selbst Komplett-Neuling Cadillac hat nur zwei Ausfälle hinnehmen müssen.
Und, Achtung, jetzt wird es ganz bitter: Aston Martin hat mehr Platzierungen in dieser Saison geschafft als Audi. Das lasse ich mal so stehen (mit Stehenlassen kennt Audi sich ja aus).
Natürlich ist es Audi deutlich lieber, dass zumindest die Pace stimmt. Und gegen die kann man nichts sagen. Im Gegensatz zu Cadillac und Aston Martin hat man so zumindest die Chance auf Punkte. An der Zuverlässigkeit lässt sich arbeiten, damit man irgendwann auch mal die Früchte erntet, anstatt den Korb schon im Vorhinein stehen zu lassen.
Vielleicht sollte man Gernot Döllner schon einmal ein Flugticket nach Montreal kaufen. Dann klappt's auch wieder.
Euer
Norman Fischer
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