Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Toto Wolff
Zurück in die Zukunft: Toto Wolff wollte so eine Konstellation nie wieder erleben, doch genau das passiert jetzt erneut bei Mercedes ...
Zurück in die Zukunft: George Russell und Kimi Antonelli
Foto: KI-generiert KI-generiert
Liebe Leserinnen und Leser,
ist ein Weilchen her, dass ich meine bislang letzte Kolumne geschrieben habe. Im September 2025 kam Oscar Piastri unter die Räder, ehe meine Wirbelsäule anfing, mir das Sitzen im Büro zur Hölle zu machen. Jetzt bin ich also wieder da - und habe ein wenig das Gefühl, als sei ich in einer Zeitmaschine aufgewacht.
Man könnte meinen, es sei wieder 2014/15/16. Die "neue Formel 1" ist eine mit mehr Elektro, über die gerade Puristen wie ich am lautesten jammern. Mercedes hat das neue Reglement am besten gemeistert und die stärkste Powerunit gebaut. Honda hat mächtig ins Klo gegriffen. Und die härtesten Duelle liefern sich die beiden Mercedes-Fahrer untereinander. Nur dass die eben nicht mehr Hamilton und Rosberg heißen, sondern Russell und Antonelli.
Toto Wolff muss sich ein bisschen vorkommen wie im zweiten Teil von "Zurück in die Zukunft". Lewis Hamilton und Nico Rosberg gingen als beste Freunde in die Saison 2014. Und kamen als erbitterte Rivalen aus der Saison 2015 raus. Läuft jetzt wieder der gleiche Film bei Mercedes, nur mit verändertem Cast in den Rollen von Marty und Biff? Vieles deutet nach Kanada jedenfalls darauf hin, dass George Russell und Kimi Antonelli ihrem Teamchef nur die erste von vielen schlaflosen Nächten bereitet haben.
Wie lässt Wolff das Duell jetzt laufen?
Am Sonntagabend in Montreal, kurz bevor er mit Russell in einen Privatjet stieg, murmelte Wolff etwas davon, dass er ein Problem damit habe, wenn seine Fahrer am Boxenfunk ausflippen und so die Aufmerksamkeit der Rennkommissare auf sich ziehen. "Abgesehen davon haben sie sich wie Rennfahrer verhalten, die um eine WM kämpfen. Daran kann ich nichts Falsches erkennen."
Knapp 30 Runden lang hat Kanada 2026 verblüffend an Hamiltons und Rosbergs episches Duell in Bahrain 2014 erinnert, in dem es auch mehrmals knapp wurde, am Ende aber nie gekracht hat. Wolff ließ das Duell laufen, und das tat er auch diesmal. Auch wenn er im Interview mit ServusTV grinste: "Ich weiß nicht ... Wenn ich mir mehr Rennen so anschauen muss, ob ich dann nicht doch lieber einen Gang runterschalten würde."
Zu sehr präsent sind sie wohl noch, die Erinnerungen an 2014/15/16. Auch damals fing alles mit harten Duellen an, die sportlich fair abliefen und Millionen von Fans begeisterten. Am Ende allerdings hatte sich die Mercedes-Führung strenge Richtlinien zum teaminternen Umgang im Zweikampf ausgedacht und die Regel eingeführt, dass die Fahrer selbst für Blechschäden bezahlen müssen, die sie verursachen.
Bahrain 2014: Der Anfang im Stallkrieg
Was in Bahrain 2014 harmlos begann, mündete in mehreren Mini-Katastrophen. In Belgien 2014 schlitzte Rosberg Hamilton mit dem Frontflügel einen Reifen auf. In Spanien 2016 kugelten sich die beiden gegenseitig raus (und ein gewisser Max Verstappen nutzte die Gunst der Stunde und gewann seinen ersten Grand Prix). Ein paar Wochen später, in Kanada, fiel Rosberg wegen einer Berührung am Start zurück. Und in Österreich fuhren sie sich schon wieder gegenseitig in die Karre.
Toto Wolff hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er so eine explosive Situation im eigenen Team am liebsten nicht noch einmal erleben möchte. Als es Ende 2016 darum ging, einen Nachfolger für Rosberg zu finden, holte er sich lieber den braven Bottas als den aufmüpfigen Wehrlein, mit dem die ganze Leier womöglich von vorn begonnen hätte.
Aber jetzt ist er wieder mittendrin im gleichen Film wie damals, mit zwei Fahrern, die nach außen auf Kumpels machen, zwischen denen aber früher oder später fast sicher die Fetzen fliegen werden. Aus einem ganz einfachen Grund: weil beide außergewöhnlich gut sind.
Was jetzt anders ist als vor zehn Jahren
Es gibt auch Unterschiede zu vor zehn Jahren. Erstens: Mercedes hat nicht den Luxus, die Powerunit fast nach Belieben auf- und zuzudrehen und so den Vorsprung auf den Rest der Welt zu managen. Wenn Russell und Antonelli miteinander fighten und dabei mehr an sich selbst denken als an die Interessen des Teams, wie etwa im F1-Sprint am Samstag, dann sind die ersten Verfolger nicht weit weg und liegen auf der Lauer, um auf Abstauber zu hoffen.
Zweitens: Diesmal ist nicht der Etabliertere derjenige der beiden Fahrer, der letzten Endes um ein Quäntchen schneller Autofahren kann, sondern der Newcomer. Wann immer Antonelli in Montreal hinter Russell lag, musste dieser mächtig schwitzen. Wann immer Antonelli mal vorbei war, schien die Luft aus dem Duell draußen zu sein.
Es ist womöglich wie damals, mit Russell in der Rosberg- und Antonelli in der Hamilton-Rolle: zwei herausragende Rennfahrer, von denen einer mit marginal noch mehr schierem Naturtalent ausgestattet ist. Was nicht heißen soll, dass Russell jetzt nicht mehr Weltmeister werden kann. Rosberg hat's damals schließlich auch geschafft, unter enormem Krafteinsatz zumindest einen von drei möglichen Titeln zu gewinnen.
In welcher Schublade liegt eigentlich der "Racing Intent"?
Toto Wolff muss sich jetzt überlegen, ob es Lektionen von vor zehn Jahren gibt, die Mercedes ein ähnliches Fiasko wie damals am Start in Barcelona ersparen könnten. Er sollte vielleicht das alte Richtlinien-Dokument wieder hervorkrempeln, das über die Jahre etwas angestaubt ist. Und er wird letztendlich sicher möglichst viel laufen lassen. Weil er smart genug ist zu verstehen, dass so ein episches Duell Mann gegen Mann viel eher der Stoff von Legenden ist als ein WM-Kampf, der vom Kommandostand manipuliert wird. Das kann in einer Formel 1, die bei alteingesessenen Puristen wie mir ohnehin unter strenger Beobachtung steht, gerade keiner gebrauchen.
Wie das Ganze enden wird? Ich weiß es auch nicht. Aber sagen wir mal so: Jetzt dagegen zu wetten, dass es zwischen Russell und Antonelli früher oder später mal krachen wird, erscheint mir eine kühne Angelegenheit zu sein.
Nur: Auch wenn es jetzt 43 Punkte Abstand sind zwischen Antonelli und Russell, und auch wenn Antonelli unterm Strich vielleicht der etwas schnellere Mercedes-Fahrer ist - wer die WM jetzt schon für beendet erklärt, der hat die Dynamik der Formel 1 nach all den Jahren immer noch nicht verstanden. Als ich 2025 meiner Wirbelsäule klein beigeben musste, hatte Oscar Piastri vermeintlich eine Hand am WM-Pokal. Am Ende war Lando Norris Weltmeister.
Das war im September. Jetzt haben wir erst Mai. Noch viel Zeit also für irre Wendungen in der Formel 1 2026. Und für ein paar mehr schlaflose Nächte für Toto Wolff.
Euer
Christian Nimmervoll
Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen der Formel 1.
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