Wie Jim Clark: Das steckte hinter Antonellis besonderer Geste in China
Mercedes-Youngster Andrea Kimi Antonelli schrieb Geschichte - Trotz Nervenkrieg in der Schlussphase erfüllte eine alte Abmachung
Andrea Kimi Antonelli streckt den Daumen nach oben
Foto: LAT Images
Als er in Shanghai die Ziellinie überquerte und seinen ersten Sieg in der Formel 1 unter Dach und Fach brachte, löste Andrea Kimi Antonelli ein Versprechen ein, das er Roberto Chinchero von der italienischen Ausgabe von Motorsport.com gegeben hatte: Er stellte den legendären "Daumen-hoch"-Jubel von Jim Clark nach.
Rückblick: Melbourne, Australien. Antonelli ist mit uns in einem italienischen Restaurant verabredet, das sich zu einem echten Hotspot für die große italienischsprachige Community im Fahrerlager entwickelt hat. Am Nebentisch sitzt Franco Colapinto mit argentinischen Freunden. Man plaudert über den Motorsport und die Erwartungen an eine Weltmeisterschaft, die gerade erst in den Startlöchern steht.
Antonelli wirkt in mehrfacher Hinsicht hungrig. Er freut sich sichtlich auf die köstliche emilianische Küche, die in Melbourne Maßstäbe setzt, ist aber ebenso gierig darauf, das Potenzial des glänzenden neuen Mercedes W17 auszuschöpfen - ein Auto, das in der Lage scheint, seine kühnsten Träume wahr werden zu lassen.
So feierte Jim Clark
Er mag erst 19 Jahre alt sein, aber man täusche sich nicht: Hier sitzt ein Junge, der den Rennsport von Kindesbeinen an geatmet hat. Es ist schwer, ihn auf dem falschen Fuß zu erwischen, wenn man über die ganz Großen des Sports spricht - völlig ungeachtet der Kategorie.

Jim Clark mit seiner Formel-1-Geste
Foto: Autocar / LAT Images via Getty Images
Angesichts der Favoritenrolle von Mercedes dreht sich unser Gespräch schnell um den Erfolg. Podestplätze, Trophäen, Jubelszenen. "Wenn du eines der ersten beiden Rennen gewinnst, musst du feiern wie Jim Clark", schlagen wir vor.
"Worum geht's da genau?" Wir haben seine Neugier geweckt. Dies ist ein Stück Formel-1-Folklore, das er noch nicht kannte. Wir zeigen ihm das ikonische Foto von Jim Clark beim Überqueren der Ziellinie beim Grand Prix der USA 1967. Als er das Rennen in Watkins Glen gewann, zeigte Clark dem Flaggen-Marschall den Daumen nach oben.
Antonelli geht Deal ein
Dabei hing das rechte Hinterrad des Schotten fast nur noch am seidenen Faden, nachdem zwei Runden vor Schluss der obere Lenker der Aufhängung an seinem Lotus 49 gebrochen war. Es grenzte an ein Wunder, dass Clark es überhaupt noch ins Ziel rollte. Dieser eiskalte Jubel mit dem Daumen ist ein Bild, das in die Geschichte einging.
"Okay", grinst Antonelli. "Die Idee gefällt mir. Wenn ich eines der ersten beiden Rennen gewinne, mache ich es."
In Australien begnügt sich Antonelli noch mit dem zweiten Platz hinter Teamkollege George Russell; dann geht es weiter nach China. Am Sonntag war dieses Versprechen beim Italiener fast schon in Vergessenheit geraten. Zumindest bei uns. Aber nicht bei Antonelli.
Versprechen nicht vergessen
Er führt das Rennen von der Poleposition aus an, und Italien zählt nervös die Runden herunter, um seinen neuesten Grand-Prix-Sieger zu begrüßen. Ein haarsträubender Verbremser in der Haarnadelkurve in den Schlussrunden jagte dem Mercedes-Kommandostand einen Adrenalinschub ein - vielleicht ähnlich dem, was der große Colin Chapman gefühlt haben muss, als er Clark mit drei funktionstüchtigen Rädern vorbeihumpeln sah. Aber Antonelli brachte den Wagen ins Ziel und kam aus der letzten Kurve von Shanghai als zweitjüngster Grand-Prix-Sieger der Geschichte heraus.
Kimi überquerte den Zielstrich und hob pflichtbewusst den Daumen. "Haben Sie das gesehen? Sie dachten wohl, ich hätte es vergessen, oder?" lachte er, als wir ihn nach dem Rennen trafen.
Das hatten wir in der Tat. Trotz all der Aufregung und der Emotionen, die Antonelli beim Erreichen seines ersten Sieges durch die Adern schossen, war er der einzige, der sich an das vor über einer Woche gegebene Versprechen erinnerte. "Ich habe Wort gehalten, und jetzt können wir sagen... es war ein gutes Omen."
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