Wie Kämpferherz Alonso den Grand Prix von Ungarn entschieden hat

Fernando Alonso war der Fahrer des Tages beim Grand Prix von Ungarn, obwohl als Vierter nicht auf dem Podium - Sieg schien zwischendurch in Reichweite

Wie Kämpferherz Alonso den Grand Prix von Ungarn entschieden hat

Fernando Alonso wurde beim Grand Prix von Ungarn von der Formel 1 zum offiziellen Fahrer des Tages gewählt. Hauptausschlaggebend dafür war wohl seine Galavorstellung zwischen der 54. und 65. Runde, als er Lewis Hamilton mit einer beherzt geführten Defensivschlacht hinter sich halten konnte, obwohl der die weicheren und um acht Runden frischeren Reifen hatte.

Hamilton fehlten am Ende nur 2,7 Sekunden auf Sieger Esteban Ocon, obwohl er seine Aufholjagd nach dem letzten Boxenstopp, in der 47. Runde, mit 25,6 Sekunden Rückstand begonnen hatte. Hamilton fräste in den ersten paar Runden auf frischen Pneus 3,3, 3,7, 2,8, nochmal 2,8 und 2,1 Sekunden von seinem Rückstand weg. Bis er auf Alonso auflief.

Als der Mercedes-Fahrer ins DRS-Fenster des Alpine-Routiniers einfuhr, betrug sein Rückstand auf Ocon nur noch 9,2 Sekunden. Aber dann "sah es so aus, als sei Alonso auch ein bisschen für Red Bull gefahren", grinst Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Und Mercedes-Boss Toto Wolff muss anerkennen: "Alonso hat Esteban heute das Rennen gewonnen."

Dabei war es nicht so, dass Hamilton nicht alles versucht hätte, schneller an Alonso vorbeizukommen. Alonso sei "einer der härtesten Fahrer", meint Hamilton - und ergänzt: "Heute war er finde ich manchmal ein bisschen über dem Limit." Wolff nickt zustimmend: "Das Wheelbanging war wahrscheinlich zu hart. Aber das ist Fernando. Deswegen ist er einer der Großen."

Vor allem musste der Alpine-Kommandostand dem 40-Jährigen nicht erst erklären, dass es nicht nur um sein eigenes, sondern auch um Ocons Rennen ging, als Hamilton formatfüllend in seinem Rückspiegel auftauchte. "Fernando", sagt Alpines Exekutivdirektor Marcin Budkowski, "ist unheimlich gut darin, die Rennen selbst zu lesen."

Permane weiß: Alonso muss man das nicht erklären

"Ich habe am Kommandostand zu Alan Permane gesagt: 'Warum sagen wir Fernando nicht, dass es nicht nur um ihn geht, sondern dass es auch superwichtig fürs Team ist, diesen vierten Platz zu verteidigen, um das Rennen zu gewinnen?' Alan schaute mich nur an und sagte: 'Ich glaube, das weiß er.' Da hatte er recht. Fernando ist ein Racer. Er wusste es ganz genau."

Alonso bestätigt: "Das Team hat mir nichts gesagt. Aber ich wusste ungefähr, was los war. Ich sah auf den Videowalls, dass Esteban und Vettel kämpften. Und wenn Lewis 20 Runden vor Schluss drei Sekunden pro Runde aufholt, war mir klar, dass das für ihn reichen kann, um noch zu gewinnen. Daher wusste ich, dass jede Runde, die ich Lewis hinter mir halte, für Esteban die Chancen erhöht."

Marcin Budkowski geht im neuen Videoformat 'This Week with Will Buxton' von Motorsport Network noch mehr ins Detail: "Ohne den leichten Verbremser in der ersten Kurve hätte er Lewis womöglich sogar bis zum Schluss hinter sich gehalten. Er hat alle Tricks ausgepackt, das Auto richtig positioniert, hat genau richtig gebremst, beschleunigt, die richtigen Winkel gewählt."

"Das war einfach fantastisch anzuschauen. Da hat man 20 Jahre Motorsporterfahrung live in Aktion beobachten können. Fernando wusste ganz genau, was er zu tun hat. Und das, obwohl Lewis so viel schneller war als er. Carlos Sainz hat Lewis danach innerhalb von ein, zwei Runden überholt", lobt Budkowski.

Alonso sei "unglaublich, absolut unglaublich" gewesen, schwärmt Sportdirektor Alan Permane. Permane kennt den Spanier schon aus seinen ersten beiden Abschnitten beim Team aus Enstone - und weiß daher genau: "Er freut sich für das Team, er freut sich für Esteban. Aber ich weiß, dass er auch zutiefst frustriert ist, weil er am liebsten selbst gewonnen hätte."

Alonso: Seit Toyota nicht mehr in so einer Situation

Doch die Enttäuschung, nicht selbst den ersten Sieg für Alpine in der Formel 1 erobert zu haben, konnte Alonso gut verbergen. Nach dem Rennen gab er ganz den Teamplayer: "Das letzte Mal, das ich in so einer Situation war, war bei Toyota auf der Langstrecke. Da hat auch immer entweder das eine oder das andere Auto von uns gewonnen", erinnert er sich.

"Diesmal ist es aber was anderes, weil wir eigentlich nicht das Auto hatten, um zu gewinnen", sagt Alonso. "Da braucht's dann besondere Umstände. Aber die hatten wir heute, und wir haben das Beste draus gemacht. Ich freue mich für Esteban. Wenn du so jung bist und deinen ersten Grand Prix gewinnst, das ist eine Erinnerung, die bleibt dir ewig."

"Ich freue mich fürs Team. Die ganzen Mechaniker, Ingenieure, die Leute in der Fabrik, die haben so hart für dieses Auto und für 2022 gearbeitet. Mit den ganzen COVID- und Reisebeschränkungen ist es eine sehr anstrengende Saison, und die zweite Saisonhälfte wird auch anstrengend. Jetzt so ein Ergebnis zu holen, ist ein tolles Gefühl. Ich habe viele lächelnde Gesichter gesehen."

Ungarn, könnte man meinen, ist so etwas wie ein Schicksalsrennen für Alonso. 2003, als damals jüngster Formel-1-Sieger der Geschichte, hat er dort seinen ersten Grand Prix gewonnen. Und 2007, im denkwürdigen ersten McLaren-Jahr ("Krieg der Sterne"), geriet er dort ausgerechnet mit Hamilton aneinander. Die Boxengassen-Blockade von damals ist ein Stück Formel-1-Geschichte.

"Lewis", erklärt Budkowski, "hatte das eindeutig beste Auto. All unsere Strategiesimulationen besagten, dass er an Esteban nur so vorbeifliegen würde. Aber wir wussten auch, dass er dafür ein paar Autos überholen muss, und dass das auf dieser Strecke nicht so einfach ist. Die Statistik weiß eben nicht alles. Fernandos Gegenwehr hat enorm geholfen."

Alonso selbst sagt: "Ich dachte ehrlich, dass ich ihn eine oder zwei Runden halten kann, länger nicht. Aber in den letzten drei Kurven tat er sich schwer, an mir dranzubleiben. So hatte ich für die DRS-Gerade immer einen kleinen Vorsprung. Nach den zehn Runden hinter mir hatte er sich für die letzten Kurven neue Linien überlegt. Das hat er dann bei Carlos gleich angewendet."

Alonso: Glaube an den Sieg wurde immer kleiner

"Ich war so überzeugt, dass ich aufs Podium fahren kann", ärgert sich Alonso. Denn zur Geschichte von Ungarn 2021 gehört auch, dass nicht nur er von Hamilton eingeholt wurde, als er an vierter Stelle lag, sondern er selbst auch schneller war als Sainz vor ihm. "Ich fuhr eine Zeit lang die schnellsten Runden des Rennens. Da dachte ich, ich will gewinnen!"

 

"Dann wurde mir irgendwann klar, dass Gewinnen nicht möglich ist. Bevor Hamilton an der Box war, habe ich auf ihn und Carlos aufgeholt. Als Hamilton dann an der Box war, hatte ich Carlos vor mir. Da dachte ich mir: 'Okay, gewinnen kannst du nicht mehr, aber das Podium ist möglich.' Aber aus der letzten Kurve heraus hat mir der Speed gefehlt, um Carlos zu überholen."

"Dann kam mir der Gedanke, dass es mir gegen Hamilton hilft, wenn ich an Carlos dranbleibe und das DRS nutzen kann. Aber durch den Zweikampf mit Lewis fiel ich aus dem DRS raus. Von da an war es nur noch ein Kampf darum, den vierten Platz zu halten. Hat leider nicht gereicht. Aber für einen Moment lang dachte ich an den Sieg. Ich war sehr optimistisch", sagt der zweimalige Weltmeister.

Im Nachhinein ist er "irgendwie unglücklich" über das verpasste Podium, "weil ich die Pace hatte, das Rennen zu gewinnen. Zumindest phasenweise. Andererseits muss ich auch sagen: Ich hatte Glück, dass das Rennen nicht in der ersten Kurve vorbei war, wie bei einigen anderen. So gesehen nehmen wir die Top 5. Es ist mein bestes Ergebnis der Saison."

"Es war ja kein Geschenk, sondern ich musste jede Runde drum kämpfen. Ich bin stolz drauf, und auch auf den Fahrer des Tages. Hoffentlich habe ich irgendwann mehr Glück und lande auf dem Podium. Aus eigener Kraft ist das momentan noch nicht drin. Aber vielleicht kommen ja noch mehr solche Rennen, und dann bin vielleicht ich dran", macht er sich Mut.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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