Wie Pirelli die neuen Formel-1-Reifen für 2022 entwickelt hat

Alles neu für 2022: Pirelli-Sportchef Mario Isola erklärt, weshalb der Reifenlieferant für die neue Ära der Formel 1 auf eine komplette Neuentwicklung setzt

Wie Pirelli die neuen Formel-1-Reifen für 2022 entwickelt hat

Pirelli wähnt sich bereit für die neue Ära der Formel 1 ab 2022. Dann greifen umfangreiche Regeländerungen, die das Aussehen der Fahrzeuge und deren Fahrverhalten deutlich verändern werden. Und Pirelli als Reifenlieferant ist dann mittendrin. Denn der italienische Hersteller stellt auch in Zukunft die Einheitspneus bereit - und hat für 2022 alles komplett neu entwickelt. Und diese Entwicklung ist abgeschlossen.

"Wir wissen, welche Mischungen wir nominieren wollen", sagt Pirelli-Sportchef Mario Isola. Die entsprechenden Angaben seien nun beim Automobil-Weltverband (FIA) und dem Formel-1-Management (FOM) hinterlegt. Deren Zustimmung ist erforderlich, dann kann Pirelli mit der Produktion beginnen. "Schon in ein paar Wochen" könnten die Fabriken die neuen 2022er-Reifen herstellen.

Damit ist Pirelli dem eigentlichen Zeitplan sogar voraus. Bis zum 1. September 2021 muss klar sein, welche Konstruktion der Reifenhersteller im kommenden Jahr verwenden will. Sogar erst bis zum 1. Dezember 2021 müsste feststehen, welche konkreten Mischungen es sein sollen. Doch bis dahin können praktisch weder Pirelli noch die Teams warten, denn Mitte Dezember sind bereits Reifentests in Abu Dhabi angesetzt.

Pirelli: Lieber etwas eher schon fertig sein ...

Auch deshalb hat Pirelli bei der Entwicklung Vollgas gegeben. "Wir müssen die Reifen ja auch noch nach Abu Dhabi schicken, und die Logistik war auch schon mal einfacher", meint Isola mit Blick auf die anhaltende Coronavirus-Pandemie.

Prinzipiell sei man bereits vor dem jüngsten Reifentest in Ungarn im Anschluss an den Grand Prix an gleicher Stelle so weit gewesen. Die Probefahrten mit Ferrari, McLaren und Mercedes aber hätten noch einmal wichtige Erkenntnisse geliefert, dass Pirelli für 2022 auf dem richtigen Weg sei, sagt Isola.

"Eigentlich waren wir schon vor dem Ungarn-Test zufrieden. Dort haben wir noch mal eine Bestätigung erhalten", erklärt er. Deshalb sieht er der Prüfung durch FIA und FOM gelassen entgegen. Entscheidend sei vor allem, wie gut sich die Pirelli-Daten mit den Vorgaben der Formel-1-Verantwortlichen decken würden. "Die ersten Zahlen", sagt Isola, "sehen aber ziemlich gut aus. Und auch die Rückmeldungen der Fahrer waren bisher recht gut."

Wie Pirelli den unterschiedlichen Anforderungen gerecht wurde

Weil unterschiedliche Testträger eingesetzt worden seien, habe man ein gutes Bild der neuen Pirelli-Produkte bekommen. "Auch wenn die verwendeten Autos natürlich unterschiedlich waren, wir haben trotzdem erkannt, dass eine gewisse Konstruktion die richtige Richtung sein würde", meint Isola.

Und diese Konstruktion muss neuen Anforderungen gerecht werden: Einerseits erfolgt zur Saison 2022 der Umstieg von 13- auf 18-Zoll-Räder. Andererseits greift ein verändertes Aerodynamik-Reglement, das auch Folgen für die Reifenbelastung hat. Und Drittens hatten FIA und FOM die Vorgabe gemacht, die neuen Formel-1-Reifen müssen mehr Racing am Limit zulassen.

Damit stand Pirelli vor der schwierigen Aufgabe, all diese Faktoren in einem neuen Produkt zu vereinen. "Im Prinzip hatten wir zwei Möglichkeiten: Wir hätten erstens die aktuellen Mischungen nehmen und diese so weiterentwickeln können, dass sie der Zielvorgabe entsprechen", sagt Isola.

"Oder: Man geht einen ganz neuen Weg, mit neuen Materialien und einer anderen Produktionsweise, um ein breiteres Einsatzfenster und weniger Überhitzen hinzukriegen."

Warum die aktuellen Reifen nicht als Basis dienten

Den Pirelli-Ingenieuren sei aber rasch klargeworden, dass die aktuellen 2021er-Reifen keine gute Ausgangslage für die künftigen Formel-1-Reifen gewesen wären. Mit nur modifizierten Pneus hätten wir "keinen so großen Fortschritt" machen können, meint Isola. "Deshalb haben wir uns für den Sprung ins kalte Wasser entschieden. Wir wollten etwas Neues ausprobieren, eine ganz neue Mischungsfamilie gründen."

Pirelli-Sportchef Mario Isola

Pirelli-Sportchef Mario Isola erklärt, wie seine Ingenieure die neuen Formel-1-Reifen entwickelt haben

Foto: Motorsport Images

Den Anfang machte dabei der C3-Reifen, die mittlere Mischung im Portfolio von Pirelli, das aktuell wie künftig fünf Reifenmischungen von Hard über Medium bis Soft umfasst.

Aber warum hat man sich bei der Entwicklung ausgerechnet auf den C3-Reifen gestützt? Isola erklärt: "Das war der erste finale Reifen, den wir praktisch bei allen Rennen dabeihaben. Dieser Reifen wird am meisten benutzt. Ausgehend davon sind wir in die härtere Richtung gegangen, dann in die weichere. Und ich glaube, diese Herangehensweise war gut und erfolgreich."

Die Vorgabe an die Fahrer beim Reifentesten

Mit dieser Basis sei Pirelli in die ersten Reifentests für 2022 gegangen. Die entsprechenden Probefahrten fanden bereits 2019 statt, als man noch von einer Einführung des neuen Reglements zur Saison 2021 ausging. Tatsächlich fanden schließlich 2021 die finalen 22 Testtage mit den Entwicklungsreifen statt. Dazu kamen noch einmal vier Testtage im Nassen, zwei zusätzliche mit Alpine in Magny-Cours stehen noch aus.

Über das Programm bei den Probefahrten verrät Isola nicht viel, sagt aber: Man habe den Fahrern klare Vorgaben gemacht. "Wir baten sie darum, bei kurzen und bei langen Stints in jeder Runde zu pushen. Wir wollten eine Situation simulieren, bei der eben nicht die Reifen geschont wurden. So wollten wir den wahren Verschleiß unter diesen Bedingungen feststellen und sicherstellen, dass die Reifen auf der Oberfläche nicht überhitzen."

Eine finale Antwort hat Pirelli aber nicht erhalten. Bei nur einem oder zwei fahrenden Autos hielten sich die Erkenntnisse in Grenzen, erklärt Isola. Es komme schließlich auch auf das Zweikampf-Verhalten der Fahrzeuge an. "Dazu brauchen wir Daten aus dem Verkehr auf der Rennstrecke. Und dafür brauchen wir die finale Version der Autos mit dem modifizierten Aero-Paket."

Finale Erkenntnisse gibt es erst 2022

Letzteres gibt es jedoch erst im Frühjahr 2022 bei den offiziellen Wintertests der Formel 1. "Bis dahin müssen wir warten", sagt Isola. "Sonst ist es nicht möglich, diese Erkenntnisse einzuholen."

Das bedeutet auch: Erst im Frühjahr 2022, wenige Wochen vor Saisonbeginn, steht fest, ob Pirelli die Zielvorgaben von FIA und FOM wirklich zufriedenstellend erfüllt hat. Isola selbst gibt sich zuversichtlich: "Ich muss sagen, unsere [neue] Konstruktion war von Anfang an schon ziemlich gut." Er gehe davon aus, dass auch das fertige Produkt überzeugen werde.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

geteilte inhalte
kommentare
Red Bull: Suchen nach Formel-1-Optionen für Alexander Albon

Vorheriger Artikel

Red Bull: Suchen nach Formel-1-Optionen für Alexander Albon

Nächster Artikel

Nächster Unfall in Eau Rouge: Warum die Sicherheit angepasst werden muss

Nächster Unfall in Eau Rouge: Warum die Sicherheit angepasst werden muss
Kommentare laden