Wieso Max Verstappen mit kaputtem Frontflügel so schnell war

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Wieso Max Verstappen mit kaputtem Frontflügel so schnell war
Autor: Sven Haidinger
13.05.2018, 17:13

Trotz kaputtem Frontflügel hielt Max Verstappen Sebastian Vettel souverän hinter sich: Wie Red Bull das Kunststück gelang und wodurch es zum Crash mit Stroll kam

Gerade ist in der Red-Bull-Box durch Sebastian Vettels verpatzen Boxenstopp beim Grand Prix in Barcelona Jubel ausgebrochen, doch dann rutscht den Mechanikern das Herz in die Hose: Der eben auf Rang drei nach vorne gespülte Max Verstappen fährt in der 43. Runde in der Virtual-Safety-Car-Phase dem überrundeten Williams-Piloten Lance Stroll ins Heck und demoliert den Frontflügel seines Red-Bull-Boliden. Die Endplatte hängt zunächst nach unten, fliegt bei Start-Ziel weg und trifft beinahe Verfolger Vettel.

Während viele davon ausgehen, dass der Niederländer wieder Opfer seiner Ungeduld wird und an die Box muss, um seinen Frontflügel zu wechseln, kann er überraschenderweise sein Tempo halten und Vettel locker Paroli bieten: Dem Ferrari-Star gelingt bis zur Zielflagge keine einzige Attacke!

Wie ist das möglich? Mit Hilfe der Red-Bull-Fabrik in Milton Keynes. Das Team schickt sofort Fotos des demolierten Teils nach Großbritannien. "Das wurde dann in der Fabrik analysiert, und es stellte sich als nicht so schlimm heraus", offenbart Teamchef Christian Horner gegenüber 'Sky Sports F1'. "Kurz dachten wir, dass wir die Nase wechseln müssen, aber nach zwei Sektoren wussten wir durch das Auto und die Daten, dass es gut aussieht."

With a little Help from ... Milton Keynes!

Durch die Telemetrie weiß man sofort, inwiefern sich der Abtriebsverlust an der Vorderachse auf das Fahrverhalten auswirkt. "Wir haben gesehen, wie sich die Balance des Autos geändert hat, und wir haben ihn angewiesen, das mit seinen Werkzeugen ein bisschen zu korrigieren", erklärt Horner. "Dann haben wir auch gesehen, dass sein Tempo im Vergleich zum Teamkollegen ziemlich gut ist."

Als Verstappen am Funk nachfragt, ob ein Boxenstopp notwendig sei, gibt sein Renningenieur rasch Entwarnung: "Solange du mit der Balance zufrieden bist, ist alles gut." Am Ende macht man ihm sogar noch Hoffnung, den auf um 15 Runden älteren Medium-Reifen fahrenden Mercedes-Piloten Valtteri Bottas einzuholen, der am Ende 6,280 Sekunden vor dem Red-Bull-Piloten ins Ziel kommt.

Wie Verstappen die Balance korrigierte

Hätte er den Rückstand mit einem gesunden Auto noch aufgeholt? "Nein, ich glaube nicht, dass ich das aufgeholt hätte", gibt Verstappen eine überraschende Antwort. Auch er erkannte nach dem Zwischenfall keine große Verschlechterung: "Ich hatte ein bisschen mehr Untersteuern in den Kurven 3 und 9. Und beim Anbremsen nach den langen Geraden war die Gefahr größer, dass man sich verbremst. Ich habe ein paar Dinge verstellt, und dann hat es gepasst. Ich war ein bisschen langsamer, aber es hat mich nicht sehr beeinflusst."

An welchen Knöpfen Verstappen gedreht hat? "Er hat das Differenzial verstellt", gibt Horner preis. An der Bremsbalance habe er nur "kleine Änderungen gemacht. Die Balance war ja keine Katastrophe, auch wenn sie bei weitem nicht optimal war."

Mysterium Aerodynamik: Manchmal reparieren sich Autos selbst

Dass ein Flügel trotz der enormen Beschädigung beinahe so funktioniert wie in optimalem Zustand, bleibt auch nach dem Rennen ein Mysterium. Aber kein Einzelfall. "Es gibt dieses Phänomen, dass manchmal ein großes Teil wegbricht und es sehr geringe Auswirkungen hat", weiß Ex-Formel-1-Pilot Alex Wurz.

 

Der Österreicher hat sogar nach kuriosere Fälle erlebt, bei denen ein beschädigtes Auto besser lag als davor. "Manchmal hat man bei einem nervösen Auto das Glück, dass etwas mit dem Frontflügel passiert und die Balance danach besser ist", erzählt er gegenüber dem 'ORF'.

Und manchmal seien es absolute Kleinigkeiten, die aber eine unerwartet große Wirkung haben: "Da klebt irgendein kleines Gummiteil von einem Reifen im Flügel oder am Unterboden und man verliert so viel Abtrieb, dass man grausam langsam ist. Das ist verrückt, aber so ist das mit der Aerodynamik eben."

Verstappen vs. Stroll: Wie es zum Auffahrunfall kam

Bleibt die Frage, wie es überhaupt zum Auffahrunfall kommen konnte? War wieder einmal die Ungeduld Verstappens größter Gegner? "Ich wusste, dass es gleich wieder losgeht, aber er hat plötzlich gebremst", schildert der 20-jährige den Zwischenfall. "Ich konnte die Kollision wegen der kalten Reifen nicht mehr verhindern, bin über die Vorderreifen gerutscht."

Während der Red-Bull-Youngster also auf die Reifentemperatur verweist, sieht Wurz auch das Virtual-Safety-Car-Reglement als Ursache. "Das ist ein Problem, denn während das Tempo des Virtual-Safety-Cars in anderen Rennserien konstant ist, gibt es in der Formel 1 diese Sektoren. Da kann man beschleunigen und verzögern, wie man will."

Tatsächlich wird den Piloten auf dem Display am Lenkrad angezeigt, ob sie in den Minisektoren zu schnell sind oder das Tempo passt. Wenn man zu schnell ist, erscheint ein Minus - bleibt man zu lange im Minus, erhält man eine Strafe. "Verstappen wollte ihn sofort überrumpeln, wenn das Grünlicht kommt, aber Stroll hat wohl verzögert, weil das Display anzeigte, dass er zu schnell war", analysiert Williams-Berater Wurz. "Der eine wollte also schnell sein, der andere langsam, weil sie unterschiedliche Werte am Display haben."

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