Wolff und Hamilton uneinig: Kann Mercedes 2022 noch gewinnen?

Toto Wolff glaubt, dass Mercedes beim Formel-1-Rennen in Mexiko gute Chancen auf den ersten Saisonsieg hat, während Lewis Hamilton das etwas pessimistischer sieht

Wolff und Hamilton uneinig: Kann Mercedes 2022 noch gewinnen?
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"So nah und doch so fern", funkte Lewis Hamilton nach dem Rennen in Austin an sein Team. Der Brite war kurz davor den Grand Prix der USA zu gewinnen, wurde jedoch sechs Runden vor Rennende von Red-Bull-Pilot Max Verstappen überholt und musste sich mit Platz zwei zufriedengeben.

Für Mercedes und Lewis Hamilton bleibt es damit vorerst dabei, dass man in dieser Saison noch kein Rennen gewinnen konnte. Für Mercedes wäre es die erste Saison seit 2011 ohne Grand-Prix-Erfolg, wobei Hamilton eine sieglose Saison in der Formel 1 bisher noch nie unterlaufen ist. Es droht erstmals seit 2008 eine Saison ohne deutsche Hymne auf dem Podium, da auch kein deutscher Fahrer in Siegdistanz liegt.

"Die Hymne müssen wir nächstes Jahr wieder öfter hören!", sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff. "Als Mercedes waren wir die letzten zehn Jahre immer da, und haben acht Meisterschaften gewonnen. Jetzt wird's wieder Zeit, Rennen zu gewinnen. Wir haben den anderen ein paar Pokale übrig gelassen. Nächstes Jahr schlagen wir zurück!"

Mexiko die beste Chance für Mercedes?

Drei Möglichkeiten bleiben den Silberpfeilen aber auch in dieser Saison noch, wobei sich keine der restlichen Strecken in Mexiko, Brasilien und Abu Dhabi für einen Sieg aufdrängt, wenn man sich die Charakteristiken der Strecken ansieht.

Am konkurrenzfähigsten war man in der Saison 2022 bisher auf Kursen ohne lange Geraden, wie Budapest, Zandvoort oder Singapur, allerdings beinhalten alle drei verbleibenden Strecken längere Geradeausanteile, womit es schwierig werden könnte.

Die beste Chance könnte sich noch beim kommenden Rennen in Mexiko bieten, da dort aufgrund der Höhenluft die große Mercedes-Schwäche des Luftwiderstandes nicht so stark zum Tragen kommt. In den vergangenen Jahren hatte jedoch meistens Red Bull mit dem Honda-Motor die besten Karten, da der Honda-Turbolader besser zur extremen Höhe in Mexiko passt.

Wolff: Hoffe, wir können Konkurrenz Strich durch Rechnung machen!

"Ich würde hoffen, dass wir vielleicht in Mexiko noch konkurrenzfähiger sind und in Brasilien. Abu Dhabi bin ich mir nicht ganz sicher", vermutet Wolff. "Wir werden uns jetzt einfach strecken. Es geht darum, dass wir schnell sind, auch wenn wir nicht gewinnen können, weil das ist die Basis für nächste Saison."

Genauer auf die Chancen in Mexiko angesprochen, sagt Wolff: "Ich muss mir auf die Zunge beißen, denn in diesem Jahr habe ich manchmal gesagt, dass wir auf einer bestimmten Strecke gut sein sollten, und wir waren es nicht, und dann war es umgekehrt."

"Auf dem Papier sieht Mexiko also gut aus. Unser Auto mit hohem Luftwiderstand sollte in der dünnen Luft effektiv sein, und es ist gut, dass es nächste Woche kommt. Ich hoffe, dass wir ihnen einen Strich durch die Rechnung machen können."

Hamilton: Realistischerweise wird Red Bull alles gewinnen

Hamilton sieht die Angelegenheit für Mercedes jedoch etwas pessimistischer: "Ich denke, wir müssen wirklich realistisch sein. Das Auto von Red Bull war das ganze Jahr über das mit Abstand schnellste Auto. Und es ist immer noch das schnellste Auto."

"Wir waren in Austin in dieser Position wegen der Zuverlässigkeit, wie schon in vielen Rennen in dieser Saison", fügt Hamilton hinzu. "Wären Charles [Leclerc] oder [Sergio] Perez zum Beispiel direkt mit dabei gewesen, wäre das Rennen anders verlaufen, denn dann wären sie vor uns gewesen, und wir hätten in der dritten Reihe gestanden."

"Deshalb denke ich, dass es großartig war, als Dritter zu starten und in der Lage zu sein, zu kämpfen, aber was die wahre Pace angeht, waren sie das ganze Wochenende über vor uns. Das waren sie heute und das werden sie auch in den nächsten drei Rennen sein."

"Wenn also nicht noch mehr von ihnen etwas Drastisches passiert, dann ist es höchst unwahrscheinlich, dass wir die richtige Pace haben, um mit ihnen mithalten zu können. Aber wir werden alles geben, was wir haben."

Wolff enttäuscht über verpasste Chance: Sind hier nicht bei Olympia

Zwar freut sich auch der Mercedes-Teamchef, dass man mit Hamilton in Austin überraschend um den Sieg mitkämpfen konnte, doch im Nachhinein überwiegt dennoch die Enttäuschung, dass es für den ersten Saisonsieg nicht ganz gereicht hat.

"Wir sind noch nicht ganz beim olympischen Gedanken, dass Dabeisein gut genug ist", so Wolff. "Ich glaube, wir haben den Sieg auf der Hand gehabt. [Red Bull] hatte einen verpatzten Boxenstopp und es wäre schon gut gewesen, da mit zu fahren."

"Aber andererseits: Die Dinge kommen, wie sie kommen müssen. Und mit den Ereignissen rund um [Dietrich] Mateschitz dieses Wochenende, ist es vielleicht richtig, dass sie auch hier das Rennen gewonnen haben."

Wolff: Wir sind es Lewis nach 2021 schuldig

Vor dem Hintergrund des umstrittenen Saisonfinales in Abu Dhabi vor einem Jahr wäre es laut dem Mercedes-Teamchef jedoch eine große Genugtuung gewesen, endlich wieder ein Rennen zu gewinnen. Das Rennen in Saudi-Arabien Anfang Dezember 2021 ist bis dato der letzte Grand Prix, den das Team für sich entscheiden konnte.

"Das letzte Jahr ist etwas, das uns für den Rest unseres Lebens belasten wird", sagt er. "Wir reden hier über den Motorsport und nicht über die reale Welt, aber aus sportlicher Sicht wird es uns für immer belasten. Wenn man aber bedenkt, wo wir in die Saison gestartet sind, waren wir meilenweit davon entfernt und hatten große Rückschläge, besonders, wenn ich an Spa denke."

"Daher ist es gut, dass wir langsam aber sicher wieder auf die Beine kommen. Und wir sind es Lewis schuldig, ihm ein Auto zu geben, mit dem er gewinnen und wieder um Meisterschaften kämpfen kann."

Hamilton: "Red Bull auf Geraden 35 km/h schneller"

Hamilton weiß jedoch genau, woran es Mercedes auf dem Circuit of the Americas noch gefehlt hat: Wie so oft in dieser Saison am Topspeed. "[Red Bull] war auf der Geraden so schnell, ich glaube, mit DRS sind sie etwa 35 km/h schneller als wir", so der Brite.

"Wenn wir hinter ihnen sind, sind wir mit DRS auf der Gegengeraden, glaube ich, 22 km/h schneller. Er kam also von weit, weit hinten. Aber auch ohne DRS sind sie, glaube ich, immer noch etwa 8 km/h schneller als wir, also haben wir auf der Geraden viel Zeit verloren, wahrscheinlich mindestens vier Zehntel pro Runde. Wir müssen also einige Verbesserungen für das Auto im nächsten Jahr vornehmen."

Wolff fügt hinzu: "Irgendwann, als sie sechs Sekunden hinter ihm lagen und es sich anfühlte, als könnten sie nicht mehr genug [aus den Reifen] herausholen, habe ich gespürt, [dass wir gewinnen können]."

"Lewis hatte das Reifendefizit auf den harten Reifen, weil er einfach keine Medium-Reifen mehr hatte, und er hatte immer noch die Chance auf den Sieg, das schien zu diesem Zeitpunkt machbar. Aber als Max an Charles vorbei war und er nicht mehr zurückschlagen konnte, denke ich, dass er nur noch darauf gewartet hat, dass es passiert."

Wolff: Mercedes-Update funktioniert

Das Mercedes-Update-Paket scheint dennoch gefruchtet zu haben, denn vor dem Wochenende in Austin hätte man wohl eher nicht damit rechnen können, dass der W13 auf einer solchen Strecke konkurrenzfähig sein könnte.

"Ich glaube, dass Lewis in Austin einfach sensationell ist", sagt der Mercedes-Teamchef. "Und wir haben ein Upgrade mitgebracht. Ich denke, wir haben das in Bezug auf die Leistung gesehen. Vielleicht haben wir manchmal zu große Schritte erwartet, aber es war anständig, wo wir an diesem Wochenende waren, auch im Qualifying."

"Wir hätten eine wirklich gute Runde fahren können, aber die Fahrer haben es nicht hinbekommen. Aber ich denke, es war ein Schritt nach vorn. Solange die Entwicklung nach oben geht, ist es wie bei einem Aktienkurs: Es wird Höhen und Tiefen geben."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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