Wolff & Vasseur: Was zwischen Mercedes & Ferrari vorgefallen ist
Eigentlich sind Frederic Vasseur und Toto Wolff gut befreundet, jetzt fliegen allerdings deutliche Spitzen zwischen Mercedes und Ferrari
Eigentlich sind Toto Wolff und Frederic Vasseur ja gute Freunde ...
Foto: Motorsport Motorsport
Frederic Vasseur ist normalerweise eine fröhliche Person. Doch zwischen all den Witzen konnte der Ferrari-Teamchef am Freitag bei der Pressekonferenz in Silverstone seinen Ärger nicht verbergen, als er wiederholt auf die jüngsten Updates von Ferrari angesprochen wurde.
Ferrari hatte in Barcelona ein großes Update-Paket mitgebracht, das es Lewis Hamilton ermöglichte, seinen ersten Grand-Prix-Sieg für Ferrari einzufahren - und Mercedes die erste Sonntagsniederlage der Saison 2026 beizubringen.
Es war bereits das zweite derartige Upgrade-Paket in diesem Jahr. Dies veranlasste Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff zu der Frage, ob Ferrari dieses Entwicklungstempo angesichts der Einschränkungen durch die Budgetobergrenze der Formel 1 überhaupt durchhalten könne.
"Wir sind ein wenig überrascht, dass Ferrari das Auto in dieser Form mit so riesigen Updates überschütten kann", hatte Wolff am vergangenen Sonntag gesagt. "Meiner Meinung nach müsste ihnen bald das Geld aus dem Cost Cap ausgehen, denn wir können das nicht tun. Uns fehlt schlichtweg der Puffer unter der Budgetobergrenze, um so viele Teile auf diese Weise zu bringen."
"Hoffentlich wird sich das gegen Ende der Saison ändern, wenn sie keine Teile mehr bringen können. Zumindest würde die Logik das besagen", so der Österreicher.
Es war offensichtlich, dass diese Kommentare Vasseur unter die Haut gegangen waren. Denn als er auf Ferraris eigenes Upgrade-Programm angesprochen wurde, brachte er sie von sich aus zur Sprache.
"Sie beziehen sich auf die Kommentare von Toto? Ich fand das von Toto und Mercedes ziemlich ironisch. Wenn Red Bull entwickelt oder wenn Mercedes entwickelt, sind sie Genies. Wenn wir entwickeln, betrügen wir", sagt der Franzose.
"Ich denke, da muss man mal auf dem Teppich bleiben. Wir haben nicht mehr Teile gebracht als Red Bull oder jemand anderes. Ich weiß nicht, ob das ein Witz sein sollte, aber ..."
"Wenn man glaubt, dass wir die Budgetobergrenze überschreiten, geht das für mich in diese Richtung [Ferrari des Betrugs zu bezichtigen]."
Zwischen den Zeilen lesen
Das war eine heftige Reaktion auf einen Kommentar von Wolff, der für sich genommen harmlos wirkte. Der Österreicher deutete nicht an, dass Ferrari gegen die Obergrenze verstößt, sondern stellte lediglich fest, dass das Team seine Update-Offensive aufgrund der finanziellen Beschränkungen unmöglich über die gesamte Saison hinweg aufrechterhalten könne.
Nur sind wir hier in der Formel 1, und kein Kommentar sollte jemals isoliert betrachtet werden. Was Vasseur verärgerte, war, dass Wolff explizit Ferrari herauspickte, obwohl die Scuderia dem Vernehmen nach nicht einmal das Team ist, das in dieser Saison bisher die meisten Updates gebracht hat.
Mehrere Teams deuten in dieser Hinsicht auf Red Bull als Spitzenreiter, da die Mannschaft um Max Verstappen extrem schwach in die Saison 2026 gestartet war, der Niederländer aber letzte Woche in Österreich wieder um den Sieg kämpfen konnte.
Wenn Wolff also den Fokus auf Ferrari legt, ohne Red Bull auch nur zu erwähnen, liegt für die konkurrierenden Teams die Vermutung nahe, dass er ein politisches Spiel treibt, um das Rampenlicht auf die Scuderia zu lenken.
Vasseur ist solches Taktieren nicht fremd, und er pflegt ein gutes persönliches Verhältnis zu Wolff. Das erklärt also immer noch nicht ganz, warum Wolffs Kommentare einen solchen Nerv trafen.
Immer wieder Streitigkeiten
Doch hinter diesem "Upgrade-Gate" steckt mehr als nur Ferraris neueste Aero-Teile. Ferrari und Mercedes kreuzen schon seit Längerem bei einer Reihe von Themen die Klingen, was bis ins letzte Jahr zurückreicht.
Der politische Kampf für 2026 begann mit der Saga um das Verdichtungsverhältnis. Ferrari war einer der Hersteller, die bei der FIA darauf drängten, ein Schlupfloch zu schließen, das es Mercedes angeblich erlaubte, seine Motoren mit einem höheren Verdichtungsverhältnis laufen zu lassen, als es das Reglement vorsah.
Ferrari war zudem verärgert, als das Team die FIA im vergangenen Jahr auf potenzielle Startprobleme mit den 2026er-Autos und ihren komplizierten Hybridmotoren aufmerksam machte. Da der Dachverband keine Änderungen vornahm, entschied sich Ferrari, seine Power-Unit um einen kleineren Turbolader herum zu konstruieren. Dieser sollte schneller hochdrehen und bessere Starts von der Linie ermöglichen - auf Kosten der PS-Zahl.
Als jedoch das reale Sicherheitsrisiko der chaotischen Startprozedur bei den Wintertests offensichtlich wurde, gaben prozedurale Änderungen in der Startaufstellung den Autos mehr Zeit, ihre Motoren hochzufahren. Dadurch wurde Ferraris Designvorteil teilweise zunichtegemacht, während die Scuderia den Preis des geringeren Topspeeds zahlen musste.
Von ADUO und Flügeln
Der Streit hörte damit nicht auf. Das umstrittene ADUO-System zur Triebwerksaufwertung war das nächste Thema politischer Intrigen. Die Konkurrenz war verblüfft über die Feststellung der FIA, dass nicht Mercedes, sondern Red Bull den leistungsstärksten V6-Motor besaß. Mercedes erhielt daraufhin die Möglichkeit zu Upgrades, obwohl sie den Gesamtvorteil zu haben schienen.
Ferrari hatte bereits damit gerechnet, dass seine Power-Unit für zusätzliche Updates infrage käme, und brachte in Österreich eine erste Überarbeitung mit mäßigem Erfolg.
In derselben Woche wurde bekannt, dass Mercedes seinen neuen Diffusor aufgrund einer technischen Richtlinie der FIA nach Anfragen von Ferrari entfernen musste.
Dem Vernehmen nach wollte Ferrari die clevere Lösung von Mercedes nicht unbedingt verbieten lassen, sondern beabsichtigte, eine eigene, noch extremere Version einzusetzen. Die FIA entschied sich jedoch für ein Verbot, um zu verhindern, dass die Regelauslegung aus dem Ruder läuft.
Es gab auch Bestrebungen, Ferraris Auspuffflügel für 2027 zu verbieten. Allerdings handelte es sich hierbei wohl nicht zwingend um ein politisches Schlachtfeld, sondern um Teil der FIA-Maßnahmen zur Reduzierung des Abtriebs für das nächste Jahr, mit denen das aktuelle Reglement verbessert werden soll.
Anspielungen auf Mercedes-Vorwürfe
Die jüngste Eskalation ist also kein Einzelfall, sondern das Ergebnis einer Kaskade kleiner politischer Spiele. Denn für Mercedes und Ferrari ist unübersehbar geworden, dass beide Parteien in dieser Saison die größten Rivalen des jeweils anderen sein werden.
Doch ein Element in Vasseurs Antwort an Wolff war besonders brisant: Die Aussage, dass das Reden über Verstöße gegen die Budgetobergrenze "von Toto und Mercedes ziemlich ironisch" sei.
Man kann dies kaum anders interpretieren denn als eine unmissverständliche Anspielung auf den vergangenen Oktober. Damals gab es Gerüchte, Mercedes habe gegen die Cost-Cap-Regeln von 2024 verstoßen, bevor das Team schließlich von der FIA von jeglichem Fehlverhalten freigesprochen wurde.
Wenige Tage nach dem Großen Preis von Mexiko bestätigte die FIA, dass neun Teams die Finanzregeln für 2024 eingehalten hatten, während lediglich Aston Martin wegen eines Verfahrensfehlers verwarnt wurde.
Einige der Mercedes-Rivalen, die offenbar vom Gegenteil überzeugt waren, konnten diese Ankündigung nur schwer schlucken. Sie hinterließ einen bitteren Beigeschmack - und das offensichtlich bis heute.
Die Töne waren mal anders ...
Vasseur und Wolff sind gut befreundet, weshalb sich diese Episode wie Neuland anfühlt. Am selben Mexiko-Wochenende im vergangenen Jahr hatte sich Wolff sogar noch alle Mühe gegeben, dem Franzosen angesichts des zunehmenden Drucks auf seine Position ein starkes Vertrauensvotum auszusprechen.
"Man muss ihn einfach seine Arbeit machen lassen", sagte Wolff damals zu Vasseurs Position. "Fred ist einer der besten Teamchefs, die ich kenne. Ich respektiere ihn sehr. Er ist eine großartige Persönlichkeit. Er ist ein geradliniger Typ. Er macht keine Politik und lügt nicht, und er weiß, wovon er spricht."
"Man sollte ihm das Vertrauen schenken, dieses Team zu leiten. Sie werden keinen Besseren finden."
Natürlich fielen diese Kommentare zu einer Zeit, als weder Mercedes noch Ferrari um den ganz großen Pokal kämpften. Doch jetzt, wo beide Teams an der Spitze der Startaufstellung stehen und dazu bestimmt sind, sich bis zum Schluss zu bekämpfen, haben sich die Vorzeichen geändert.
Wolff und Vasseur werden sich zweifellos zusammensetzen und die Gemüter abkühlen lassen. Aber das hier ist nicht persönlich. Es ist rein geschäftlich. Und nach dem jüngsten Schlagabtausch hat man das Gefühl, das nun mit offenem Visier gekämpft wird.
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