Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

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Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch
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29.05.2019, 14:23

Chefredakteur Christian Nimmervoll über Niki Laudas letztes Rennen: Wie der Abschied zu Tränen gerührt hat und was an der Aufbahrung kritisiert werden muss

Liebe Leser,

noch nie ist es mir so schwergefallen, meine Gedanken in eine Kolumne zu fassen, wie am heutigen Tag, zum Abschied von Niki Lauda. Meine Freundin Andrea hat sich einmal bei mir darüber "beschwert", mich noch nie weinen gesehen zu haben. So gesehen schade, dass sie heute Dienst im Krankenhaus hatte. Es wäre eine Premiere gewesen.

Über weite Strecken ist es mir gelungen, gemeinsam mit meinen Kollegen die Berichterstattung über das Leben und den Tod und heute den Abschied von Niki Lauda professionell abzuwickeln. Das mag kühl sein, aber es ist nun mal unsere Aufgabe als Vertreter der Medien, zu berichten und nicht zu trauern. Dafür ist nach Dienstschluss Zeit.

Aber als nach dem Requiem im Wiener Stephansdom selbst Helmut Marko, nicht gerade bekannt als ein besonders rührseliger Zeitgenosse, die Tränen übers Gesicht kullerten, war es dann auch um meine Fassung geschehen.

 

Bewegende Szenen bei der Verabschiedung

Oder Lukas Lauda, der ältere Sohn, der in einer TV-Doku einmal gesagt hat, dass Niki als Vater "eine Katastrophe" war. Auch er wurde beim Abschied von seinen Emotionen überwältigt.

Niki Lauda war ein großer Mann. Schon immer. In seinen letzten Jahren wurde er auch zu einem großen Familienmenschen. Das sah man heute an den Emotionen derer, die nicht von der öffentlichen Person Niki Lauda Abschied genommen haben, sondern vom Ehemann, Vater und Freund. Tränen lügen nicht.

Ich denke, es ist ganz wichtig, zwei Dinge auseinanderzuhalten: Die tausenden Menschen, die am Vormittag im Stephansdom Abschied von Niki Lauda genommen haben, verlieren eine Figur der Inspiration, ein Vorbild, einen Helden. Einen Teil ihrer Jugend, wie eine Besucherin so schön gesagt hat. "Niki Nazionale" eben.

Ich habe Niki Lauda nie näher kennengelernt. Er lief mir dann und wann im Paddock über den Weg; einmal, 2015, habe ich ein größeres Interview mit ihm geführt. Er war für mich eine Respektsperson. Aber trotz allem in erster Linie eine öffentliche Figur.

Seine Familie aber, und das dürfen wir alle nicht vergessen, verliert einen Menschen aus Fleisch und Blut. Einen, den es auch ohne rotes Kapperl am Fernsehschirm gegeben hat. Auch wenn sie mich nicht kennen: Ich möchte ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen - auch im Namen der gesamten Redaktion.

Bundespräsident und Altkanzler als Redner

Es war ein bewegender Abschied von Niki Lauda in Wien. Die Tragweite für Österreich, aber auch für die weltweite Motorsport-Community beschreibt die Gästeliste am besten.

Alle waren sie heute da: Bundespräsident Alexander van der Bellen und Altbundeskanzler Sebastian Kurz haben Reden gehalten. Und eine öffentliche Aufbahrung für einen Sportler im "Steffl", im Nationalheiligtum der Österreicher, das hat's davor überhaupt noch nie gegeben.

Alain Prost hat beim Requiem, das auf Wunsch der Familie nicht im TV übertragen wurde, gesprochen. Ebenso Gerhard Berger und Arnold Schwarzenegger.

Lewis Hamilton war da und verbarg seine Trauer unter schwarzen Sonnenbrillen. Arturo Merzario, der Lebensretter vom Nürburgring. Toto Wolff, natürlich. Luca di Montezemolo. Man könnte die Liste endlos fortsetzen. Das Who's Who der Formel 1 trauerte heute in Wien.

Neben dem würdevollen Abschied gab es da aber auch eine Sache, die mich stört. Nämlich dass die meisten Menschen, die sich von Niki Lauda am Sarg verabschiedet haben, unbedingt ein Handy-Foto knipsen mussten.

Muss das wirklich sein, bei einer Aufbahrung das Smartphone aus der Tasche zu holen? Ich kann Verständnis dafür aufbringen, dass Niki Lauda für viele Menschen etwas ganz Besonderes war, auch wenn sie ihn nie persönlich kennengelernt haben. Und dass es ein Bedürfnis gibt, so einen Moment irgendwie festzuhalten. Insofern möchte ich das nicht kategorisch verurteilen.

 

Handy-Foto am Sarg: Muss das sein?

Aber bei vielen hatte man den Eindruck, sie haben sich nicht des Abschieds wegen stundenlang angestellt, sondern um ein Foto zu knipsen, mit dem sie bei Freunden prahlen oder das sie auf Facebook posten können. Das finde ich, ehrlich gesagt, bei einem solchen Anlass unangemessen. Und hätte man sich verkneifen können.

Auf der anderen Seite gab es auch die rührenden Momente bei der öffentlichen Verabschiedung. Ein Mann, der in einer Lauda-Air-Uniform kam und eine Rose niederlegte. Offenbar einer von Laudas ehemaligen Mitarbeitern.

Ein anderer, der extra aus Frankfurt angereist kam, um einen kurzen Moment des persönlichen Abschieds zu bekommen. Und ganz viele Italiener, Bewunderer Laudas aus seiner Ferrari-Zeit.

Niki Lauda ist ein Stück österreichischer Zeitgeschichte. Als er am Nürburgring dem Tod von der Schaufel gesprungen ist, stürzte in Wien die Reichsbrücke ein. Als er am 20. Mai in Zürich friedlich eingeschlafen ist, stürzte die Republik gerade in eine Regierungskrise. Und trotzdem gehörten die Titelseiten auf den Zeitungen Niki Lauda. 1976 genauso wie 2019.

Hätte ich eine rote Kappe, ich würde sie heute demütig ziehen. Aus Respekt vor der Lebensleistung eines bewundernswerten Mannes, der als öffentliche Figur in meinem ganzen Leben eine Rolle gespielt hat. Und dessen schier unvorstellbares Vermächtnis mit dem heutigen Tag gewiss nicht endet.

Ihr

Christian Nimmervoll

Mit Bildmaterial von Gutenbrunner.

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Rennserie Formel 1
Tags niki lauda
Urheber Christian Nimmervoll
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