Interview

ADAC GT Masters

Interview mit Christian Engelhart über das GT-Masters-Finaldrama (3/3)

Beim Abschuss direkt am Start wähnte Christian Engelhart den Titel kurzzeitig bereits verloren - Der letzte Akt auf dem Weg zum Titel mit weiteren Dramen

Heiko Stritzke

Heiko Stritzke

Bearbeitet: 06.01.2021, 14:07

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SSR Performance hat sich im ersten Jahr gleich beide Titel im GT-Masters geholt. Doch so einfach, wie es von außen schien, war der Titelgewinn beim Finale in Oschersleben nicht. Christian Engelhart erzählt im Interview mit 'Motorsport.com', wie er den Abschuss in der ersten Kurve erlebte und wie es sich anfühlte, als er zusammen mit Michael Ammermüller endlich als Meister feststand.

Frage: "Beginnen wir mit dem großen Startcrash: Können Sie Kelvin van der Linde nachvollziehen, dass er so ein Risiko gegangen ist?"

Engelhart: "Nun, er hat denke ich alles riskiert und versucht, Plätze gutzumachen. Am Ende hat er vielleicht zu viel riskiert. Nur hinterher ist man immer schlauer. Das Problem ist auch, dass die Start-/Zielgerade in Oschersleben ziemlich eng ist. Da passen nicht viele Autos nebeneinander. In diesem Fall waren es ein paar zu viele."

Frage: "Wenn Sie an seiner Stelle gewesen wären, wären Sie auch so hohes Risiko gegangen?"

Engelhart: "Ich denke, jeder versucht, am Start Plätze gutzumachen. Ob ich dieselbe Linie gefahren wäre, weiß ich nicht, weil ich in dieser Sitaution nicht selber gesteckt habe. Wenn man sich meine Starts dieses Jahr ansieht, habe ich bei jedem einzelnen Start Plätze gutgemacht oder zumindest die Position gehalten."

Frage: "Aber von dem Chaos haben Sie gar nichts mitgekriegt?"

Engelhart: "Nein, das konnte ich nicht sehen, das war zu weit hinter mir."

Frage: "Und der Start in Ihr eigenes Rennen verlief nicht weniger dramatisch ..."

Engelhart: "Genau. Der Polesetter [Raffaele Marciello] hat recht spät beschleunigt. Ich bin gut weggekommen und habe mich in eine sichere Position auf der Innenbahn gebracht. Dann hat sich Albert Costa verbremst und ist mir hinten sehr hart draufgefahren. Das war natürlich das Allerschlimmste, was hätte passieren können. Das war ein sehr dramatischer Moment."

Frage: "Was war Ihr erster Gedanke, als Sie den Schlag bekommen und gemerkt haben, dass Sie es nicht mehr einfangen können?"

Engelhart: "Natürlich reagiert man erstmal. Es geht um so viel und der Start ist eigentlich einer der wichtigsten Momente im ganzen Rennen. Es gibt ja diesen Spruch, dass das Rennen nicht in der ersten Kurve entschieden wird. Aber manchmal eben doch. In Oschersleben auf jeden Fall."

"Insofern war das ein schlimmer Moment. Es war typisch für die Achterbahn, die wir am ganzen Wochenende erlebt haben. Ich habe auch nicht gesehen, wer mich da getroffen hat. Das habe ich erst im Grid herausfinden können."

"Interessant war: Dadurch, dass es den großen Unfall gegeben hat, hat es nicht einmal mein Team mitbekommen, was eigentlich in Kurve 2 passiert ist. Dem Team ging es da genauso wie den Zuschauern. Sie wussten nicht, was Sache ist."

"Es gab sehr schnell die Ansage vom Rennleiter, dass wieder die ursprünglichen Startplätze eingenommen werden. Im Grid kam dann Albert Costa zu mir und hat sich tausendmal entschuldigt und mir die Situation erklärt. Ich habe ihm nur gesagt: 'Don't do it again.'"

Frage: Als Sie sich gedreht haben, haben Sie da schon gemerkt, dass irgendwie sehr wenig Autos vorbeigekommen sind, oder konnten Sie das im Eifer des Gefechts nicht wirklich einordnen?"

Engelhart: "Das konnte ich nicht einordnen. Mir war nicht klar, dass es einen Startcrash gegeben hatte, bis ich auf Start/Ziel kam. Da sah man es dann sehr deutlich. Es gab nur die Info 'Rote Flagge'."

"Auch, dass der Rutronik-Audi ausgeschieden war, habe ich erst spät realisiert. Das hat man mir erst kurz vor dem Restart im Funk mitgeteilt, als ich schon wieder im Auto saß und die Motoren angelassen wurden. Ich war so mit mir selbst und der Situation beschäftigt, dass ich das gar nicht mitbekommen habe."

Frage: "Nochmal kurz zu dem Moment vom Dreher bis zur Roten Flagge: Wann kam die erlösende Meldung 'Red Flag'?"

Engelhart: "'Red Flag' kam ja sofort, als ich gerade wieder in Fahrt war. Ungefähr in der dritten Kurve war sie draußen. Und in dem Moment war mir gleich klar, dass ich wieder Dritter bin."

"Wirklichen Frust hat es auch nie gegeben. Der Moment, alles zu verlieren oder dass die Chancen extrem schwinden, war sehr, sehr kurz. Das war der Moment, wo ich mich gedreht habe. Dann war Wiederlosfahren, um die Kurve rum und dann kam schon Rot. Also das war ein sehr, sehr kurzer Moment."

Frage: "Das Rennen selbst verlief ja dann eher unspektakulär. War das der Plan oder hat es sich so ergeben?"

Engelhart: "Die beiden vor mir waren einfach zu schnell. Ich konnte mit 30 Kilo Ballast nicht mithalten. Die hatten beide außerdem frische Reifen."

"Für mich ging es gleich darum, die Position zu halten. Das hat geklappt und ich konnte mich absetzen, weil sie hinter mir angefangen haben zu kämpfen. Ab da konnte ich eigentlich meinen Strich fahren, eine ganz gute Pace hinlegen und den Abstand nach hinten kontrollieren. Insofern war zu dem Zeitpunkt alles in bester Ordnung."

Frage: Ging die Zeit für dich trotzdem einigermaßen schnell vorüber oder hat es sich doch in die Länge gezogen?

Engelhart: "Ich habe mich gut gefühlt, die Pace war gut. Ich habe mich immer wieder mit meinem Ingenieur unterhalten, wie viele Runden es noch sind. Wir wollten bis zum Ende des Boxenstoppfensters fahren, weil die Pace gut war."

"Ich habe geschaut, dass ich die Reifen gut behandle, weil ich weiß, dass das Gewicht ja auch einen Einfluss hat und am Schluss der Reifen ein bisschen mehr in Mitleidenschaft gezogen wird. Da war dann alles ganz normal."

Frage: "Dann gab es die Untersuchung wegen dem Gurt. Was ging Ihnen da durch den Kopf?"

Engelhart: "Natürlich war das so ein Moment, wo man dachte: 'Das darf doch jetzt nicht wahr sein.' Aber in dem Moment, als Michael über die Linie gefahren ist, wusste ich es schon. Wenn es eine Strafe gegeben hätte, hätte es sie vorher gegeben. Und da es sie nicht gegeben hat, war mir klar, dass es das ist."

"Irgendwann im Parc Ferme hat der Streckensprecher es dann bestätigt. Und ganz ehrlich: Wenn du im Parc Ferme stehst und als Meister geehrt wirst, dann glaube ich schon, dass das Bestand hat."

Frage: Wie war das Gefühl dann im Parc Ferme?"

Engelhart: "Ich war dann ein bisschen emotional in dem Moment und in Tränen, weil es so ein spezieller Moment ist. Ich dachte, ich explodiere vor Freude. Stattdessen haben mich die Emotionen übermannt. Da waren die Gedanken ganz woanders."

Mit Bildmaterial von ADAC Motorsport.

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