China GT in Shanghai: GT3-Pilot zieht seinen Gegner aus brennendem Wrack
Ein heftiger Feuerunfall überschattet das erste Rennen der China-GT-Meisterschaft in Shanghai: Loek Hartog zieht Ollie Millroy aus dem Wrack - und rettet ihm das Leben
Der Ferrari von Millroy geht nach dem Treffer direkt in Flammen auf
Foto: YouTube/China YouTube/China
Die Motorsport-Welt ist am vergangenen Samstag wohl nur knapp einem tödlichen Drama entgangen: Denn beim ersten Rennen der chinesischen GT-Serie in Shanghai kam es nach rund 20 Minuten zu einem Horrorunfall, bei dem Porsche-Pilot Loek Hartog zum heldenhaften Lebensretter wurde.
Auslöser des dramatischen Feuerunfalls war ein Duell zwischen Neil Verhagen im 610Racing-BMW #33 und David Chen im Harmony-Racing-Ferrari #37, die sich auf dem Weg zur Haarnadelkurve um den achten Gesamtrang duellierten. Chen versuchte, den Angriff seines Kontrahenten abzuwehren, und drückte ihn dabei auf die nasse Wiese.
Dort gerieten beide Autos außer Kontrolle, flogen nahezu ungebremst auf die Spitzkehre zu - und krachten mit voller Wucht in die Seite des AAI-Ferrari #91 von Ollie Millroy. Der Bolide des Briten, der beim Aufprall das Bewusstsein verlor, ging unmittelbar in Flammen auf.
Porsche-Pilot Loek Hartog erkannte die dramatische Situation, stoppte seinen Boliden am Fahrbahnrand und eilte seinem Kontrahenten zur Hilfe. Millroy hing noch regungslos in seinem Sitz, während um ihn herum bereits alles in Flammen stand.
Hartog braucht 49 Sekunden, um Millroy zu retten
Hartog versuchte zunächst, sich von der Fahrerseite zu nähern, was aufgrund der enormen Temperaturen jedoch vergeblich war. Anschließend startete er einen weiteren Versucht auf der gegenüberliegenden Seite - ebenfalls zunächst ohne Erfolg, nachdem er die Tür geöffnet und entriegelt hatte.

Ollie Millroy verliert beim heftigen Aufprall das Bewusstsein
Foto: YouTube/China GT
Der Niederländer rannte deshalb los, um einem eintreffenden Sportwart den Feuerlöscher zu entreißen. Damit löschte er das Feuer auf der Fahrerseite, löste den Sicherheitsgurt von Millroy, packte ihn unter den Achseln und zog ihn mit Gewalt aus dem Cockpit.
Die Heldentat war im Live-TV nicht zu sehen, wurde jedoch von der Onboard-Kamera im Phantom-Global-Porsche von Hartog festgehalten: Vom Aussteigen aus seinem Auto bis zur Rettung seines Kollegen vergingen insgesamt nur 49 Sekunden - eine Sequenz, die einem buchstäblich den Atem raubt.
Hartog meldete sich einige Stunden später über die sozialen Netzwerke zu Wort. "Danke an alle, die sich nach den Geschehnissen gemeldet haben", schrieb der Niederländer. "Was ich in Rennen 1 miterlebt habe, war erschreckend, und ich bin unglaublich erleichtert zu wissen, dass es Ollie gut geht."
Ollie Millroy überlebt mit mehreren Verletzungen
Millroy erlitt Brüche an fünf Rippen, am Schlüsselbein, an einer Hand und einem Finger sowie eine Lungenquetschung. "Ich komme gerade aus dem Krankenhaus zurück, wo ich ihn besucht habe. Der Motorsport kann einen sehr schnell daran erinnern, dass einige Dinge viel wichtiger sind als Rennen", so Hartog.
"Als ich vor mir ein Auto sah, das von einem riesigen Feuerball eingehüllt war, gab es eigentlich keine Entscheidung zu treffen. Nach dem, was ich sehen konnte, ging ich natürlich davon aus, dass der Fahrer nicht aus eigener Kraft aussteigen konnte, also hielt ich an, stieg aus und ging zu dem Auto. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Zweifel."
"Wenn ich über das Geschehene nachdenke, bin ich den Menschen wirklich dankbar, die mich mein ganzes Leben und meine Karriere hindurch begleitet und die mich gelehrt haben, zu erkennen, wenn im gegenwärtigen Moment etwas Größeres als der Rennsport passiert. Und genau das ist ein klassisches Beispiel dafür."
"Es war furchteinflößend, und es gab Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich es jemals schaffen würde, Ollie herauszuholen. Aber es geht nicht darum, was ich getan habe; ich bin mir sicher, dass viele Menschen in meiner Situation ganz genauso reagiert hätten."
Hartog wird "der größte Superheld aller Zeiten sein"
"Ich bin dankbar, in diesem Moment an diesem Ort gewesen zu sein", gibt Hartog zu. "Es lässt einen auch das Maß an Sicherheit schätzen, das wir manchmal als selbstverständlich ansehen. Wenn man einen solch heftigen Unfall und so ein riesiges Feuer sieht, wird einem klar, was wirklich zählt."
"Das Wichtigste ist, dass Ollie in Ordnung ist. Die Dinge hätten heute ganz anders ausgehen können, und ich bin wirklich dankbar, dass sie das nicht sind." Auch Millroy reagiert auf die Heldentat seines Kontrahenten, indem er sich beim Einsatz Hartogs bedankte und seine eigene Sicht des Vorfalls schilderte.
"Ich bin heute Abend noch am Leben, einzig und allein dank einem Mann, Loek Hartog, der sofort anhielt - obwohl weder Streckenposten noch Feuerwehrleute in Sicht waren - und sein eigenes Leben riskierte, um mich aus dem Auto zu ziehen", meint der Ferrari-Pilot.
"Ich kann mich an nichts erinnern, was zwischen den 30 Sekunden vor dem Unfall und der Stunde danach passiert ist, aber ich werde mich für den Rest meines Lebens an seinen unglaublichen Akt der Tapferkeit erinnern. Eines Tages werde ich unseren drei Kindern diese Geschichte erzählen, und auch in ihren Augen wird Loek der größte Superheld aller Zeiten sein."
Ollie Millroy will schnell ins Rennauto zurückkehren
"Heute Nacht liege ich hier mit fünf gebrochenen Rippen, einem gebrochenen Schlüsselbein, einer gebrochenen Hand und einem Fingerbruch sowie einer geprellten Lunge, aber es hätte viel schlimmer kommen können. Danke, Loek. Ich verdanke dir mein Leben für deine selbstlose Tat heute."
"Danke an alle für eure netten Nachrichten. Ich werde versuchen zu antworten, da ich nun ein paar Tage im Bett verbringen muss. Heute Nacht werde ich definitiv meinem Schutzengel danken, das ist sicher. [Ehefrau] Fern sitzt im Flugzeug auf dem Weg hierher und ich bin umgeben von meinem Team, meiner taiwanesischen Familie und dem Team AAI."
"Morgen stehen ein paar Operationen an, um alles wieder zu richten, dann ein paar Wochen Ruhe hier, bevor ich wieder Rennen fahren kann", schreibt Millroy, der trotz des heftigen Unfalls offenbar möglichst schnell wieder hinter das Lenkrad eines Rennwagens zurückkehren möchte.
"Danke an Ferrari für den Bau eines Autos, das diesen Aufprall aushalten konnte, und es tut mir leid für unser AAI-Motorsports-Team und meine Teamkollegin Yin Yu Chen, die heute ihre Rennrakete verloren haben. Jetzt ist es an der Zeit aufzubauen, gesund zu werden und dann wieder in den Sattel zu steigen."
Kritik am langsamen Tempo der Rettungskräfte
Ein schockierender Aspekt, der ebenfalls auf den Aufnahmen von Hartogs Onboard-Kamera zu sehen ist, ist die Langsamkeit, mit der die Rettungskräfte am Unfallort eintrafen: Der Porsche-Fahrer musste einigen Sportwagen sogar entgegenlaufen, die sich in einem Tempo zum Unfallort begaben, das alles andere als zügig war.
Yin Yu Chen, Teamkollegin des verunglückten Millroy, hat ihre Perspektive der Rettungsaktion bereits dargestellt - und zwar als deutliche und völlig gerechtfertigte Kritik an der mangelnden Reaktionsschnelligkeit des Streckenpersonals, insbesondere auf einer Rennstrecke, auf der auch die Formel 1 gastiert.
"Heute war ein herzzerreißender Tag für unser gesamtes Team", schreibt die Rennfahrerin. "Nach dem Unfall von Ollie Millroy fing unser Auto sofort Feuer, als er von der Strecke abkam. Etwa eineinhalb Minuten lang war Ollie im Auto auf sich allein gestellt, ohne sofortige Hilfe durch die Feuerwehr oder die Rettungsdienste."
"Es gab keine Streckenposten, keine Krankenwagen und keinerlei Hilfe, um das Feuer zu löschen oder den Fahrer zu retten", so Chen. "Ebenso schwer zu akzeptieren war es zu hören, wie der Kommentar beiläufig berichtete, dass es dem Fahrer 'gut' ginge und er 'von selbst aus dem Auto ausgestiegen' sei."
"Angesichts des Ernstes der Lage auf der Strecke ist eine solch oberflächliche und ungenaue Beschreibung der Situation zutiefst besorgniserregend. Aus diesem Grund muss ich Loek Hartog für alles danken, was er heute getan hat. Er hat keinen einzigen Moment gezögert, anzuhalten und Ollie zur Hilfe zu kommen, als er diese am dringendsten brauchte. Eine wahre Legende!"
Ferrari-Team reagiert - und zieht sich aus der Serie zurück
"Ollie ist nicht nur ein Teamkollege, sondern auch ein Freund der Familie seit 13 Jahren. Noch nie in meinem Leben als Fahrerin habe ich eine solch traumatische Erfahrung durchgemacht. Wir verstehen voll und ganz, dass der Motorsport Risiken birgt."
"Jedoch sind die Maßnahmen der Organisatoren im Anschluss an den heutigen Vorfall - insbesondere das Fehlen einer sofortigen und angemessenen Reaktion auf den Notfall - etwas, das wir nicht akzeptieren können. Die Sicherheit der Fahrer und Teammitglieder muss immer über allem anderen stehen."
"Was heute passiert ist und die Art und Weise, wie mit der Situation umgegangen wurde, sind wirklich inakzeptabel", wird die GT3-Pilotin deutlich. "Angesichts der Art und Weise, wie die Organisatoren den heutigen Vorfall gehandhabt haben, haben das Team und ich beschlossen, uns aus der Meisterschaft zurückzuziehen, und wir werden an keinen weiteren Events der China GT mehr teilnehmen."
"Danke an alle, die heute zur Hilfe geeilt sind, und ich wünsche Ollie eine schnelle Genesung. Du bist nicht nur mein Teamkollege, sondern auch mein Freund, mein Mentor und, da bin ich mir ziemlich sicher, auch der beste Golfpartner meines Vaters."
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