Vorschau 12h Sebring 2018: Cadillac nicht mehr im Vorteil?

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Vorschau 12h Sebring 2018: Cadillac nicht mehr im Vorteil?
Autor: Heiko Stritzke
15.03.2018, 17:50

Bei den 12 Stunden von Sebring werden die Karten neu gemischt - Action auch ohne Fernando Alonso vorprogrammiert - Kommt BMW in Fahrt?

Nur halb so lang wie Daytona aber doppelt so hart: Die 12 Stunden von Sebring rufen die Prototypen und GT-Fahrzeuge der IMSA SportsCar Championship in diesem Jahr bereits zum 66. Mal zum ultimativen Härtetest. Und sie könnten zum vorerst letzten Mal als Standalone-Event stattfinden, denn ab 2019 möchte die Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) ebenfalls ein eigenes Rennen auf dem Sebring International Raceway austragen - zusätzlich zum 12-Stunden-Rennen, das in IMSA-Hand bleiben soll.

Starterliste für die 12 Stunden von Sebring 2018

"Nach Sebring kommst du nur, um dein Auto zu zerstören", lautet eine alte Motorsport-Weisheit. Die zwölf Stunden auf dem 6,02 Kilometer langen Kurs, der ein Hybrid aus permanenter Rennstrecke und Flugplatzkurs ist, sind weitaus härter als die 24-Stunden-Rennen von Daytona und Le Mans und das brutalste Rennen, dem sich Sportwagen-Prototypen unterziehen. Wer hier durchkommt, muss sich um die Standfestigkeit seines Autos wahrlich keine Gedanken mehr machen.

"Kurve 17 ist die verrückteste Kurve auf dem ganzen amerikanischen Kontinent", beschreibt Corvette-Werkspilot Oliver Gavin die legendäre Sunset Bend, die mehr Bodenwellen aufweist als der ganze Formel-1-Kalender.

Cadillac mit High Downforce weniger stark?

In der Prototypen-Klasse werden nach dem Saisonauftakt in Daytona die Karten neu gemischt: Ab jetzt kommen für den Rest der Saison die High-Downforce-Pakete zum Einsatz. Damit wird das Performance-Bild erst einmal wieder auf null gestellt. Trotzdem reißt Cadillac nach der überlegenen Vorstellung in Daytona als Favorit an. Im vergangenen Jahr setzte es einen überzeugenden Dreifacherfolg für die DPi V.R mit einem Sieg von Wayne Taylor Racing vor zweimal Action Express. 2015 gewannen Letztere mit dem Cadillac-Vorläufer Corvette DP.

#10 Wayne Taylor Racing Cadillac DPi
#10 Wayne Taylor Racing Cadillac DPi

Foto: Greg Aleck - Fastlines

Nach dem Doppelerfolg in Daytona ist Action Express Topfavorit für Sebring. "Die Testfahrten hier sind gut verlaufen", sagt Joao Barbosa aus der in Daytona siegreichen Crew #5 (Fittipaldi/Barbosa/Albuquerque). "Ich liebe die Herausforderung hier und hoffe, dass diese Strecke niemals neu asphaltiert wird!" Cadillac kann aus den Vollen schöpfen und hat neben AXR auch noch die Fahrzeuge von Wayne Taylor und Spirit of Daytona Racing im Feuer. Andererseits müssen die V8-Boliden zehn Kilogramm für Sebring zuladen und sind damit schwerer als alle anderen Prototypen.

Die größte Konkurrenz kam in Daytona aus dem Acura-Lager. Das Penske-Debüt fiel erwartungsgemäß stark aus, selbst wenn am Ende ein paar Kinderkrankheiten am Acura ARX-05 für einen Rückschlag gesorgt haben. Auch die Penske-Acuras wurden von der IMSA eingebremst und müssen den Ladedruck in allen Drehzahlbereichen reduzieren. Andererseits hat Penske in Sebring viel getestet und geht damit bestens vorbereitet ins Rennen.

Nissan zeigte in Daytona stellenweise starke Pace, auf der man aufbauen kann. Und Extreme Speed Motorsports weiß, wie man in Sebring gewinnt. 2016 feierte man einen umjubelten Sieg in einem LMP2-Ligier. Das Problem war für ESM in Daytona die Zuverlässigkeit. Keine guten Voraussetzungen, wenn es auf den zerstörerischen Sebring Raceway geht. Hoffnung kann ESM aus den Testfahrten schöpfen, die zumindest andeuteten, dass die Probleme behoben sein könnten. Etwas Entlastung im Antriebsstrang gibt es, denn im oberen Drehzahlbereich (ab 6.000 U/min) wurde von der IMSA der Ladedruck zurückgeschraubt.

#77 Mazda Team Joest Mazda DPi, P: Oliver Jarvis, Tristan Nunez, René Rast
#77 Mazda Team Joest Mazda DPi, P: Oliver Jarvis, Tristan Nunez, René Rast

Foto: Jake Galstad / LAT Images

Für Joest-Mazda ging in Daytona so ziemlich alles in die Hose, was schiefgehen konnte. Der Winter entpuppte sich doch als zu kurz und die neue Paarung fand noch nicht ganz zusammen. "Ehrlich gesagt wollen wir nur problemlos durchkommen, alles weitere kommt dann schon automatisch", sagt Ralf Jüttner gegenüber 'Sportscar365'. Allerdings wird schon diese Aufgabe auf der Buckelpiste schwer genug werden. Immerhin: Nach Daytona kann es nur besser werden.

Neben den vier werksunterstützten Teams werden wieder sechs private LMP2 die Klasse aufmischen. Allen voran United Autosports, die in Daytona mit Platz vier "Best of the Rest" hinter Cadillac waren. Zwar wird Fernando Alonso diesmal nicht am Steuer sitzen, doch das einzelne Fahrzeug ist mit Phil Hanson, Alex Brundle und Paul di Resta gut besetzt. Brundle vertritt Bruno Senna, der sich einer Operation in Brasilien unterzieht. Weitere LMP2 kommen von JDC-Miller (zweimal), Performance Tech, PR1/Mathiasen und Core Autosport.

GTLM: Große Zugeständnisse für BMW

In der GTLM-Kategorie wurde BMW nach den Sebring-Testfahrten noch einmal zusätzlich beglückt: Nachdem bereits nach Daytona der Ladedruck im oberen Drehzahlbereich erhöht wurde, gibt es nun noch einmal mehr Boost und 20 Kilogramm weniger Gewicht. Damit sollten die BMW M8 GTE endlich mit den anderen mithalten können. RLL-Teamchef Bobby Rahal ist hoffnungsvoll: "Durch die Anpassungen an der BoP sollten wir unseren Konkurrenten zumindest näherkommen. Wenn uns das gelingt, haben wir eine gute Chance." Einen Rückschlag gab es allerdings bei den Testfahrten, als Alexander Sims abflog und BMW so wichtige Testkilometer abhanden kamen.

GT-Start: #66 Ford Performance Chip Ganassi Racing, Ford GT: Joey Hand, Dirk Müller, Sébastien Bourdais, führt
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Foto: LAT images / Michael L. Levitt

Als unumstrittener Favorit reist Corvette nach Sebring. Nach vier Siegen in fünf Jahren beim März-Klassiker ist klar, dass der Klassensieg nur über die gelben Muscle-Cars laufen kann. Seit drei Jahren ist Corvette Racing ungeschlagen. Dieses Jahr ist die Motivation noch größer, denn es ist das 20. Mal in Folge, dass die Pratt-&-Miller-Boliden auf dem Sebring International Raceway antreten. Gepaart mit dem gutmütigen Fahrverhalten der Corvette C7.R ist diese Rennerfahrung eine Macht in Sebring, die nur schwer zu schlagen ist.

Allerdings ist in Ford ein bärenstarker Gegner herangewachsen. Nachdem Le Mans und Daytona bereits abgehakt sind, ist Sebring noch ein weißer Fleck auf der Sieger-Landkarte. Sowohl Ganassi als auch Ford wissen, wie man in Sebring gewinnen kann, wie der Gesamtsieg auf einem Riley DP im Jahre 2014 zeigt. Allerdings hatte in der GTLM bislang eine gewisse gelbe Mannschaft etwas dagegen.

Natürlich wird auf allen Seiten tiefgestapelt. "Ich erwarte nicht, dass das einfach wird", sagt Ford-Werksfahrer Joey Hand. "Wir hatten ein perfektes Rennen in Daytona, aber keine Chance auf den Sieg", hält Antonio Garcia aus dem Corvette-Lager dagegen. Nicht ohne eine Kampfansage hinterher zu schicken: "Was auch immer uns an Performance fehlt, werden wir mit unserer Erfahrung wettmachen!" Corvette strebt den vierten Sieg in Folge an. Das ist der Mannschaft von Doug Fehan schon zwischen 2006 und 2009 gelungen, allerdings gegen weniger starke Konkurrenz.

Nur der Porsche-Sieg von 2014 konnte verhindern, dass Corvette einen nie gesehenen Fünfer-Streak bei den 12 Stunden von Sebring holte. Für die 2018er-Ausgabe haben die Porsche 911 RSR einen zwei Liter größeren Tank bekommen. Doch die Plätze sechs und acht in Daytona waren alles andere als ein optimaler Auftakt.

#62 Risi Competizione Ferrari 488 GTE, GTLM: Alessandro Pier Guidi, Toni Vilander, James Calado, Davide Rigon
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Foto: Jake Galstad / LAT Images

Porsche-GT-Leiter Frank-Steffen Walliser mahnt zur Ruhe: "Auch wenn durch das Daytona-Ergebnis der Druck steigt, tun wir gut daran, gelassen zu bleiben. Die Saison hat gerade erst begonnen. Wir wissen, wo wir uns noch verbessern müssen, und daran arbeiten wir mit Hochdruck." Das klingt zwar nicht wie eine Ansage, um den Sieg zu kämpfen, aber Porsche in Sebring abzuschreiben wäre der wohl größte Fehler, den man machen könnte.

Sebring wird auch zum vorerst letzten Mal den GTE-Ferrari von Risi Competizione im Einsatz sehen. Toni Vilander, Alessandro Pier Guidi und James Calado wollen den vierten Sieg für den US-Ferrari-Importeur holen. Der 488er hat in Sebring allerdings noch nicht gewonnen. Das Team wird sich nach dem Rennen in die Amateurklassen des GT-Sports zurückziehen, nachdem sich Giuseppe Risi nicht ausreichend durch Ferrari im Kampf gegen die anderen Werke unterstützt fühlt.

Daytona-Kontroversen sollen sich nicht wiederholen

Die IMSA hat sich bemüht, nach einer kontroversen Strafe gegen Land-Motorsport in der GTD-Kategorie eine schnelle Lösung für das Thema Boxenstoppzeiten zu finden. Der Audi R8 LMS wurde bestraft, weil man der IMSA zufolge zu schnell nachgetankt hat. Land wurde so vermutlich um den GTD-Klassensieg gebracht. Das Team glaubt hingegen, sich mit einer Modifikation am Tank im Rahmen der Regeln bewegt zu haben.

Die IMSA reagiert mit einer radikalen Maßnahme: Tankrestriktoren gehören nun gänzlich der Vergangenheit an, stattdessen gibt es fest vorgeschriebene Mindeststandzeiten in allen Klassen. Jeder Boxenstopp muss nun mindestens 30 (Prototypen), 34 (GTLM) beziehungsweise 40 Sekunden (GTD) dauern. Das würde einen späten Splash-&-Dash sehr schmerzhaft machen, sodass der Spriteffizienz in Sebring eine noch größere Bedeutung zukommen wird.

#86 Michael Shank Racing Acura NSX, GTD: Katherine Legge, Alvaro Parente, Trent Hindman, A.J. Allmendinger, pit stop
#86 Michael Shank Racing Acura NSX, GTD: Katherine Legge, Alvaro Parente, Trent Hindman, A.J. Allmendinger

Foto: LAT images / Michael L. Levitt

Auch Continental hat nach zahlreichen Reifenschäden in Daytona reagiert. Nachdem die IMSA den Vertrag mit Conti über 2018 hinaus nicht verlängert hat, wurden Informationen von 'Motorsport.com' zufolge in Daytona Restbestände aus einem alten Lager verwendet, die weg mussten. Ralf Jüttner von Joest konnte es nicht fassen: "Unglaublich, was dort los war. Da kommt nach den vielen Schäden plötzlich einer von Continental und sagt zu uns, wir sollten ab sofort 30 PSI (2,07 bar) Warmdruck fahren. Sind die völlig Banane oder was?"

Nun wird ein neuer Reifen für Prototypen und GTD-Fahrzeuge eingeführt. Eine neue Generation Regenreifen für die beiden Klassen hatte bereits in Daytona debütiert. Die Reifen sind auf die höheren Kurvengeschwindigkeiten der Prototypen zugeschnitten. Mit der neuen LMP2-Generation von 2016 waren diese deutlich gestiegen. Continental hat seit 2010 Grand-Am und IMSA mit Reifen beliefert. Sie gaben selten Grund zur Klage.

Zeitplan 12 Stunden von Sebring 2018 (Alle Zeiten MEZ)

Donnerstag, 15. März
16:00 - 17:00 Uhr - 1. Freies Training
20:10 - 21:10 Uhr - 2. Freies Training

Freitag, 16. März
00:35 - 02:05 Uhr - 3. Freies Training (Nacht)
13:00 - 14:00 Uhr - 4. Freies Training
17:30 - 18:35 Uhr - Qualifying

Samstag, 17. März
15:40 Uhr: Rennstart
03:40 Uhr: Zieleinlauf

Achtung: Weil die USA bereits auf Sommerzeit umgestellt haben, beträgt die Zeitverschiebung nach Sebring nur fünf Stunden.

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Artikel-Info

Rennserie IMSA
Event 12h Sebring
Ort Sebring International Raceway
Urheber Heiko Stritzke
Artikelsorte Vorschau