"Die größere Trophäe ...": Mick Schumacher und sein erstes Indy 500
Nach tagelangen Trainings und "nicht ganz nach Plan" verlaufenem Qualifying wird es für Mick Schumacher ernst: Was er von seinem ersten Indy 500 erwartet
Mick Schumacher bestreitet am Sonntag erstmals das Indianapolis 500
Foto: Penske Entertainment
Mick Schumacher ist bereit für sein erstes Indy 500. Nach zwei Testtagen, sechs Trainingstagen und einem aus seiner Sicht nicht optimal gelaufenen Qualifying auf dem Indianapolis Motor Speedway fühlt sich Schumacher als 27. in der Startaufstellung gerüstet, die 200 Rennrunden des "Greatest Spectacle in Racing" am Sonntag in Angriff zu nehmen (Zeitplan, Starterliste, Streckendaten, Hintergründe, Livestream, TV: Alle Informationen zum Indy 500 der IndyCar-Saison 2026).
"Es ging los mit dem Open-Test", denkt Schumacher in seiner Vorausschau auf das Rennen zunächst an den zweitägigen Indy-500-Vortest zurück. Der ging Ende April über die Bühne und bei dieser Gelegenheit drehte der Indy-500-Rookie aus Deutschland seine ersten Runden überhaupt auf dem weltberühmten 2,5-Meilen-Oval.
Das obligatorische "Rookie Orientation Program" (ROP) absolvierte Schumacher am ersten der zwei Testtage mit Erfolg. Anschließend ging es für ihn darum, die Eigenheiten des Indianapolis Motor Speedway und des Fahrens auf einem Superspeedway im Detail zu erfahren. Nicht nur Runden in Alleinfahrt, auch Runden im Verkehr, waren ein Thema.
An den vier Tagen der ersten Trainingswoche (Dienstag bis Freitag der vergangenen Woche) hat Schumacher eigener Aussage zufolge "eine Menge Daten gesammelt. Wir konnten Rennsimulationen fahren und wir konnten Qualifying-Simulationen fahren. Das war im Sinne der Vorbereitung natürlich großartig".
Das 500-Meilen-Rennen am Sonntag wird für Schumacher zwar sein erstes Indy 500, nicht aber sein erstes Ovalrennen. Schon Anfang März auf dem Ein-Meilen-Oval in Phoenix ist ihm eines aufgefallen: "Das Intuitivste für mich war es, so sanft wie möglich zu fahren. Da ich aus Europa komme, wo man auf ganz bestimmte Art und Weise auf die Reifen achtgeben muss, habe ich das Gefühl, dass mir das hier wirklich geholfen hat."
"Alles, was du im Auto machst, muss sehr sanft passieren", beschreibt Schumacher das Ovalfahren. Etwas, woran er sich an den Trainingstagen in Indianapolis viel mehr noch als in Phoenix gewöhnen musste, das ist die sogenannte "Dirty Air", also die Luftverwirbelungen von vorausfahrenden Autos.
Was Mick Schumacher in den Freien Trainings gelernt hat
Nach mehreren Tagen auf dem Indy-Oval weiß er jetzt: "Die Luftverwirbelungen sind ziemlich heftig. Es ist schwierig, den Abstand zu kontrollieren und sicherzustellen, dass sich das Auto im richtigen Moment gut anfühlt. Es ist schwierig, das Timing so hinzubekommen, dass man einen guten Run hinlegen kann. Und je weiter hinten man im Feld ist, umso schwieriger ist es nochmals."
In diesem Lernprozess konnte und kann sich Mick Schumacher auf zahlreiche Tipps und Ratschläge innerhalb des Teams Rahal Letterman Lanigan Racing (RLL) verlassen. Handelt es sich bei RLL bei allen IndyCar-Saisonrennen mit Ausnahme des Indy 500 um ein Drei-Wagen-Team, so tritt man beim Saisonhöhepunkt als Vier-Wagen-Team an.
Neben seinen Teamkollegen Graham Rahal, Louis Foster und Takuma Sato, von denen insbesondere Rahal und Teilzeitstarter Sato jede Menge Indianapolis-Erfahrung besitzen, stehen für Schumacher außerdem Teambesitzer Bobby Rahal, Gavin Ward als Berater bei RLL, und nicht zuletzt Ryan Briscoe als Fahrercoach mit Rat und Tat parat.

Mick Schumacher mit Fahrercoach Ryan Briscoe, Indy-500-Polesetter von 2012
Foto: Geoff Miller / Lumen via Getty Images
Allerdings gibt Schumacher offen zu: "Viele haben mir Tipps und Tricks angeboten und viele davon waren auch hilfreich. Aber natürlich ist es auch einer dieser Wochenenden, wo man selber seine Erfahrungen sammeln muss und schauen muss, dass die Sachen, die für einen gut sind, sich gut anfühlen, sodass man die auch benutzen kann. Und die Sachen, die vielleicht nicht so relevant sind, dass man die dann einfach ein bisschen an die Seite legt und einfach die Erfahrung selber sammelt."
Qualifying lief für Mick Schumacher "nicht ganz nach Plan"
Eines anderes Teammitglied, das Schumacher mit jeder Menge Tipps und Tricks zur Seite steht, ist sein Renningenieur. Dabei handelt es sich in diesen Tagen aber nicht um Eddie Jones, mit dem er an den Rennwochenenden im Barber Motorsports Park (Ende März), in Long Beach (Mitte April) und auf dem Indianapolis-Rundkurs (Anfang Mai) zusammengearbeitet hat.
Denn weil Jones für das Indy 500 planmäßig auch in diesem Jahr wieder als Renningenieur für Takuma Sato fungiert, hat Schumacher auf dem Indianapolis-Oval seit dem zweitägigen Indy-500-Vortest einen anderen Renningenieur. Es handelt sich um Andy Brown. Der Werdegang des Briten umfasst neben zwei Stationen in der Formel 1 (March und Brabham) nicht zuletzt namhafte IndyCar-Teams, allen voran Chip Ganassi Racing sowie der heute nicht mehr existente, aber ebenfalls mit Titelgewinnen versehene Rennstall Panther Racing.
"Er besitzt eine immense Erfahrung, die ich nutzen kann. Das ist natürlich großartig", sagt Schumacher über Andy Brown und verweist darauf, dass der vorübergehende "Absprung" von Eddie Jones ans Auto von Takuma Sato "im Voraus so geplant war".

Im Qualifying schnitt Mick Schumacher nicht so ab wie er gehofft hatte
Foto: Penske Entertainment
"Nur leider", bekennt Schumacher, "lief es im Qualifying nicht ganz nach Plan." Im Q1-Segment, das am vergangenen Wochenende aufgrund von Dauerregen von Samstag auf Sonntag verschobenen werden musste, fuhr Schumacher zunächst auf den 28. Startplatz. Daraus ist in der offiziellen Startaufstellung der 27. Startplatz geworden, weil Rookie-Kollege Caio Collet (Foyt-Chevrolet) im Nachgang zum Qualifying bestraft wurde (Details zu den Strafen für Caio Collet und für Jack Harvey).
Was bei Schumacher im Qualifying im Detail schiefgelaufen ist, das will er nicht verraten. Er sagt nur so viel: "Wir haben es nicht ganz hinbekommen. Es gab hier und da ein paar Dinge, bei denen wir festgestellt haben, die sie nicht zu hundert Prozent gepasst haben. Nach einer Analyse wissen wir, was passiert ist. Wir wissen, was nicht richtig gelaufen ist. Das ist etwas, was ich nicht preisgeben werde, aber im Endeffekt hat es uns ein paar Zehntel an Speed gekostet."
Mit Graham Rahal: Mick Schumacher plant die Fahrt nach vorn
"Ich denke aber", so Schumacher weiter, "wir haben ein gutes Verständnis dafür, was wir tun müssen, um im Rennen besser abzuschneiden, um hoffentlich durch das Feld nach vorne zu kommen. Idealerweise wären wir gerne weiter vorne, aber hey, wir müssen das Beste daraus machen. Ich denke, es wird ein langes Rennen. Es sind 200 Meilen, also gehen wir es an".
Platz 27 in der offiziellen Startaufstellung zur 110. Auflage des Indy 500 bedeutet für Schumacher, dass er sich beim fliegenden Start in der neunten der elf Startreihen befinden wird. Trotz dieser nicht optimalen Ausgangslage fühlt sich der Rookie aus Deutschland bereit für das, was am Sonntag auf ihn wartet.
"Ich denke, die Herangehensweise wird die gleiche sein wie immer. Das heißt, wir werden versuchen, unser Paket optimal zu nutzen. Wir werden versuchen, unsere Strategie optimal zu gestalten, um sicherzustellen, dass wir nicht auf dem falschen Fuß erwischt werden. Das ist es, worauf es meiner Meinung nach ankommt", so Schumacher.

Mick Schumacher und Graham Rahal (blaues Shirt) starten nah beieinander
Foto: Penske Entertainment
Was die Startaufstellung betrifft, so hat Schumacher einen seiner drei Teamkollegen in direkter Nähe: Graham Rahal startet von P28 und somit schräg hinter ihm. Während Schumacher auf der Außenbahn von Reihe 9 Aufstellung nimmt, reiht sich Rahal auf der Innenbahn von Reihe 10 auf. "Wir starten in unmittelbarer Nähe. Das wird uns sicherlich helfen, gemeinsam etwas zu probieren. Hoffentlich können wir gemeinsam durch das Feld nach vorne kommen", so Schumacher.
Was für Mick Schumacher am Sonntag ein Erfolg wäre
Am Freitag, dem letzten Trainingstag vor dem Rennen, präsentierte das Rahal-Team kurzerhand einen neuen Hauptsponsor für Schumachers erstes Indy 500. Es handelt sich um das Großhandelsunternehmen Würth, das seinen Sitz in Deutschland hat. Eines der Hauptgeschäftsfelder ist die Fertigung von Werkzeugen. Im Abschlusstraining am Freitag war Schumacher erstmals mit dem Würth-Design an seinem Rahal-Honda mit der Startnummer 47 unterwegs.
Und was wäre für Mick Schumacher in seinem ersten Indy 500 ein Erfolg? "Wichtig ist für uns, Erfahrungen zu sammeln und zu schauen, dass wir alle Punkte abarbeiten, die uns wichtig sind. Einfach, dass wir am Ende des Rennens sagen können, wir haben alles gegeben, wir haben alles probiert und wir haben keinen Schritt ausgelassen, der wichtig war, um uns für dieses spezielle Rennen vorzubereiten."
"Es kann so viel passieren, es sind so viele Boxenstopps, die wir machen. Und im Endeffekt gehört auch ein bisschen Glück dazu, zur richtigen Zeit in der richtigen Position zu sein, um dieses Rennen zu gewinnen. Hoffentlich sind wir in dieser Position und können unser bestes Resultat hier einfahren."

Mick Schumacher in der Boxengasse des Indianapolis Motor Speedway
Foto: Penske Entertainment
Soll heißen, Schumacher, dessen bestes Ergebnis aus seinen bislang sechs IndyCar-Rennen in 17. Platz aus Long Beach ist, schließt beim Saisonhöhepunkt in Indianapolis den ganz großen Wurf, nämlich den Indy-500-Sieg als Rookie, nicht aus?
"Ich würde sagen, absolut", antwortet Schumacher auf die Frage, ob es möglich sei, als Rookie in Indianapolis zu gewinnen. Eine von außen betrachtet realistischere Zielsetzung dürfte es zwar sein, im Rennen als bestplatzierter der Rookies im Feld abzuschneiden. Aber Schumacher legt noch einmal nach. Als er in dieser Woche gefragt wurde, ob es nicht großartig wäre, die Rookie-Trophäe beim diesjährigen Indy 500 abzugreifen, antwortet er trocken: "Die größere Trophäe wäre mir lieber."
Rookie-Sieger beim Indy 500, die hat es in der über 100-jährigen Geschichte des Rennens tatsächlich schon gegeben, wenn auch nicht allzu viele. Mal abgesehen von der Erstausgabe im Jahr 1911, bei der de facto das gesamte Starterfeld aus Indy-500-Rookies bestand, haben den Sieg im ersten Anlauf im "Brickyard" neun Fahrer geschafft: Jules Goux (1913), Rene Thomas (1914), Frank Lockhart (1926), George Souders (1927), Louis Meyer (1928), Graham Hill (1966), Juan Pablo Montoya (2000), Helio Castroneves (2001) und vor zehn Jahren der bislang letzte Rookie-Sieger: Alexander Rossi (2016).
Übrigens: Eine der zahlreichen Traditionen beim Indy 500 ist es, dass alle 33 für das Rennen qualifizierten Piloten an den Tagen vor dem Rennstart angeben müssen, welche Art von Milch ihnen im Falle des Sieges in der Victory Lane gereicht werden soll. Schumacher hat sich diesbezüglich auf Vollmilch festgelegt, wie der Großteil des diesjährigen Starterfeldes. Hingegen haben zwei seiner drei Teamkollegen, nämlich Graham Rahal und Takuma Sato, eine abweichende Milch-Wahl getroffen.
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