Nico Hülkenberg im IndyCar: Überrascht von "Lenkmonster" und Aeroscreen

Eine Sekunde Rückstand, vor allem aber viel Lob von McLaren SP und wertvolle Erfahrungen: Nico Hülkenberg bilanziert seinen IndyCar-Test - Zukunft noch offen

Nico Hülkenberg im IndyCar: Überrascht von "Lenkmonster" und Aeroscreen

Der IndyCar-Test mit fünf Teams am Montag im Barber Motorsports Park war für Nico Hülkenberg das Debüt in einem Boliden der Top-US-Formelrennserie. Der langjährige Formel-1-Pilot und Le-Mans-Sieger von 2015 war für McLaren SP im Einsatz. Er fuhr einen Tag lang den McLaren-Chevrolet mit der Startnummer 7, das Stammauto von Felix Rosenqvist.

FOTOS: Nico Hülkenberg beim IndyCar-Test im Barber Motorsports Park

Nach 108 zurückgelegten Runden auf der anspruchsvollen Berg- und Talbahn in Birmingham im US-Bundesstaat Alabama zeigen sich sowohl Hülkenberg selbst, als auch McLaren SP zufrieden. Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit ist nicht ausgeschlossen, derzeit aber auch noch nicht bestätigt.

"Das erste Mal in einem IndyCar, das erste Mal im Barber Motorsports Park. Insgesamt, so glaube ich, war es ein guter und erfolgreicher Tag", so Hülkenberg. Eines, was ihm direkt auf seinen ersten Runden aufgefallen ist: "Ich kann bestätigen, dass diese Lenkmonster körperlich sehr anstrengend zu fahren sind. Ich habe am Vormittag eine Weile gebraucht, bis ich mich wohlgefühlt habe."

"Hulk" staunt über Kraftaufwand und kassiert Lob vom Team

Mit seiner Anmerkung "Lenkmonster" spricht Hülkenberg darauf an, dass die IndyCar-Boliden ohne eine Servolenkung daherkommen. Die Erfahrung, dass das Lenken im Vergleich zur Formel 1 deutlich mehr Kraft benötigt, machte im Frühjahr auch Romain Grosjean bei seinem ersten IndyCar-Test, der ebenfalls im Barber Motorsports Park über die Bühne ging.

Nico Hülkenberg beim IndyCar-Test für McLaren SP im Barber Motorsports Park

Im McLaren-Chevrolet von Felix Rosenqvist drehte Hülkenberg beim Barber-Test 108 Runden

Foto: IndyCar Series

Bei McLaren SP ist man von Hülkenbergs erstem Testtag angetan."108 Runden zu fahren, wie es Nico getan hat, ist schon eine Hausnummer", zeigt sich Teampräsident Taylor Kiel im Gespräch mit unserer englischsprachigen Schwesterplattform 'Motorsport.com' beeindruckt und stellt heraus, dass Hülkenberg "schon seit längerer Zeit kein Formelauto mehr bewegt hat und es daher definitiv eine Herausforderung war, hier einfach so reinzuspringen".

"Aber", so Kiel weiter, "er hat diese Herausforderung angenommen und einen wirklich guten Job abgeliefert. Er hat alles gemacht, was wir von ihm verlangt haben, und hat den ganzen Tag keinen einzigen Fehler gemacht. Es war also ein guter Tag. Wir haben unser Programm einfach Schritt für Schritt abgearbeitet und es war eine Freude, mit ihm zu arbeiten."

Anhand der Rückmeldungen, die McLaren-SP-Teampräsident Kiel sowohl während des Tests via Boxenfunk als auch in der persönlichen Nachbesprechung von Hülkenberg erhalten hat, "war es für ihn eine Freude, das Auto zu fahren". Von hohem Kraftaufwand, den die Lenkung erfordert, zeigte sich Hülkenberg laut Kiel "angetan, auf der anderen Seite aber auch ein bisschen schockiert".

Erschwerend hinzu kamen für möglichen künftigen IndyCar-Piloten aus Deutschland die äußeren Bedingungen. Die Lufttemperatur an der ohnehin schon körperlich anspruchsvollen Rennstrecke im US-Bundesstaat Alabama stieg am Montag auf bis zu 27 Grad Celsius, nachdem sie am Morgen noch bei 18 Grad Celsius gelegen hatte.

Patricio O'Ward beim Hülkenberg-Debüt vor Ort

Übrigens: Bei seinem ersten Einsatz für McLaren SP hatte Hülkenberg prominenten Beistand. Stammfahrer Patricio O'Ward, der die IndyCar-Saison 2021 für das Team mit zwei Saisonsiegen auf dem dritten Gesamtrang abgeschlossen hat, nachdem er beim Finale noch Titelchancen hatte, war am Montag als Beobachter vor Ort. Tags zuvor waren er und Hülkenberg noch am Circuit of The Americas in Austin (Texas) gewesen, um das dortige Formel-1-Rennen vor Ort zu erleben.

Patricio O'Ward

Stammfahrer Patricio O'Ward flog mit Hülkenberg von Austin zum Barber-Test

Foto: Motorsport Images

Einer der Aspekte, mit denen Hülkenberg die McLaren-SP-Truppe direkt zu überzeugen wusste, war die rasche Anpassung auf die für ihn neuen Abläufe. "Wenn du jemanden wie Nico, der international für sehr lange Zeit auf seinem sehr hohen Level gefahren ist, in eines der Rennautos setzt, dann musst du mit ihm trotzdem die Basics durchgehen, etwa den Ablauf eines Boxenstopps, wie das Auto zu fahren ist und wie es zu bedienen ist. Aber jemandem wie ihm erklärt man das einmal und dann hat er es verinnerlicht. Das erwartet man einfach von einem Fahrer seines Kalibers", so Kiel.

Das Kennenlernen lief in beiden Richtungen ab, wie der McLaren-SP-Teampräsident herausstellt: "Nico ist mit gebrauchten wie mit frischen Reifen gefahren, hat Quali-Simulationen und Longruns absolviert, war mit viel Sprit und mit wenig Sprit unterwegs. Wir haben das gesamte Programm abgespult, sodass er verstehen kann, wie diese Autos zu fahren sind, und auch uns als Team verstehen kann."

Taylor Kiel

McLaren-SP-Teampräsident Taylor Kiel lobt Hülkenberg nach dem Test in höchsten Tönen

Foto: Motorsport Images

"Gleichzeitig hat es uns die Möglichkeit gegeben, Nico als Fahrer zu verstehen. Auf Rundenzeiten habe ich überhaupt nicht geachtet, weil ohnehin jeder sein eigenes Programm hatte. Direktvergleiche sind da gar nicht möglich", so Kiel.

Fahren mit Aeroscreen eine Umstellung für Hülkenberg

Abgesehen von der für ihn ungewohnt schwergängigen Lenkung hatte Hülkenberg aber noch mit einer anderen Umstellung zu kämpfen. "Es gab ein paar Dinge, für die der Vormittag draufging, wie etwa der Aeroscreen. Ich hatte kaum Luftzufuhr im Cockpit und das bereitete mir am Vormittag Probleme", wird Hülkenberg von 'Racer' zitiert und weiter: "Daher war es ein bisschen schwierig und knifflig, mich vom körperlichen Gesichtspunkt her von Beginn an wohlzufühlen."

Nico Hülkenberg beim IndyCar-Test für McLaren SP im Barber Motorsports Park

Der Aeroscreen war für "Hulk" ebenso eine Umgewöhnung wie die Lenkung ohne Servo

Foto: IndyCar Series

Für die nahe Zukunft hat sich der 34-Jährige schon die eine oder andere Zusatzeinheit im Fitnessstudio vorgenommen. Der grundsätzliche Eindruck seines ersten IndyCar-Tests ist bei Hülkenberg aber positiv positiv. "Am Nachmittag kamen die Rundenzeiten und die Performance und es hat viel Spaß gemacht", bekennt der Deutsche, für den eigener Aussage zufolge "der Formel-1-Zug abgefahren ist".

In puncto Rundenzeiten reihte sich Hülkenberg in Reihen der fünf Piloten an fünfter Stelle ein. Sein Rückstand auf Indy-Lights-Vizechampion David Malukas (Coyne-Honda), für den es ebenfalls der erste IndyCar-Test war, betrug eine Sekunde. Wichtiger als der Rückstand ist für Hülkenberg und McLaren SP aber das beidseitige positive Gefühl.

Testbestzeit für David Malukas beim ersten IndyCar-Einsatz

Abgesehen von Malukas, der bei seinem ersten IndyCar-Test mit 1:06.398 Minuten auf Anhieb Bestzeit fuhr, und von Hülkenberg, dessen persönliche Bestzeit mit 1:07.455 Minuten notiert wurde, waren im Barber Motorsports Park noch der bei Ed Carpenter Racing gehandelte Ryan Hunter-Reay sowie die Andretti-Nachwuchspiloten Devlin DeFrancesco und Kyle Kirkwood im Einsatz. Sie reihten sich in dieser Reihenfolge auf P2 bis P4 der Zeitenliste ein.

David Malukas

Schnellster beim Barber-Test: David Malukas für Dale Coyne Racing

Foto: IndyCar Series

Hunter-Reay hat Andretti Autosport nach zwölf Jahren verlassen. Im Carpenter-Chevrolet mit der Startnummer 20, den er am Montag 100 Runden lang gefahren hat, könnte er in der IndyCar-Saison 2022 die Rundkurs-Rennen bestreiten. Bestätigt ist das aber noch nicht, weil sich auch Conor Daly weiterhin Chancen auf dieses Cockpit ausrechnet.

Indes steht DeFrancesco bei Andretti Autosport vor der Bekanntgabe als Nachfolger für James Hinchcliffe, der das Team genau wie Hunter-Reay inzwischen verlassen hat. Und Kirkwood, der in diesem Jahr für Andretti Autosport den Indy-Lights-Titel errungen hat, indem er sich gegen Malukas durchsetzte, macht sich ebenfalls Hoffnungen auf ein IndyCar-Cockpit 2022.

Kirkwood wird unter anderem bei Dale Coyne Racing für den Coyne-Honda mit der Startnummer 18 gehandelt. Für genau dieses Auto aber gilt inzwischen Malukas als der heißere Kandidat. Er drehte am Montag in diesem Auto mitsamt Tagesbestzeit sogar 136 Runden.

McLaren SP gibt Update zur Planung für drittes Auto

Was Hülkenberg betrifft, so meint McLaren-SP-Teampräsident Kiel, dass es einen weiteren Rundkurs-Test für ihn so schnell wohl nicht geben wird. "Wenn wir über einen weiteren Tag sprechen, dann müssten wir ihn wohl auf einem Oval fahren lassen, um seinen Appetit für Strecken wie Texas [Motor Speedway] oder Gateway [Motorsports Park] anzuregen. Wir wissen jetzt, welcher Typ Fahrer Nico ist und welches Talent er mitbringt. Ehrlich gesagt haben wir keinen ganzen Tag gebraucht, um zu realisieren: 'OK, dieser Kerl ist gut!'"

Nico Hülkenberg beim IndyCar-Test für McLaren SP im Barber Motorsports Park

Ob Hülkenberg mittelfristig auch Rennen für McLaren SP fährt, steht noch nicht fest

Foto: IndyCar Series

Ob Hülkenberg mittelfristig sogar zu Renneinsätzen für McLaren SP in der IndyCar-Serie kommen könnte, hängt allen voran davon ab, ab wann das Team ein drittes Auto an den Start bringen wird. Fest steht, dass für 2022 sowohl Patricio O'Ward als auch Felix Rosenqvist als Stammfahrer gesetzt sind.

Kiel formuliert den aktuellen Stand der Dinge zu einer Aufstockung des Teams so: "Wir müssen relativ bald ein paar Entscheidungen treffen. Wir haben aber den Luxus, dass wir es bis 2023 nicht geplant haben, ein [drittes] Auto auf Vollzeitbasis einzusetzen. Wir haben also ein bisschen Zeit, um Personal für ein drittes Auto zu evaluieren. Wir haben jeden Menge Anfragen von Fahrern vorliegen. Es liegt jetzt einfach an uns, alle Puzzleteile zusammenzufügen und unser Team darauf vorzubereiten, 2023 drei Autos einzusetzen."

Das heißt aber nicht, dass es 2022 überhaupt keinen dritten McLaren-Chevrolet im Feld geben wird. Allen voran für den Saisonhöhepunkt, das Indy 500 am 29. Mai, ist ein solcher Einsatz laut McLaren-Boss Zak Brown wieder fest vorgesehen. Schließlich hat man damit bereits Erfahrung. 2020 fuhr Fernando Alonso beim Indy 500 einen dritten McLaren-Chevy und kam auf P21 ins Ziel. 2021 fuhr Juan Pablo Montoya beim Indy 500 einen dritten McLaren-Chevy und kam auf P9 ins Ziel.

Denkbar ist laut Brown außerdem, dass McLaren SP in der IndyCar-Saison 2022 nach dem Indy 500 dann bei weiteren ausgewählten Rennen, möglicherweise auch auf Rundkursen, ein drittes Auto einsetzen wird. Ob dieses dann von Nico Hülkenberg oder einem anderen der interessierten Fahrer (unter anderem Stoffel Vandoorne) pilotiert wird, bleibt abzuwarten.

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Mit Bildmaterial von IndyCar Series.

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