Romain Grosjean im Interview: Warum er bei den IndyCars so aufblüht

Aus dem F1-Hinterbänkler wurde ein IndyCar-Star: In der Motorsport.tv-Show "This Week with Will Buxton" spricht Romain Grosjean über seine Karriere in den USA

Romain Grosjean im Interview: Warum er bei den IndyCars so aufblüht

In der Formel 1 fuhr Romian Grosjean mit Haas in den vergangenen Jahren fast ausschließlich im Hinterfeld. Nach seinem Wechsel in die IndyCar-Serie zum Team von Dale Coyne ist der 35-Jährige in dieser Saison wieder ein Kandidat für die vorderen Plätze.

Nach seiner ersten Poleposition und zwei zweiten Plätzen bei den beiden Rennen auf dem Straßenkurs von Indianapolis fuhr Grosjean am vergangenen Wochenende beim Lauf auf der Rennstrecke Laguna Seca als Dritter erneut auf das Podium - und begeisterte dabei mit spektakulären Überholmanövern vor der Corkscrew-Kurve, die an den legendären "The Pass" von Alessandro Zanardi erinnerten.

Im Interview mit 'Motorsport.tv' spricht Grosjean über seinen Wechsel in die USA und verrät nebenbei, dass er im kommenden Jahr eine komplette Saison inklusive der Ovalrennen und dem Indy 500 bestreiten will.

Rennen in Laguna Seca erinnerte an GP2-Zeiten

Frage: "Romain, schön, nach so einem aufregenden Wochenende mit Ihnen zu sprechen!"

Romain Grosjean: Ja, das war schon was. Laguna Seca ist an sich schon eine tolle Rennstrecke. Ich wollte dort schon immer mal ein Rennen fahren. Ich habe Anfang des Jahres dort getestet, ich fand es toll, bin für das Rennen zurückgekommen, und dann hat sich das Rennen natürlich sehr gut für uns entwickelt. Wir hatten eine gute Strategie, die mich an meine GP2-Tage erinnerte, als ich meine Reifen für das Ende des Rennens aufsparen musste."

Frage: "Es war beeindruckend anzuschauen und hat in der Tat an den Grosjean der GP2-Tage erinnert. Sie hatten dieses Jahr schon einige Podiumsplätze, aber dieser bedeutete Ihnen noch mehr, weil es so ein tolles Rennen war?"

Grosjean: "Ja, genau. Es war ein sehr, sehr spaßiges Rennen. Ich glaube, wir waren nahe dran, es zu gewinnen. Im letzten Stint sind wir ein bisschen auf Nummer sicher gegangen. Wir wollten nur 21 Runden auf den roten Reifen fahren, aber ich denke, dass wir 25 hätten fahren können, und vier Runden mehr hätten vielleicht einen ersten Sieg bedeutet."

"Aber egal. In Portland war ich wirklich nicht zufrieden mit mir. Ich habe einen Fehler gemacht. Es ist eine lustige Geschichte, ich habe Meter mit Fuß verwechselt. Ich sah die 300er-Tafeln, die ich für Meter hielt, also sagte ich, ich bremse jetzt. Aber es waren Fuß, also 91,2 Meter, was etwa 100 Meter zu spät für Kurve 1 ist. Es hat also nie geklappt!"

Frage: "Der Unterschied zwischen metrischem und und angloamerikanischen Maßsystem!"

Grosjean: "Es hat mich in Portland schwer erwischt, also wollte ich es in Laguna Seca gut hinbekommen. Im Qualifying wurde ich ein bisschen blockiert, ich war mit der Startposition nicht zufrieden, aber im Rennen hat es dann wirklich gut funktioniert."

Frage: "In Laguna konnte man sehen, wie sehr die Fans Sie lieben und Ihnen zugetan sind - wie gut fühlt sich das für Sie an, endlich die Anerkennung zu bekommen, die Sie verdienen?

Grosjean: "Ja, es war unglaublich. Ich denke, da ist meine Geschichte mit dem Unfall in Bahrain vergangenes Jahr, als ich aus dem Feuer kam. Dann entschied ich mich, bei den IndyCars zu fahren."

"Aber ich denke, jetzt ist es eher die Tatsache, dass die Leute die Art und Weise lieben, wie ich da draußen Rennen fahre, die Art und Weise, wie ich IndyCar wahrscheinlich angenommen habe, wie ich komme und es einfach genieße und Spaß habe. Ja, das Podium war unglaublich. Die Ovationen waren etwas, womit ich nie gerechnet hätte. Ich habe fast geweint. Und das passiert nicht sehr oft.

Frage: "Was hat Ihnen in diesem Jahr am meisten Spaß gemacht?"

Grosjean: "Ich denke, man kann sagen, ich blühe auf. Ich habe ein bisschen mehr Zeit für mich selbst, es gibt weniger Zwänge. Wir haben alle das gleiche Auto, das heißt, wir haben alle die Chance, um gute Positionen zu kämpfen."

"Dale Coyne ist ein kleines Team, aber wir haben drei Podiumsplätze erreicht und ich weiß nicht, wie viele Top-10-Platzierungen. Wir waren schon ziemlich oft dort oben. Und wenn mein Ingenieur mir sagt, dass wir im freien Training oder im Qualifying auf Platz 1 stehen, ist das einfach großartig."

IndyCar wie "Formel 1 der 1970er- oder 1980er-Jahre"

"Auch die Atmosphäre im Fahrerlager mit den anderen Fahrern ist großartig. Auf der Strecke fahren wir sehr hart, aber wenn wir dann aus dem Auto steigen, grillen wir am Abend, teilen uns ein Bier und machen Party. Ich schätze, das ist wahrscheinlich wie in der Formel 1 der 1970er- oder 1980er-Jahre, ich weiß es nicht. Es ist einfach etwas, was ich sehr genieße."

Frage: "Man spricht über Sie im nächsten Jahr, Alex Rossi schien Sie ziemlich leicht durchzulassen. Tut Ihnen Ihr neuer Teamkollege damit einen Gefallen?"

Grosjean: "Er hatte die blauen Flaggen! Wenn du mehr als eine Runde Rückstand auf das gesamte Feld hast, dann bekommst du die blaue Flagge. Und er hatte eine auf mich, deshalb hat er mich einfach vorbeigelassen!"

Frage: "Das lasse ich mal so stehen."

Grosjean: "War trotzdem ein guter Versuch!"

Frage: "Hätten Sie geglaubt, dass so kurz nach Ihrem Wechsel in die IndyCar-Serie schon so viel über Sie gesprochen wird?"

Grosjean: "Nein, wirklich, ich wusste nicht, was ich erwarten sollte. Am Anfang wusste ich nicht einmal, ob ich wieder Rennen fahren kann oder nicht. Würde meine Hand wieder in Ordnung sein? Würde mein Kopf in Ordnung sein, um Rennen zu fahren? Es gab also eine Menge Fragen, bevor wir die Saison begannen."

"Dieses Jahr war unglaublich. Ich bin sehr, sehr glücklich in meinem Job. Aber für die Familie ist es auch hart, denn ich war drei Wochen, einen Monat lang von meiner Frau und meinen Kindern getrennt. Es war wie ein... ich würde nicht sagen, ein Glücksspiel, aber es war definitiv ein Risiko, hierher zu kommen und nicht zu wissen, was mich erwartet. Im Moment kann ich Ihnen nur eines sagen: Wir sind super glücklich, dass ich in der IndyCar fahre."

"Meine Familie hat diesen Sommer eineinhalb Monate mit mir im Wohnmobil verbracht, und wir haben Amerika genossen. Wir haben im Schlagkäfig Baseball ausprobiert, waren bei Monstertruck-Rennen und haben NASCAR gesehen. Wir haben so viel Zeit mit Dingen verbracht, die wir sonst nie gemacht hätten. Ich denke, meine Familie sieht das als Geschenk an, das wir annehmen und genießen müssen."

2022 Umzug in die USA und Start beim Indy 500 geplant

Frage: "Werden Sie nächstes Jahr aus dem Wohnmobil ausziehen und sich einen dauerhaften Platz in den USA suchen?"

Grosjean: "Ich liebe mein Wohnmobil! Aber ich hätte nichts dagegen, einen Ort zu haben, an dem ich meinen Simulator aufstellen und mit meinen E-Sport-Fahrern spielen kann! Also ja, wir werden mit meiner ganzen Familie in die USA ziehen. Das ist ein neues Kapitel in unserem Leben, ein neues Abenteuer. Aber wir freuen uns alle darauf."

Frage: "Gibt es etwas, das Sie aus dem F1-Fahrerlager vermissen? Sie können ruhig sagen, dass ich Ihnen dumme Fragen stelle."

Grosjean: "Ich vermisse Will Buxton, ganz sicher! Ja, es gibt ein paar Leute, die ich vermisse, mit denen ich schon sehr lange zusammen war. Die Formel 1 ist die Formel 1, sie ist das höchste Niveau im Motorsport, sie ist das schönste Auto, wenn man so will. Deshalb sage ich immer, dass ich nichts in meinem Leben bereue. Wenn ich heute hier stehe und gut im Rennen bin, dann auch deshalb, weil ich zehn Jahre in der Formel 1 verbracht und viel gelernt habe, und weil ich auf höchstem Niveau gefahren bin."

Ich habe neulich eine Liste aufgestellt: Schumacher, Alonso, Vettel, Hamilton, all die Fahrer, gegen die ich gefahren bin, das ist unglaublich. Ich habe die Formel 1 sehr genossen. Es gibt also definitiv Dinge, die ich vermisse, aber wissen Sie, jetzt ist das Kapitel für mich abgeschlossen und ich bin sehr glücklich, wo ich bin."

Romain Grosjean und Scott Dixon beim Rennen der IndyCar-Serie in Laguna Seca 2021

Romain Grosjean und Scott Dixon beim Rennen der IndyCar-Serie in Laguna Seca

Foto: Motorsport Images

Frage: "Wird es nächstes Jahr, egal wo Sie landen, eine volle Saison mit Ovalen und dem Indy 500 geben?"

Grosjean: "Ja, ja, nächstes Jahr wird es eine volle Saison sein. Ich habe mich an die Ovalrennen gewöhnt. Sie unterscheiden sich sehr von allen anderen Rennen, die ich bisher gefahren habe. Sie sind sehr spezifisch."

"Das ist etwas, das man wirklich respektieren muss. Aber das Indy 500 ist etwas Einzigartiges. Fragen Sie Fernando Alonso, fragen Sie viele Fahrer, die das Rennen bestritten haben. Ich denke, es ist einfach eines dieser Rennen, bei denen man versuchen will, mitzuhalten. Also ja, ich werde nächstes Jahr die komplette Meisterschaft fahren."

Das Interview führte Will Buxton in der Sendung "This Week with Will Buxton", die exklusiv auf Motorsport.tv zu sehen ist, dem Video- und Livestream-Portal unseres Mutterkonzerns Motorsport Network.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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