Schumacher in der IndyCar: Veteran enthüllt krasse Unterschiede zur F1
Zwischen 400 Kilometer pro Stunde und fehlendem Glamour - So hart ist die Umstellung für Mick Schumacher wirklich - Ein Insider spricht über den US-Rennsport
Mick Schumacher in der IndyCar-Serie: Kein Glamour wie in der Formel 1
Foto: Penske Entertainment
Motorsport-Veteran Jörg Müller beleuchtet den Einstieg von Mick Schumacher in die IndyCar-Serie 2026. Laut dem Deutschen, der selbst für Schumachers Team Rahal Letterman Lanigan (RLL) im GT-Sport angetreten ist, ist die US-Formelserie eine Chance für den Youngster, nach seinen Einsätzen in der Formel 1 und Langstrecken-WM (WEC) eine gute Karriere im Motorsport aufzubauen.
Doch was braucht es, um in der IndyCar-Serie erfolgreich zu sein? "Selbiges wie in Europa: 'Pedal to the metal', schnell sein, gut mit dem Team und den Ingenieuren arbeiten", analysiert Müller gegenüber dem Kicker. "Es sind Einheitsautos, die bei allen Teams recht bekannt sind."
Im Vergleich zur Königsklasse braucht es deshalb einen anderen Ansatz: "Da hast du wahrscheinlich nicht mehr so viel Entwicklungsarbeit wie in der Formel 1, wo die Autos ein ganzes Stück komplizierter und fragiler sind. Aber du musst trotzdem mit deinen Ingenieuren zusammenarbeiten und extrem schnell lernen, gerade was das Ovalfahren angeht. Es bringt ja nichts, wenn du nur auf den Rundkursen schnell bist und die Punkte auf den Ovalen liegen lässt."
Mehr Offenheit, weniger Glamour
Doch nicht nur die Autos und Strecken sind anders als im Haifischbecken Formel 1, sondern auch die Atmosphäre und das Drumherum unterscheiden sich massiv vom Glamour der Königsklasse. "Ich glaube, du musst auf jeden Fall Abstriche machen, was die Qualität der Teams angeht", sagt er. Der US-Rennsport legt nicht ganz so viel Wert auf Catering, VIP und diesen ganzen Kram."

Jörg Müller hat einen IndyCar-Test damals vor Ort abgesagt
Foto: Walkenhorst Motorsport
"Die sind eher für die Fans da", so der Vorteil der IndyCar. "Nach außen hin sieht es nicht ganz so gut aus. Wenn du in so einem Fahrerlager bist, ist das eher auf dem Niveau der deutschen Formel 3. Das war zumindest zu meiner Zeit so, als ich auch für Rahal Letterman in der American Le Mans Series gefahren bin und die IndyCar mal besucht habe."
"Da stehen ein, zwei ältere LKWs, und das ist weit weg von der Formel 1, was das Außenbild im Fahrerlager angeht", meint Müller. Natürlich hat sich die IndyCar-Serie stets weiterentwickelt und bietet seit vielen Jahren eine sehr professionelle Infrastruktur, die jedoch für die Fans offener gestaltet ist als in der Formel 1.
Eine Chance, sich zu beweisen
Über den Schritt von Schumacher, es in den USA zu versuchen, sagt Müller: "Solange du als Rennfahrer eine Chance hast, in irgendeiner konkurrenzfähigen Meisterschaft zu fahren, warum nicht? Ich wäre wahrscheinlich auch in die IndyCar gegangen."
Müller selbst hätte es auch einmal fast in die IndyCar gezogen, das war aber Ende der 1990er-Jahre: "Bei mir war es eher so, dass ich einen Test abgesagt habe, weil es mir zu gefährlich war, was die da aufgeführt haben. Deshalb sage ich ja, das ist alles ein bisschen anders als in Europa. Ich sollte damals für Bettenhausen in Homestead testen."
"Da stand dieses geile IndyCar-Auto, und zwei Mechaniker wollten mir einen Sitz machen, indem sie ein bisschen Schaumstoff rechts und links reinstopfen", erinnert er sich. "Da habe ich dann damals Dr. Marko angerufen und gesagt: 'Herr Doktor, das mache ich nicht. Mit 400 Kilometern pro Stunde durch ein Oval ballern mit irgendeinem zusammengestopften Schaumstoff-Sitz, das mache ich nicht.' Dann war das Thema für mich auch geklärt."
US-Rennsport eine andere Liga
Auch an seine RLL-Zeit erinnert er sich zurück: "Du kannst es nicht mit deutschen Teams vergleichen. Ich bin davor in Amerika mit Schnitzer Motorsport gefahren und 2001 Meister in der American Le Mans Series geworden. Danach bin ich einige Rennen für Rahal Letterman gefahren, und es gab riesengroße Unterschiede in der Qualität, der Vorbereitung, dem Team-Running und der Organisation."
"Ich habe mich beim Team sehr wohlgefühlt, aber der ganze amerikanische Motorsport ist auf einem anderen Level als in Europa, was Organisation und Vorbereitung angeht."
"Was mir in Amerika besser gefällt, ist, dass es im Fahrerlager wesentlich offener ist", so Müller über die Sonnenseite des US-Rennsports, der sich seit den 1990er-Jahren aber deutlich entwickelt hat. "Du hast wesentlich mehr Kontakt zu den Fans, das war immer eine sehr schöne Sache."
Fans kommen nah heran
"Wenn du in Sebring durchs Infield läufst, ist das unglaublich", sagt er. "Ansonsten sind die Strecken natürlich ein ganzes Stück gefährlicher und nicht unbedingt auf dem europäischen Standard, wie zum Beispiel Sebring. Die großen Ovale sind auch alle ein bisschen heikler als nach den FIA-Standards in Europa.
IndyCar hat auch in Sachen Sicherheit mächtig zugelegt. Die Autos sind hochentwickelt und mit Aeroscreen gibt es in den USA sogar ein eigene Version des Cockpitschutzes - als Gegenspieler zum Halo.
"Na ja gut, aber du bist trotzdem mit fast 400 Sachen unterwegs", sagt Müller. Die Formel 1 fährt mittlerweile auch 330, 340 Kilometer pro Stunde, aber wenn die vom Gas gehen, haben die so viel Abtrieb, da schlägt dir der Helm vorn ans Lenkrad."
Keine Rückkehr in die Formel 1?
"Das hast du im IndyCar nicht, das sind ja rasende Pfeile", so Müller weiter. "Ich will nicht sagen, dass es gefährlich ist. Es ist sehr viel für die Sicherheit getan worden, keine Frage. Aber mir persönlich wäre es zu heikel."
Für Schumacher sieht der heute 56-Jährige jedoch eine große Chance, sich zu behaupten: "Es sind ja ganz viele gute Jungs nach Amerika gegangen, die dort Meister geworden sind, ob es nun zu meiner Zeit ein Kenny Bräck war oder ein Juan Pablo Montoya. Das sind alles Jungs, die aus der europäischen Szene kamen und dort extrem erfolgreich waren."
"Ob du von da aus wieder in die Formel 1 kommst, wage ich aber schwer zu bezweifeln", so sein Fazit. "Wenn du da einmal drüben bist, ist der Schritt zurück schwierig. Zur Persönlichkeitsentwicklung kann ich nichts sagen. Mick ist, glaube ich, sehr international aufgewachsen und war schon oft genug in Amerika. Ob sich seine Persönlichkeit da weiterentwickelt? Dazu kann ich keine Aussage machen." Immerhin versucht Colton Herta aktuell, den Weg aus der IndyCar in die Formel 1 zu schaffen.
Ovalrennsport: Eine eigene Disziplin
In Phoenix hat Schumacher auf dem Oval mit Startplatz vier für Furore gesorgt, im Rennen fiel er wegen eines defekten Schlagschraubers bei einem Boxenstopp aus der Führungsrunde und damit auf Rang 18 zurück. Dennoch hat er sich in seinem ersten Ovalrennen gut geschlagen.
"Die Europäer sind nicht mit diesem Oval-Rennsport aufgewachsen, und das ist eine ganz, ganz schwierige Sache", so Müller über den Ritt auf der Rasierklinge im Nudeltopf. "Auf den normalen Rundstrecken werden sie sich leicht tun, das ist der Motorsport, den du auch in Europa machst."
"Aber das Ovalfahren, dieses ganze Slipstreaming, das ist so heikel. Das solltest du schon in deiner Jugend lernen. Es ist nicht einfach, da hinzugehen und in so einem Oval mitzufahren. Du musst dich mit den Fahrerkollegen gut verstehen, weil du im Endeffekt nur im Pulk fahren kannst. Wir haben das nie gelernt."
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