20 PS zu viel? Abt nach Platz zwei bei 24h Nürburgring vor Disqualifikation!
Stundenlange Prüfstand-Tests, Verzögerungen, auffällige Topspeeds und brisante Messwerte: Wieso der Abt-Lamborghini bei der Nachuntersuchung durchfiel
Beim zweitplatzierten Abt-Lamborghini gab es Unregelmäßigkeiten bei der Leistung
Foto: Abt Sportsline
Abt droht nach Platz zwei die Disqualifikation beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring: Wie Motorsport-Total.com aus mehreren übereinstimmenden Quellen erfahren hat, stimmte am Dienstag bei einer Untersuchung auf dem Rollenprüfstand die Motorleistung des Lamborghini Huracan GT3 Evo2 mit der Startnummer 84 nicht mit den Referenzwerten überein. Diese wurden dort im Vorfeld des Rennens festgelegt und für die Erstellung der Balance of Performance (BoP) genutzt.
Das bestätigt auch ein Sprecher des 24h-Rennens: "Im Rahmen einer Routineuntersuchung von insgesamt sechs GT3-Fahrzeugen (SP9-Klasse) wurden am Lamborghini Huracan GT3 Evo2 mit der #84 des Red-Bull-Teams Abt Unregelmäßigkeiten festgestellt. Bei den Untersuchungen der anderen fünf Fahrzeuge von Aston Martin, BMW, Ford, Mercedes-AMG und Porsche unter anderem auf einem Rollenprüfstand zur Leistungsmessung gab es in den Tagen nach der Veranstaltung keine Beanstandungen."
Der Bericht der Technischen Kommissare sei inzwischen "den Sportkommissaren übermittelt" worden, "die in den nächsten Tagen zusammentreten und Vertretern des Teams die Gelegenheit geben werden, sich zu dem Vorfall zu äußern. Bis dahin bleibt das Ergebnis des Rennens vorläufig." Abt möchte zu diesem Thema "aktuell keinen Kommentar abgeben", teilt ein Sprecher des Teams mit.
20 PS zu viel? Wieso der Abt-Lamborghini an Messung scheiterte
Man hört von rund 20 PS, die der von Mirko Bortolotti, Patric Niederhauser und Pole-Setter Luca Engstler pilotierte Bolide im Red-Bull-Design über den Referenzwerten liegen soll. Demnach würde sich die Motorleistung außerhalb der Toleranz bewegen, die laut dem Reglement zwei Prozent beträgt, um auch eine mögliche Streuung bei den Motoren zu berücksichtigen. Bei geschätzten 500 PS würde die Toleranz zehn PS ergeben.
Da der Abt-Lamborghini #84 am Dienstag nach dem 24-Stunden-Rennen als einziges von sechs ausgewählten Autos nicht überprüft werden konnte, wurde die Messung um eine Woche verschoben. Ursache soll eine defekte Kupplung gewesen sein.
Direkt nach dem 24h-Rennen waren die bestplatzierten Fahrzeuge der sechs stärksten Hersteller verplombt, auf einen Abschlepphänger geladen und für eine Nachuntersuchung gesichert worden. Dabei handelte es sich um den siegreichen Winward-Mercedes #80, den Abt-Lamborghini #84 (2.), den Walkenhorst-Aston-Martin #34 (3.), den Rowe-BMW #99 (4.), den Lionspeed-Porsche #24 (6.) und den HRT-Ford #67 (8.).
Abt-Lamborghini in abgesperrtem Bereich: Gab es Verdacht?
Die Teams erhielten erst zwei Tage später beim Rollenprüfstand von McChip in Mechernich - 50 Kilometer vom Nürburgring entfernt - wieder Zugriff auf ihre Fahrzeuge, um diese für die Überprüfung mit den nötigen Anbauteilen zu versehen. All das passierte unter strenger Aufsicht der Verantwortlichen des ADAC Nordrhein. Die Autos wurden dann in Timeslots von 10 Uhr Vormittag bis in die Abendstunden auf dem Prüfstand vermessen.

Auf dem Rollenprüfstand von McChip in Mechernich wurden die Boliden überprüft
Foto: McChip
Augenzeugen berichten, dass der Abt-Lamborghini als einziges Auto den ganzen Tag lang nicht zu sehen war und offenbar in einem abgesperrten Bereich gesichert wurde - weil die Verantwortlichen bereits einen Verdacht hatten?
Nachdem es bei den ersten fünf Fahrzeugen keine Unregelmäßigkeiten gab, wurde der Test beim Abt-Lamborghini abgebrochen. Beim Fahrzeug, das am Abend als Letztes auf die "Rolle" musste, wurde - wie man hört - beim Warmlaufen eine kaputte Kupplung festgestellt.
Verschiebung um eine Woche und schwierige Überprüfung
Die Kupplung muss auf dem Rollenprüfstand funktionieren, da beim "Ausrollen lassen" noch einmal die Leistung des Fahrzeugs berechnet wird. Nach dem Abbruch wurde das Fahrzeug versiegelt, von einem Abschleppunternehmen abgeholt und weggesperrt, um es eine Woche später - am Dienstag nach dem DTM-Wochenende in Zandvoort - erneut zu überprüfen.
Der Wechsel der Kupplung wurde am Montag von Abt-Mechanikern unter Aufsicht durchgeführt, am folgenden Tag musste das Team dann um 14 Uhr erneut beim McChip-Rollenprüfstand antreten. Wenn alles nach Plan läuft, dauert die Überprüfung bei einem Saugmotor-Fahrzeug wie dem Lamborghini weniger als eine Stunde. Um 18 Uhr wurde laut Informationen von Motorsport-Total.com aber immer noch gemessen.
Das liegt daran, dass Unregelmäßigkeiten aufgetaucht sind. Am Mittwochmorgen wurde der Vorgang fortgesetzt, da die Außentemperatur am Dienstag deutlich höher war als bei der Referenzmessung im Jahr 2025, doch wegen eines technischen Problems beim Fahrzeug kam es zu keinem Ergebnis. Eine hohe Lufttemperatur - wie bei der entscheidenden Messung - würde in diesem Fall aber eher Abt entgegenkommen, da die Motoren bei Hitze Leistung verlieren.
Laut Augenzeugen war der Abt-Lamborghini danach auf einem Abschleppwagen wieder auf dem Weg Richtung Nürburgring. Man darf davon ausgehen, dass das Auto erneut gesichert wurde, da man - je nachdem, wie es nun weitergeht - möglicherweise weitere Untersuchungen machen muss.
Datenvergleich: Zeigte die ungünstigere BoP keine Wirkung?
Auffälligkeiten waren von den Verantwortlichen bereits in den Renndaten festgestellt worden, da die Geschwindigkeiten für den durch die BoP vorgeschriebenen Luftmengenbegrenzer offenbar zu hoch waren - und zwar bei beiden Abt-Lamborghinis und dem privat eingesetzten Konrad-Lamborghini.
Bei 20 Prozent der höchsten Topspeeds der jeweiligen Autos in Sektor 8 auf der Döttinger Höhe, die wegen eines potenziellen Windschattens repräsentativer sind als die maximalen Topspeeds, kommt der Abt-Lamborghini #84 auf einen Schnitt von 275,2 km/h. Und das, obwohl das Auto Donnerstagnacht in Qualifying 2 mit einem um 0,5 Millimeter größeren Restriktor - also mehr Motorleistung - nur 268 km/h erreichte.

Diesem Abt-Lamborghini droht nach Pole und Platz zwei im Rennen der Ausschluss
Foto: Gruppe C Photography
Die für den Lamborghini ungünstige BoP-Anpassung fand am Freitagmorgen statt - und zeigte offenbar nur bedingt Wirkung, denn auch im am Freitag ausgetragenen Top-Qualifying 3 kam der Abt-Lamborghini #84 auf einen Topspeed von 269 km/h. In 8:11.123 sprang dabei auch die erste Lamborghini-Pole beim 24h-Rennen heraus.
"Haben ein paar Tricks drauf": Auch Konrad-"Lambo" auffällig
Die auffälligen Topspeeds waren nicht nur beim Abt-Lamborghini zu sehen: Der Lamborghini Huracan GT3 Evo2 des Konrad-Teams, der zu Beginn des Rennens mit Maximilian Paul am Steuer äußerst stark aussah, kommt bei den 20 Prozent der höchsten Topspeeds von Sektor 8 auf einen Mittelwert von 276,6 km/h, nachdem das Auto vor der BoP-Änderung in Qualifying 2 auf maximal 266 km/h gekommen war.
Ein Instagram-Video von Federnhersteller H&R zeigt einen Dialog zwischen Teamchef Franz Konrad und Rennlegende Uwe Alzen, der ihn auf die ungünstige BoP-Änderung anspricht. "Auto geht trotzdem", antwortet die 74-jährige Teamchef-Legende aus Österreich. "Der halbe Millimeter tut uns nichts. Da haben wir ein paar Tricks für drauf, mach dir keine Sorgen. Den halben Millimeter gleichen wir wieder aus."
Eine Aussage, die für sich genommen nichts beweist, da Konrad keinen Hinweis auf illegale Tricks gibt, aber im Kontext ist sie durchaus interessant. Dass es nicht zu einer Nachuntersuchung kam, hat damit zu tun, dass das Fahrzeug nach einer Kollision des bulgarischen Gentleman-Piloten Pavel Lefterov in der Nacht ausschied.
Abt-Rundenzeiten um mehrere Sekunden schneller als Rivalen
Auch die Rundenzeiten der Abt-Lamborghinis im Rennen waren äußerst beeindruckend: Patric Niederhauser fuhr mit der #84 in 8:08.758 die schnellste Runde des Rennens - und war damit um 0,755 Sekunden schneller als Nicky Catsburg im grünen Abt-Lamborghini im Schaeffler-Design mit der Startnummer 130. Die drittschnellste Rundenzeit fuhr Christopher Mies im HRT-Ford in 8:11.247, während die beste Rundenzeit von Max Verstappen eine 8:12.818 war.
Wenn man sich die 20 schnellsten Rennrunden aller Autos, die das Ziel erreicht haben, im Schnitt ansieht, erhält man ein realistischeres Bild, da der Verkehr, Code-60-Phasen und Bedingungen eine große Rolle spielen: Die #84 kommt auf eine 8:14.058, dahinter folgt das Abt-Schwesterauto #130 mit 8:16.893 und auf Platz drei der HRT-Ford mit 8:17.001. Das Winward-Mercedes-Siegerauto erreicht in dieser Statistik einen Schnitt von 8:17.812.
Und auch die theoretisch schnellsten Runden, die sich aus den besten neun Sektorenzeiten eines Autos ergeben, zeigen ein ähnliches Bild: Da kam die #130 - also der grüne Abt-Lamborghini - auf eine 8:04.022 und die #84 auf eine 8:05.163. Die drittschnellste theoretische Bestzeit lieferte das Winward-Mercedes-Siegerauto (#80) mit einer 8:06.752.
Disqualifikation steht noch nicht fest: Wie es jetzt weitergeht
Wie es jetzt weitergeht: Der Vorsitzende der Sportkommissare, die den Bericht des Technikausschusses über die Unregelmäßigkeiten bei der technischen Abnahme bereits erhalten hat, legt einen Termin für eine Anhörung fest, bei der auch das Abt-Team seinen Standpunkt klarmachen kann. Dieser Termin soll zeitnah stattfinden. Danach würde es zur Disqualifikation kommen.
Doch selbst damit wäre die Angelegenheit vermutlich noch nicht ausgestanden, denn das Team hat danach 96 Stunden Zeit, um in die Berufung zu gehen, wodurch es zu einer weiteren Verhandlung vor einem Sportgericht des DMSB (Deutscher Motor Sport Bund) kommen würde. Daher könnte es noch Wochen dauern, bis das Ergebnis des 24-Stunden-Rennens endgültig offiziell ist.
Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Team über eine Nachuntersuchung auf dem Rollenprüfstand stolpert. 2019 wurde der "Grello" ebenfalls wegen einer zu hohen Motorleistung disqualifiziert, wodurch das Porsche-Topteam Manthey Platz zwei verlor. Manthey forderte damals eine weitere Messung mit einer veränderten Messmethode, doch auch die ergab eine Überschreitung der festgelegten Werte. Danach verzichtete man auf eine Berufung.
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