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Langstrecke 24h Nürburgring

"Das Schlimmste kam erst danach": So erlebte Kolb den 270 km/h-Abflug

Eine haarsträubende Szene mit vier Autos nebeneinander, am Ende geht Vincent Kolb fliegen - Doch das Schlimmste kam erst noch, wie er im Interview erklärt

"Das Schlimmste kam erst danach": So erlebte Kolb den 270 km/h-Abflug

Vier Autos nebeneinander, ein missglückter "Side-Draft" und ein wahnsinniger Dusel beim Dreher danach: Das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring 2024 entging in der vierten Rennstunde nur knapp einem möglichen Horrorunfall durch einen 4-Wide - an der Stelle, an der 2001 Uli Richter bei einem VLN-Rennen ums Leben kam.

Dass die Szene zwischen Ricardo Feller im Scherer-Audi #15 (Vervisch/Haase/Winkelhock/Feller), Fabian Schiller im GetSpeed-Mercedes #130 (Engel/Gounon/Schiller/Christodoulou) und Vincent Kolb im Herberth-Porsche #5 (Renauer/V. Kolb/Olsen/Campbell) so glimpflich ausging, war glücklichen Umständen zu verdanken - und der umsichtigen Reaktion von Vincent Kolb.

Motorsport-Total.com sprach mit allen drei Beteiligten. Was im Fernsehen nicht zu sehen war, ist die Vorgeschichte, die Ricardo Feller schildert: "Ich bin schon auf der Grand-Prix-Strecke auf den Porsche aufgelaufen. Aber ich bin nicht vorbeigekommen und habe mir dann gesagt, dass ich kein Risiko eingehen will." (Berufung gegen Ergebnis der 24h Nürburgring 2024)

 

Doch genau diese Entscheidung machte die folgende Szene erst möglich. Kolb schildert, was am Ende der Runde passierte: "Ich bin im Galgenkopf ein bisschen [hinter einem überrundeten Fahrzeug] hängengeblieben. Da war klar, dass von hinten eine ganze Armada von GT3-Fahrzeugen kommen würde." Laut Feller mussten er und Kolb sogar bremsen.

Auf der Geraden begann dann das Hauen und Stechen, als mehrere Fahrzeuge von hinten aufschlossen und es zu einer Situation mit vier Autos nebeneinander kam. Interessant: Sowohl Feller als auch Kolb hatten den in die Lücke drängenden Schiller gar nicht auf dem Schirm.

"Weil ich meinen Fokus nach vorne gerichtet hatte, hatte ich den Benz ehrlich gesagt gar nicht so auf dem Schirm, dass er auch noch rankommt oder versucht, dazwischen zu fahren", sagt Vincent Kolb.

 

Und Feller gibt zu: "Wir hatten für die Nacht schon Tönungsfolien auf den Spiegeln. Dadurch hatte ich keine optimale Sicht nach hinten und habe zwar den Lambo und den Ferrari gesehen, die sich natürlich in den Kampf eingemischt haben, aber den Mercedes habe ich übersehen." Auch der tote Winkel, der bei Rennwagen traditionell groß ist, könnte eine Rolle gespielt haben.

Der Abt-Lamborghini #27 (K. van der Linde/Mapelli/Pepper) hatte den gesamten Zug bereits überholt, der Frikadelli-Ferrari #1 (Fernandez Laser/Keilwitz/Ludwig/Varrone) war als viertes Auto nur Statist in der Szene. Schiller war das letzte Fahrzeug im gesamten Konvoi und erhielt daher mehrfachen Windschatten und die Chance, alle drei Autos auf einmal zu überholen.

Schiller fuhr in die Lücke, die sich zu diesem Zeitpunkt auftat. Dann zog Feller rüber: "Ich habe [Schiller] einfach nicht gesehen und wollte mich vom Side-Draft des Ferrari lösen und den Side-Draft des Porsche wieder aufnehmen."

Der Side-Draft ist ein physikalischer Effekt, bei dem ein Fahrzeug seitlich versetzt neben ein anderes fährt und die Luft zwischen den beiden Autos auf dessen Heckflügel leitet. Dadurch wird das andere Fahrzeug mit einem künstlichen Bremsfallschirm verlangsamt. Das Side-Drafting hat auf der Döttinger Höhe in den vergangenen 15 Jahren an Intensität deutlich zugenommen.

Jedenfalls war jetzt ein Mercedes-AMG GT3 im Weg, den Feller nicht auf der Rechnung hatte, und es kam zur Kollision. Den letzten Schlag erhielt der ganz links fahrende Kolb, der sich bei 270 km/h eindrehte.

Das Schlimmste kam erst nach dem Dreher

Kolb selbst nahm den Dreher selbst erstaunlich gelassen hin, wie er erzählt: "Es war eigentlich relativ unspektakulär. Ich dachte nur: 'Okay, jetzt tut's weh.' Das habe ich vergangenes Jahr zum ersten Mal erlebt, wenn es richtig wehtut."

Doch es blieb bei einem leichten Einschlag hinten links, auch weil er instinktiv richtig reagierte: "Ich habe die Daumen aus dem Lenkrad genommen und das Lenkrad quasi nur noch von außen gehalten."

"Es ging darum, die Reifen gerade zu halten. Wenn die Reifen beim Einschlag schräg stehen, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass du dir die ganze Aufhängung und Lenkung kaputtmachst. Wenn du die Reifen gerade hältst, kann es bei einem Seitenaufprall glimpflich ausgehen."

Aber er wurde auf die andere Seite der Fahrbahn geschleudert, was die Sache viel schlimmer machte. "Das war das Unangenehmste von allem", sagt der 29-jährige Markenbotschafter des Sitzherstellers Recaro. "Falsch herum zu stehen, und die Autos auf mich zukommen zu sehen. Irgendwie habe ich es noch geschafft, rückwärts auf die Wiese zu rollen."

"Aber dann den Verkehr entgegenkommen zu sehen, ist nicht so cool. Vor allem, weil die ersten beiden Autos noch mit Vollgas an mir vorbeigefahren sind. Die konnten die Flagge gar nicht so schnell raushalten. Das war schon eine sehr unangenehme Situation."

Aus diesem Grund verzichtete er auch auf einen schnellen "Flick Spin", also das Auto herumzuwerfen. "Das ärgert mich im Nachhinein ein bisschen, denn ich hätte es viel früher drehen können. Aber damit hätte ich meine Sicherheit und die der anderen Fahrer gefährdet. Und darauf hatte ich nach so einer Situation auch keine Lust, denn man hat ja auch nicht unendlich viele Schutzengel."

Also wartete er auf das Intervention Car. Dort war man eigentlich schon bereit, Kolb an den Abschlepphaken zu nehmen. "Ich habe gefragt, ob ich hier drehen kann, und die haben gesagt: 'Klar, mach nur.'"

Kolb schleppte den Porsche aus eigener Kraft in die Box, ließ das Auto kurz durchchecken, notdürftig reparieren und fuhr dann mit beschädigtem Diffusor wieder raus. Er blieb im Auto sitzen - ganz bewusst, wie er erklärt.

"Das muss sein. Wenn man aussteigt und draußen sitzt, fängt man an, über alles Mögliche nachzudenken. Es gibt natürlich andere Charaktere, die können das komplett ausblenden und denken keine Sekunde mehr daran. Ich kann das nicht. Und deswegen war es für mich richtig und auch wichtig, dass ich sitzen geblieben und noch einen kompletten Stint gefahren bin."

Muss solches Risiko sein?

Die Reaktion in den sozialen Medien war schnell klar: Ricardo Feller hatte durch sein Rüberziehen den Unfall verursacht, der durchaus böse hätte enden können. Doch es wurde von offizieller Stelle auf "no further action" entschieden, die Situation also als Rennunfall eingestuft.

Eine Frage bleibt: Muss man mit 21,5 Stunden auf der Uhr ein solches Risiko eingehen? Sei es, als viertes Fahrzeug in eine Lücke zu stoßen oder mit zwei Fahrzeugen den Side-Draft zu jonglieren? Schiller gesteht: "Natürlich wäre es im Nachhinein die klügere Entscheidung gewesen, zurückzustecken."

"Ich würde schon die Verantwortung dafür übernehmen, dass unser Auto ausgefallen ist. Daraus muss man einfach lernen, dass man vielleicht in gewissen Rennsituationen versucht, ein bisschen Druck rauszunehmen. Auf der anderen Seite war es einfach eine gute Gelegenheit, zwei oder drei Autos zu überholen."

"Und ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals auf der Döttinger Höhe in eine Situation gekommen wäre, wo ich vom Gas hätte gehen müssen. Und ich kann mir auch kaum vorstellen, dass andere das anders gehandhabt und zurückgesteckt hätten. Ich möchte da niemandem die Verantwortung zuschieben oder in irgendeiner Form beschuldigen. Ich kann nur für mich sagen, dass ich in der Situation nicht der ausschlaggebende Faktor war, warum es geknallt hat."

Vincent Kolb überstand den haarsträubenden Dreher unbeschadet

Vincent Kolb überstand den haarsträubenden Dreher unbeschadet

Foto: VLN

Feller antwortet auf die gleiche Frage: "Das kann ich nicht sagen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Letztlich sind wir alle hier, um am Limit zu fahren und das Rennen zu gewinnen. Es ist eine Frage von Millisekunden, ob man geht oder nicht. Das kann man am Ende nicht mehr rückgängig machen."

"Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich würde es einfach als unglücklichen Rennunfall bezeichnen. Schließlich gab es ja keine Strafe."

Vincent Kolb dazu: "Am liebsten würde ich mich der Antwort enthalten. Aber ich sage natürlich: Nein [man darf nicht so viel riskieren], das ist ein 24-Stunden-Rennen. Man müsste mal eine Statistik machen, wie viele Autos, die in der dritten Stunde geführt haben, das Rennen gewonnen haben. Ich glaube nicht, dass das die Regel ist."

"Hier gewinnen eher die Autos, die wirklich gut durch die Nacht kommen, keine Fehler machen, keine Defekte am Auto haben, wo nicht ein Flap oder ein halber Kotflügel fehlt, sondern die wirklich fehlerfrei und natürlich auf einem hohen Niveau durchfahren."

"Aber das ganze Risiko ist einfach immer damit verbunden, dass es knallt. Es gewinnen selten die, die den heißesten Reifen fahren, sondern die, die den cleversten Reifen fahren."

Unterm Strich bleibt durchzuatmen, denn dieses Rennen hätte mit einem etwas anderen Verlauf der Kollision auch ganz andere Schlagzeilen produzieren können.

Mit Bildmaterial von 24h Nürburgring/Youtube.

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