Erklärt: So funktioniert die Balance of Performance auf der Nordschleife
Die Balance of Performance (BoP) sorgt beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring für größtmögliche Chancengleichheit: So funktioniert das komplizierte BoP-System
Die Balance of Performance soll für Chancengleichheit sorgen
Foto: Patrick Patrick
Wenn die Startampel für das 24h-Rennen auf dem Nürburgring in diesem Jahr (14. bis 17. Mai 2026) auf Grün springt, werden insgesamt 150 Fahrzeuge auf die Hatz zweimal rund um die Uhr gehen, darunter eine Vielzahl an GT3-Boliden aus der SP9-Klasse, die alle möglichst identische Chancen auf den Gesamtsieg haben sollen.
Das größte Problem: Mit Aston Martin, Audi, BMW, Ferrari, Ford, Lamborghini, McLaren, Mercedes-AMG und Porsche werden voraussichtlich neun verschiedene Marken um den begehrten Sieg kämpfen, die auch noch auf acht verschiedene Reifenhersteller setzen.
Hinzu kommen die unterschiedlichen Fahrzeugkonzepte: Boliden mit Front-, Mittel- und Heckmotoren treffen direkt aufeinander. Und ein 4,2-Liter-Sechszylinder-Boxermotor soll ebenso um den Sieg kämpfen können wie ein 3,0-Liter-Reihensechszylinder mit Biturbo oder ein 6,3-Liter-Hubraum-Monster.
Was ist die Balance of Performance (BoP) überhaupt?
Damit die Fans einen möglichst spannenden, engen und ausgeglichenen Motorsport erleben, gibt es auch auf der Nordschleife die sogenannte "Balance of Performance", kurz BoP. Sie ermöglicht es, die Leistung der unterschiedlichen Fahrzeugkonzepte über technische Parameter anzugleichen und so vergleichbare Voraussetzungen zu schaffen.
Dazu zählen unter anderem das Fahrzeugmindestgewicht, Luftmengen- und Ladedruckbegrenzungen, das maximal zulässige Kraftstoffvolumen, Anpassungen an aerodynamischen Hilfsmitteln und damit verbunden auch Bodenfreiheit, Mindestfahrhöhe und Anstellwinkel, sowie nicht zuletzt sogar Boxenzeit und Stintlänge.

Das Fahrzeuggewicht ist eine zentrale Stellschraube der BoP
Foto: ADAC / GruppeC
Dafür ist der ADAC Nordrhein als Veranstalter des Rennens verantwortlich. Rennleiter Walter Hornung hat in Abstimmung mit den Sportkommissaren sogar die Möglichkeit, notfalls auch während der Veranstaltung noch Änderungen an diesen Parametern vorzunehmen.
Sollte sich beispielsweise im Qualifying am Donnerstag zeigen, dass ein Fahrzeug zu gut eingestuft ist, können kurzfristige Anpassungen umgesetzt werden. Dabei handelt es sich in der Praxis meist um Änderungen beim Mindestgewicht oder beim Ladedruck, weil diese für die betroffenen Teams am schnellsten realisierbar sind.
Wie mögliche Taktikspielchen verhindert werden
Die Rennen vor dem 24h-Klassiker sind wegen der BoP aber längst zum Taktikspielchen geworden: Denn die Teams und Hersteller versuchen gezielt, ihre wahre Leistungsfähigkeit möglichst lange zu verschleiern, um für den Saisonhöhepunkt eine möglichst günstige Einstufung zu erhalten.
Doch der ADAC Nordrhein steuert mit einer eigens eingerichteten Technikkommission dagegen. "Die besteht aus vier Personen", erklärt Rennleiter Walter Hornung, "und kann inzwischen auf eine jahrelange Erfahrung und viele Daten zurückgreifen."
Damit die Teams im Vorfeld des 24h-Rennens nicht mit großen "Sandsäcken" im Kofferraum oder nur mit Halbgas fahren, besteht seit einigen Jahren die Möglichkeit, sich über die Läufe der Nürburgring-Langstrecken-Serie (NLS) bereits einen Startplatz für das Top-Qualifying beim 24-Stunden-Rennen zu sichern.
Dennoch schaut der Technikausschuss des ADAC Nordrhein genau hin und nutzt zur Bewertung der Rundenzeiten eine sektorbasierte Analyse, die die Rennstrecke in zahlreiche Abschnitte unterteilt. Statt nur die Zeit einer gesamten Runde zu werten, werden die theoretisch besten Sektorzeiten (auch aus unterschiedlichen Runden) kombiniert.
Nimmt also ein Fahrer in einem Sektor absichtlich Tempo heraus, um seine Zeit zu verschlechtern, entlarvt ihn die Bestzeit aus einer anderen Runde. So lässt sich die tatsächliche Performance eines Autos kaum noch kaschieren. "Es ist schon ein gewisses Katz-und-Maus-Spiel", sagt Hornung.
Was es mit dem Musterreifen-Prozedere auf sich hat
Ergänzend zur allgemeinen Balance of Performance, die beispielsweise auch in der DTM Anwendung findet, gibt es auf der Nordschleife zudem das sogenannte Musterreifen-Prozedere. Dieses ist eine direkte Folge eines "Reifenkrieges", der bis 2017 tobte, als die Hersteller mit unzähligen Spezialmischungen in die Grüne Hölle drängten.
Das ließ nicht nur die Kosten explodieren, sondern machte eine ausgeglichene BoP fast unmöglich, weil die unterschiedlichen Reifen zu starke Auswirkungen auf die Performance der Fahrzeuge hatten. Aus diesem Grund wurde das Musterreifen-Prozedere eingeführt.

Auch bei den Reifen gibt es strikte Vorgaben für Hersteller und Teams
Foto: Patrick Funk
Alle Reifenhersteller müssen seither sogenannten Referenzreifen beim Veranstalter hinterlegen, die als Vergleichsobjekte für chemische Analysen dienen. Für jedes Fahrzeugmodell ist die Reifenauswahl für das 24h-Rennen und die NLS-Läufe inklusive der 24h Qualifiers in diesem Jahr auf nur vier Spezifikationen (Mischungen) begrenzt.
Damit neue Reifenhersteller oder Fahrzeughomologationen keinen Nachteil gegenüber der etablierten Konkurrenz haben, dürfen sie zusätzliche Spezifikationen benennen. Vor jeder Veranstaltung müssen davon allerdings drei Spezifikationen nominiert werden, die verwendet werden dürfen.
Ein Wechsel der Spezifikation während einer Veranstaltung ist ausgeschlossen. Auch die Gesamtzahl der eingesetzten Slicks ist strikt limitiert: Für die 24h Qualifiers liegt sie bei 48 Reifen (maximal 24 pro Rennen), für das 24h-Rennen am Nürburgring dürfen bis zu 116 Slicks pro Fahrzeug verwendet werden.
Rennleiter zufrieden: "Dominanz einer Marke gibt es nicht"
Die Tricks der Teams und Hersteller soll damit insgesamt auf ein Minimum reduziert werden. "Die Hersteller verfügen über eine wahre Armada an Ingenieuren, denen die Technikkommission auf die Schliche kommen soll", sagt Rennleiter Hornung, der sich bislang zufrieden zeigt.
Zur Erinnerung: Beim zweiten NLS-Lauf im März landeten sechs unterschiedliche Hersteller in den Top 10, und das war keine Ausnahme. "Die Rennergebnisse der vergangenen Jahre sprechen für sich", ergänzt Hornung, der die Arbeit der Technikkommission lobt.
"Auch nach rund 4.000 Kilometern Renndistanz sind am Ende der 24 Stunden meist noch mehrere Fahrzeughersteller in einer Runde - eine Dominanz einer Marke gibt es nicht. So konnten wir im vergangenen Jahr etwa auch noch am Sonntagvormittag einen engen Kampf an der Spitze sehen."
Auch in diesem Jahr soll es möglichst eng und spannend zur Sache gehen, wenn die Startampel für das legendäre 24h-Rennen auf dem Nürburgring am Samstag (16. Mai 2026) um 15 Uhr (hier der komplette Zeitplan im Überblick) auf Grün springt.
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