Kolumne 24h Nürburgring: Motorsport lebt - aber nur an der Spitze
Die 24 Stunden vom Nürburgring zeigen eine schwierige Entwicklung im Motorsport - Was der Buchstabe K damit zu tun hat und warum das ein Problem ist
An der Spitze läuft es: Max Verstappenbrachte den 24h Nürburgring eine nie gesehene Aufmerksamkeit
Foto: Mercedes-AMG Mercedes-AMG
Liebe Freunde der Grünen Hölle,
was für ein schönes Motorsportfest liegt hinter uns! An die 54. Ausgabe der 24 Stunden vom Nürburgring werden wir uns wohl noch alle lange erinnern. "Der Motorsport lebt!", hieß es zum Ende der Übertragung. Das lässt sich durchaus unterschreiben, aber nur zum Teil. An der Spitze ist der Motorsport besser aufgestellt denn je. Davon bekommt die Basis jedoch kaum etwas mit.
Denn der Motorsport in Deutschland legt momentan eine Entwicklung hin, die in der Wirtschaftswissenschaft gerne als K-förmig beschrieben wird. Um es kurz zu machen: Es bedeutet, dass die Wirtschaft an der Spitze immer neue Rekordhöhen erreicht (der obere Arm des K), während für die Mittelschicht die Existenz immer schwieriger wird (der untere Arm des K).
Man hört von der K-förmigen Entwicklung der Wirtschaft momentan häufig, wenn es um die USA geht. Die großen Unternehmen feiern Rekordgewinne und Rekord-Börsenkurse, während ein immer größerer Anteil der Amerikaner nur noch gerade so über die Runden kommt und die Existenz immer prekärer wird.
Ein ähnliches Bild sehen wir im Motorsport in Deutschland, beziehungsweise auch über die deutschen Grenzen hinaus.
Dem Spitzen-Motorsport geht es besser denn je
Zunächst zum Positiven: Der Motorsport hat zehn schwierige Jahre hinter sich. Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklungen um 2020 herum stand die Zukunft des traditionellen Motorsports tatsächlich komplett in Frage.
Ich erinnere mich an eine Ansprache von Gerd Ennser beim Auftaktrennen des ADAC GT Masters 2021 in Oschersleben. Er zeichnete ein düsteres Bild aufgrund der gesellschaftlichen Dynamiken. Der Motorsport galt noch immer als dreckig, Sponsoren zogen sich reihenweise im Zuge von Fridays for Future und Co. zurück.
Nun wollte die Klimabewegung natürlich nicht den Motorsport abschaffen, dazu ist er klimatechnisch viel zu unbedeutend. Aber da Menschen oft hysterisch reagieren, sorgte die Message dafür, dass wichtige Geldgeber sich hastig aus dem Verbrenner-Motorsport zurückzogen und potenzielle Geldgeber vorsichtig wurden.
Er stand schließlich für alles, was in den sozialen Bewegungen bekämpft wurde: Er war ein Sport des weißen Mannes, in dem klimaschädliches Erdöl zur Belustigung von anderen, meist weißen Männern verbrannt wurde. Sponsoring-Experten wetteten in dieser Zeit keinen Pfifferling mehr auf die Zukunft des klassischen Motorsports.
Dieses Image hat der Motorsport in Rekordzeit abgeschüttelt. Ennser sagte 2021 noch, wir könnten froh sein, wenn wir den Status quo halten könnten. Fünf Jahre später rennt das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring von Rekord zu Rekord, wir haben eine DTM, die nun schon viel länger lebt, als nach dem Rückzug der Hersteller prognostiziert, Rekordfelder in der GTWC und eine WEC, die sich vor Herstellern kaum retten kann.
Noch mehr: Motorsport ist wieder cool. Wobei ich sogar ketzerisch die Frage in den Raum werfen würde, ob er jemals so uncool gewesen ist, wie die Analysten es in ihren Glastürmen berechnet haben. Denn auch während dieser Zeit blieben die Zuschauer dem Motorsport treu und das 24-Stunden-Rennen stürmte zu neuen Rekorden.
Dennoch, Genesis-CEO Peter Kronschnabl sagte mir bei den 6 Stunden von Imola: "Wenn man es sich weltweit anschaut, ist die Bedeutung des Motorsports mit Sicherheit nicht geschrumpft. Bislang sehen wir keine zurückgehenden Zuschauerzahlen, das Interesse ist immer noch da. Es war eigentlich ein rein deutsches Phänomen, dass es so kommuniziert wurde, dass Motorsport eigentlich nicht mehr zeitgemäß ist."
Beim selben Rennen stieß Peugeot-CEO Alain Favey ins selbe Horn: "Ich glaube, dass der Motorsport ein sehr positives Image hat. Einen Trend, der sagen würde, es gibt weniger Interesse, sehe ich nicht. Der Motorsport hat schon seit 100 Jahren eine große Relevanz für uns."
Gerade die Einführung klimaschonender Kraftstoffe hat sehr viel zu einem positiven Image des Motorsports beigetragen. Obschon diese Entwicklung am Nürburgring ja noch bevorsteht. Es wird durchaus diskutiert, auch am Nürburgring künftig mit E20-Sprit aus 60 Prozent erneuerbaren Anteilen zu fahren. Allerdings haben historische Rennserien noch Bedenken, ob ihre Autos den Kraftstoff vertragen würden.
Obwohl die Rennautos nur einen Bruchteil der Emissionen ausmachen, haben die Bemühungen Wirkung gezeigt. "Es wurde diesbezüglich viel gemacht und kommuniziert in den vergangenen Jahren. Motorsportinteressierte haben sich sicherlich viel damit beschäftigt", so Kronschnabl. Die Message kommt langsam an.
Und dann kam noch ein Mobilisierter wie Max Verstappen dazu. Und tatsächlich sorgte all dies dafür, dass tatsächlich die Tagesschau erstmals das 24-Stunden-Rennen gleich mit einem vierminütigen Beitrag würdigte. Und das sehr ausgewogenen - ausgerechnet von einem jener Medien, denen von Kritikern immer wieder eine zu linksgrüne Berichterstattung vorgeworfen wird.
Natürlich werden einige jetzt einwenden, dass das einmalig wegen Max Verstappen bleiben könnte. Aber erstens ist Verstappen am Nürburgring noch nicht fertig und zweitens bereitet sich derzeit in Italien jemand mit einem ähnlichen Mobilisierungspotenzial vor. Erste Permit-Einsätze dieses Jahr nicht ausgeschlossen.
An der Basis bröckelt es
Während es im Top-Motorsport gut läuft wie selten zuvor, ist die andere Seite der Medaille düster. Die kleinen Teams haben es schwerer denn je, und das nicht nur auf der Nordschleife des Nürburgrings.
"Es war noch nie so schwierig wie heute", sagten mir mehrere Teamchefs in Bezug auf die Finanzierung des Motorsports. Natürlich kann man das schnell als Floskel ablegen, denn kaum ein Spruch hat sich so sehr abgenutzt wie dieser.
Aber momentan hat er seine Berechtigung. Der Grund ist schlicht die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre. Seit Ausbruch der Pandemie im Jahr 2020 jagt eine Krise die nächste. Und das trifft das Kernpublikum am Nürburgring, das die breite Masse des Starterfeldes trägt.

Für die Kleinen Teams wird es zunehmend schwieriger, die Einsätze zu finanzieren
Foto: Gruppe C Photography
Der typische Starter auf der Nürburgring-Nordschleife jenseits der professionellen Rennfahrer und Superreichen stammt aus einkommensstarken Berufen - etwa ein Chirurg oder ein Selbstständiger, der es weit gebracht hat. Diese mussten seit 2020 einen Nackenschlag nach dem anderen hinnehmen. Wirtschaftliche Stagnation oder sogar Rezessionen trafen auf explodierende Kosten.
Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts stiegen die Betriebskosten im Verkehrs- und Werkstattsektor zwischen 2020 und 2024 um 35 Prozent. Reifen, Ersatzteile und Treibstoffe verteuerten sich um teils 40 Prozent.
Das ist mehr als ein Drittel mehr in nur fünf Jahren. Und da ist die aktuelle Benzinpreis-Explosion durch den Krieg gegen den Iran noch gar nicht eingerechnet. Zu den gestiegenen Kosten kam die Zinswende im Jahr 2022, die mittelständischen Unternehmen weiter traf und Investitionen über Kredit unattraktiv machte.
Ein Teamchef nannte das Problem folgendermaßen: "Es gibt eine obere, mittlere und untere Ebene im Motorsport. Oben sind GT3- und GT4-Einsätze. Diese haben sich seit 2015 immer weiter professionalisiert und ziehen das Kapital an."
"Die untere Ebene, Clubsport, Youngtimer oder Rundstrecken-Challenge-Nürburgring, bleibt stabil, weil die Einstiegskosten gering sind. Die mittlere Ebene hingegen gerät immer mehr unter Druck, weil die Kosten immer höher werden." Und genau die mittlere Ebene ist die, die das 24-Stunden-Rennen am Laufen hält.
Um es nochmal mit Buchstaben auszudrücken: Aus dem E mit drei parallel gut funktionierenden Ebenen wurde ein K. Die mittlere Ebene bricht weg, während die obere immer besser funktioniert. Und das ist eine Gefahr für das Rennen und auch für den Motorsport an sich. Jeder Hersteller ist immer nur eine Krise, einen Vorstandswechsel oder einen gesellschaftlichen Wandel vom Ausstieg entfernt. Die Teams sind diejenigen, die bleiben.
Der ADAC Nordrhein kämpft derzeit darum, mehr von der oberen Ebene abzugreifen. Verstappen war ein PR-Coup. Aber sich nur auf diese Ebene zu verlassen, wäre fatal: Ein zweites 24-Stunden-Rennen von Spa mit 70 GT3-Autos wird in der Eifel nicht machbar sein.
Das Problem geht über die Nordschleife hinaus. Der DMSB und sogar die FIA sind gefragt, dafür zu sorgen, dass das K wieder geschlossen wird. Denn ohne die mittlere Ebene wird es für den Motorsport in der Zukunft schwer.
Euer
Heiko Stritzke
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