Kommentar: War Le Mans 2017 der Anfang vom Ende der LMP1-Klasse?

Die LMP1-Kategorie der Langstrecken-WM (WEC) stand bereits vor den 24h Le Mans 2017 auf tönernen Füßen. Doch weil beinahe ein LMP2-Auto das größte Rennen des Jahres gewonnen hätte, ist die Zukunft der LMP1-Autos in Gefahr, meint Jamie Klein.

Le Mans 2016 war wie ein langer WEC-Lauf: 3 LMP1-Fahrzeuge drehten innerhalb nur einer Minute ihre Runden, am Ende streikte die Technik beim führenden Toyota. Aber die 24h Le Mans 2017 waren anders – ein bisschen wie früher.

Denn es war ein beinhartes Rennen. Ein so dramatischer Verlauf war sicher nicht abzusehen gewesen. Zwar hatten Experten durchaus für möglich gehalten, dass ein LMP2-Auto in die Top 3 fahren könnte, aber niemand war kühn genug gewesen, auf ein LMP2-Auto als Spitzenreiter im Rennen zu tippen. Und doch trat genau das ein.

Was für ein Motorsport-Märchen wäre es gewesen, wenn ein Underdog-Team wie DC Racing mit der #38 von Oliver Jarvis, Ho-Pin Tung und Thomas Laurent den Sieg eingefahren hätte? Doch es sollte nicht sein.

Dennoch: Das Trio wurde für zweieinhalb Stunden an der Spitze des Klassements notiert und beendete das 24-Stunden-Rennen auf Gesamtrang 2. Eine herausragende Leistung!

#38 DC Racing Oreca 07 Gibson: Ho-Pin Tung, Oliver Jarvis, Thomas Laurent

Ein Gesamtsieg durch ein LMP2-Fahrzeug wäre klasse gewesen. Le Mans hätte mit dem erst 19-jährigen Nachwuchstalent Laurent seinen bisher jüngsten Sieger gesehen, mit Tung den 1. chinesischen Sieger und mit Jarvis einen Le-Mans-Routinier, der mit Audi nie den Sieg an der Sarthe geschafft hatte. Und das alles auch noch mit Teambesitzer Jackie Chan!

Allerdings hätte ein LMP2-Triumph bei den 24h Le Mans 2017 auch nur unterstrichen, wie dünn das LMP1-Feld in diesem Jahr besetzt war. Und wie fragil die Hybridtechnologie ist, was Toyota-Präsident Akio Toyoda nach dem Rennen ebenfalls festhielt.

Porsche und Toyota hatten vor dem großen Rennen jeweils mehrere 30-Stunden-Tests durchgeführt und dafür keine Kosten und Mühen gescheut. Meist waren dabei keine großen Defekte aufgetreten. Umso erstaunlicher, dass kein LMP1-Hybrid-Auto ein sauberes Rennen erwischte, als es darauf ankam.

#7 Toyota Gazoo Racing Toyota TS050 Hybrid: Mike Conway, Kamui Kobayashi, Stéphane Sarrazin

Bereits seit dem plötzlichen Ausstieg von Audi nach der WEC-Saison 2016, als Porsche und Toyota als einzige LMP1-Hersteller zurückblieben, waren die neuen LMP1-Regeln für 2020 Gegenstand hitziger Diskussionen.

Am Freitag vor dem 24h-Rennen bekamen wir einen Eindruck dessen, was Automobil-Weltverband (FIA) und Automobile Club de l'Ouest (ACO) hinter den Kulissen besprochen haben. Überraschend ist: Die LMP1-Autos der Zukunft sollen über einen Plugin-Hybrid-Technologie verfügen.

Und das, obwohl sich die Regelmacher auf die Fahnen geschrieben haben, die Kosten zu reduzieren. Das streben sie auch weiterhin an: Die Anzahl der Aerokits wird weiter beschnitten, die Zeit im Windkanal reduziert und die Mitarbeiterzahlen pro Team sollen zurückgehen.

Umso mehr fragt man sich, wie sinnvoll es da ist, neue Regeln aufzustellen. Die künftigen LMP1-Autos sollen etwa einen Kilometer komplett mit elektrischer Energie bestreiten (beim Verlassen der Boxengasse und nach Rennende). Ist das mit Kostensparen verbunden?

Die Hybridsysteme müssen sicherlich überarbeitet werden, weil dann mehr als nur 300 kW wie bisher zum Einsatz kommen.

Michelin concept car

Neue Hersteller sind auch nicht in Sicht. Peugeot ist die einzige Marke, die ernsthaft mit der Wiederaufnahme eines LMP1-Projekts in Verbindung gebracht wurde, seit Audi seinen Abschied verkündet hat. Aber bislang gab es keine Verlautbarung. Die Regeln für 2020 entsprechen wohl nicht den Vorstellungen einer vereinfachten Technologie und reduzierter Ausgaben, wie sie Peugeot zur Voraussetzung des Comebacks gemacht hat.

Aktuell wird ein Budget von etwa 150 Millionen Euro pro Jahr für ein LMP1-Programm veranschlagt. Das ist übrigens mehr als das, was Force India in der Formel-1-Saison 2016 zur Verfügung hatte, um Platz 4 in der Konstrukteurswertung zu belegen. Und Force India hat im Vergleich zu einem WEC-Teilnehmer ein Vielfaches an (medialer) Aufmerksamkeit bekommen.

Bei dem einen Rennen, wo ein Hersteller ein so großes Publikum hat wie sonst nur bei einem Formel-1-Grand-Prix, hätte ein LMP2-Auto beinahe einem LMP1-Porsche die Show und den 3. Sieg in Folge in Le Mans gestohlen.

Hätte der #2 Porsche nur 10 Minuten mehr in der Box verbracht, wir hätten den größten Underdog-Sieg in Le Mans seit mehr als 20 Jahren erlebt. Und die LMP1-Klasse wäre wohl endgültig am Boden gewesen.

Podium: race winners Timo Bernhard, Earl Bamber, Brendon Hartley, Porsche Team, second place Ho-Pin Tung, Oliver Jarvis, Thomas Laurent, DC Racing, third place Mathias Beche, David Heinemeier Hansson, Nelson Piquet Jr., Vaillante Rebellion Racing

So aber ist es nicht zu spät, die LMP1-Klasse zu retten. Laut Mark Webber spielt diese Kategorie eine wichtige Rolle beim künftigen Erfolg des 24h-Rennens in Le Mans. Die Rekordrunde von Kamui Kobayashi im Qualifying mit 3:14 Minuten wird noch lange in Erinnerung bleiben. Sie war das perfekte Schaufenster für Hybridtechnologie, genau wie es sich Toyota vorgestellt hat.

Dass die beiden TS050 im Rennen keinen Stich machten und dass auch das für mehr Chancen eingesetzte 3. Auto nach einem Crash mit einem LMP2-Auto außen vor war, dürfte die Vorstandetage der Marke aber mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis genommen haben.

Von Porsche ist indes bekannt: Die Marke hat ihr LMP1-Programm auf den Prüfstand gestellt. Porsche folgt wohl seinen Rivalen Audi und BMW (und vielleicht auch Mercedes) in die Formel E.

Ja, Porsche hat den erhofften Hattrick in Le Mans geschafft. Aber wahrscheinlich auch nicht so, wie man sich das in Weissach ausgemalt hatte.

#2 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Timo Bernhard, Earl Bamber, Brendon Hartley takes the win

2018 holt die LMP1-Klasse noch einmal tief Luft. Ginetta, SMP Racing/Dallara und Perrinn bringen allesamt private LMP1-Autos an den Start. Doch die Verträge der Langstrecken-WM mit der FIA sehen vor, dass mindestens 2 LMP1-Hersteller mit Werksteams vertreten sein müssen. Nur so gibt es auch den WM-Status.

Sollte Porsche also aussteigen, müsste kurzfristig Ersatz beschafft werden. Ähnlich wie schon 2012, als Toyota zu einer kompletten Saison in der WEC überredet werden musste, weil Peugeot kurz vor dem Auftakt einen Rückzieher gemacht hatte.

Hoffen wir, es kommt nicht so weit. Klar ist aber: Es müssen Überlegungen zur Zukunft angestellt werden, wenn die 24h Le Mans 2017 nicht als das Rennen in die Motorsport-Geschichte eingehen sollen, das das Ende der schnellen und beeindruckenden LMP1-Autos besiegelt hat.

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Rennserien Le Mans
Veranstaltung 24h Le Mans
Rennstrecke Le Mans
Teams Porsche Team , Toyota Racing
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