BMW-Pole, LMH im Aufwind: Le Mans 2026 verspricht ein offenes Rennen
Die Qualifying-Dominanz der LMDh-Boliden täuscht: Über die Distanz könnten die LMH-Fahrzeuge das Blatt wenden, was ein spannendes Rennen in Le Mans verspricht
Trotz Pole: BMW-Motorsportchef Andreas Roos sieht BMW noch nicht als Le-Mans-Sieger
Foto: Tobias Kindermann
Das Qualifying zu den 24 Stunden von Le Mans 2026 war eine klare LMDh-Machtdemonstration: BMW holte dabei unter dramatischen Umständen sogar die erste Poleposition der Teamgeschichte. Doch was auf einer fliegenden Runde gilt, muss über 24 Stunden noch lange nicht das letzte Wort sein.
Genau das ist die Frage, die das Fahrerlager vor dem Rennstart beschäftigt: Können die LMH-Fahrzeuge, die im Qualifying fast kollektiv das Nachsehen hatten, über die Renndistanz aufholen? Bislang war das ihre Stärke: Konstanz statt Spitzengeschwindigkeit, Renntempo statt Qualifying-Glanz.
Doch diesmal könnte es anders kommen, denn die LMDh-Fahrzeuge zeigten in dieser Woche nicht nur im Qualifying ihre Stärke, sondern auch in den Long Runs - also genau dort, wo die LMH-Boliden bisher punkten konnten. BMW-Motorsportchef Andreas Roos, dessen Team gerade auf Pole sitzt, warnt trotzdem vor voreiligen Schlüssen.
"Wir können wir erstmal happy sein und hoffen, dass wir natürlich im Rennen auch auf eine vernünftige Pace gehen können", sagt Roos. "Aber generell waren wir im Rennen auch immer ganz gut."
"Definitiv rechne ich mit den LMH-Fahrzeugen. Über die ganze Woche, vom Pre-Test weg, hat man gesehen, dass viele Autos wirklich ganz vorne mitfahren können - auch was Long Runs und die Long-Run-Pace angeht. Von daher erwarte ich ein sehr, sehr enges und hartes Rennen."
Toyota äußert versteckte Kritik an der BoP
Für Toyota ist diese Einschätzung Fluch und Hoffnung zugleich. Einerseits bestätigt sie, dass die LMH-Fahrzeuge im Rennen grundsätzlich mithalten können. Andererseits macht sie deutlich, dass der gewohnte Vorteil über die Distanz diesmal keine Garantie ist.

Sheldon van der Linde nimmt den Gesamtsieg in Le Mans ins Visier
Foto: Emanuele Clivati
Totoyata-Technikdirektor David Floury wählte nach dem Qualifying klare Worte: "Viel zu sagen gibt es ehrlich gesagt nicht. Man hat gesehen: Das war eine Zwei-Klassen-Qualifikation - LMDh vorne, LMH dahinter." Besonders auf den Geraden war der Unterschied schmerzhaft sichtbar.
Der beste Cadillac erreichte auf der Mulsanne-Geraden 344,1 km/h, der Toyota lag mehr als drei Kilometer pro Stunde dahinter. Auf die Frage, warum das so sei, antwortete Floury knapp: "Das ist nicht an mir, diese Frage zu beantworten." Und ob es denn einen Grund gebe? "Den gibt es mit Sicherheit."
Hinter diesen diplomatisch verklausulierten Formulierungen steckt eine deutliche Aussage: LMDh- und LMH-Konzepte werden über eine sogenannte "Plattform-BoP" angeglichen. Öffentlich darüber zu sprechen ist den Herstellern untersagt, die konkreten Daten sind seit Beginn der Langstrecken-Weltmeisterschaft 2026 unter Verschluss.
Floury weiß das - und hält sich daran. Aber zwischen den Zeilen ist seine Botschaft unmissverständlich: Toyota fühlt sich durch die BoP benachteiligt. Dabei ist die Ausgangslage für die Japaner ohnehin schon schwierig genug. Beide GR010 Hybrid starten hinten im Feld, auf den Plätzen 14 und 15.
Das bedeutet: In den ersten Stunden des Rennens werden Sebastien Buemi, Brendon Hartley und Ryo Hirakawa im Toyota #8, sowie Mike Conway, Kamui Kobayashi und Nyck de Vries im Toyota #7 zunächst damit beschäftigt sein, sich durch das Feld zu arbeiten, während die Konkurrenz vorne bereits das Renntempo diktiert.
Wie Toyota in Le Mans 2026 trotzdem gewinnen möchte
Einen Sieg (zuletzt gelang Toyota das in der Saison 2022) schließt Floury nicht aus, doch er macht keinen Hehl aus der Schwere der Aufgabe: "Es wird definitiv schwer werden. Ein Selbstläufer wird das nicht. Wir müssen alles perfekt umsetzen - dann haben wir vielleicht eine Chance."
"Aber am Ende hängt es von den Umständen ab, vom reinen Tempo und vor allem davon, wie das Auto im Rennen liegt." Was das konkret bedeutet? "Stecken wir in einem engen Zweikampf, können wir mit diesem Rückstand nicht dagegen halten. Wir müssen mit dem Kopf arbeiten."
"Wer nicht das Tempo hat, muss alles richtig machen - und manchmal auch Risiken eingehen", ergänzt Floury. Strategie, Reifenmanagement, Boxenstopps: das sind die Felder, auf denen Toyota die Lücke schließen will. Wenn die Waffe fehlt, muss die Taktik entscheiden.
Ob das reicht? Le Mans hat schon oft bewiesen, dass Qualifying-Ergebnisse wenig über den Rennausgang aussagen. Ausfälle, Safety-Car-Phasen, Wetterwechsel: in 24 Stunden kann sich das Blatt mehrfach wenden. Roos bringt es auf den Punkt, auch mit Blick auf sein eigenes Team: "Es darf nichts passieren, keine Fehler. Und dann hoffen wir, dass wir uns am Sonntag über ein gutes Resultat freuen können."
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