Ferrari stimmt Toyota zu: "Einige haben Karten nicht aufgedeckt"
Nachdem Toyota die Taktik einiger Konkurrenten beim Le-Mans-Vortest scharf kritisiert hat, schlägt Ferrari nun in dieselbe Kerbe - Sandbagging sei "völlig unnötig"
Ferrari glaubt ebenfalls, dass am Testtag viel Täuschen und tarnen begangen wurde
Foto: Rainier Ehrhardt
Nach dem offiziellen Testtag am Sonntag hat sich vor der 94. Auflage der 24 Stunden von Le Mans noch kein klares Bild an der Spitze abgezeichnet. Cadillac und ein überraschend starker Aston Martin setzten die Highlights bei den absoluten Bestzeiten, während Toyota bei den Longruns als der Gradmesser erschien.
Die japanische Truppe ließ sich von diesen Ergebnissen jedoch nicht blenden. Toyota äußerte offen Skepsis an dem Bild, das die Zeitenschirme vermittelten, und kritisierte ein "dämliches Spiel" mancher Konkurrenten, die am Sonntag ganz bewusst "ihre Karten nicht auf den Tisch gelegt" hätten.
Ferrari wiederum hielt sich am Testtag auffällig im Hintergrund und tauchte zu keinem Zeitpunkt ernsthaft im Kampf um die Spitzenplätze auf. Als Sieger der vergangenen drei Ausgaben der 24 Stunden von Le Mans reist die italienische Marke unweigerlich unter strenger Beobachtung an den Circuit de la Sarthe - auch wenn die bisherige Vorbereitung eher verhalten verlief.
Angesprochen auf die Aussagen von Toyota pflichtet Antonello Coletta, Leiter Langstreckensport und Corse Clienti bei Ferrari, den Japanern bei. Er deutet an, dass mehrere Teams ihr wahres Tempo noch verschleiern.
"Ein Testtag ist immer schwierig zu interpretieren, weil jeder ein anderes Programm abspult: Einige testen alle Reifenmischungen, andere fahren mit mehr oder weniger Benzin. Aber wie man so schön sagt: Der erste Eindruck zählt immer", erklärt Coletta am Mittwoch in Le Mans.
"Ich denke, dass sich bestimmte Trends abgezeichnet haben. Es war offensichtlich, dass einige Teams nicht alle ihre Karten aufgedeckt haben. Wir alle - von den Organisatoren und Sportkommissaren bis hin zu unseren Konkurrenten - haben ganz genau hingesehen, um zu verstehen, wer bei 100 Prozent war und wer nicht."

Antonello Coletta unterstellt mehreren Rivalen Sandbagging
Foto: Francesco Corghi
"Wir haben daher eine ziemlich klare Vorstellung von den Kräfteverhältnissen - davon, wer heute als Favorit gelten kann und wer sich vielleicht schwerer tut. Dennoch warten wir das Rennen ab, denn bis zum Start ist es schwierig, ein absolut klares Bild der Lage zu haben."
"Aber was die reine Performance und die nackte Geschwindigkeit angeht, glauben wir, dass einige Teams das Potenzial haben, sehr schnell zu sein. Einige haben ihr wahres Tempo vielleicht völlig unnötig versteckt."
Kleinere Probleme am Testtag
Ferdinando Canizzo, Ferraris technischer Leiter des Langstreckenprogramms, fügt hinzu, dass er diese Taktik der Konkurrenz nicht ganz nachvollziehen kann. Er bezeichnet den Ansatz als "sinnlos", vor allem, weil das gesamte Fahrerlager ohnehin über die Situation Bescheid wisse.
"Was unsere Konkurrenten betrifft, so haben einige von ihnen, wie meine Kollegen bereits richtig angemerkt haben, ihre Karten vielleicht etwas unnötig versteckt - schließlich sind die Daten für jeden sichtbar", sagte Canizzo.
"Die Realität ist, dass wir wissen, wo wir stehen. Wir wissen, dass unser Leistungsniveau unter bestimmten Bedingungen nicht auf dem Niveau der Besten liegt. Selbst wenn einige ihr volles Potenzial noch nicht gezeigt haben, wissen wir bereits jetzt, dass es für uns schwierig sein wird, an die Leistungen heranzukommen, die sie bereits gezeigt haben."
"Es wird also ein sehr schwieriges Rennen für uns. Aber noch einmal: Wir müssen uns auf unsere eigenen Stärken konzentrieren. Wir müssen unseren Job gut machen und dürfen keine Fehler machen, denn in einem 24-Stunden-Rennen kann alles passieren. Sehr oft gewinnt nicht das schnellste Auto, sondern dasjenige, das das Rennen über die vollen 24 Stunden am besten umsetzt."
Ferrari habe den Testtag genutzt, um das Set-up zu verbessern und es an die neuen Reifen anzupassen, sagt er weiter. "Gleichzeitig hat uns der Test auch interessante Erkenntnisse über die Zuverlässigkeit geliefert. Wie man sehen konnte, stand unsere #51 für mehr als eine Stunde an der Box. Wir hatten ein paar kleinere Probleme an allen drei Autos, was völlig normal ist."
"Wenn man sich ständig am Limit bewegt, tauchen immer kleine Details auf, die angegangen werden müssen. Wir hatten die Gelegenheit, sie zu beheben, und alle Probleme wurden gelöst. Am Ende ist das trotz der Schwierigkeiten auch eine Quelle der Zufriedenheit - denn alles, was wir frühzeitig entdecken, ist bereits gewonnene Arbeit für die Zukunft."
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