Ferrari zieht rote Linie: WEC-Verbleib unter einer Bedingung
Ferrari stellt klar, dass ein Verbleib in der WEC unter der neuen Einheits-Formel ab 2030 nicht garantiert ist, sollte ein zentrales Anliegen nicht berücksichtigt werden
Ferrari will weiter sein eigenes Auto konstruieren
Foto: Speedpictures Speedpictures
Ferrari knüpft seinen langfristigen Verbleib in der Hypercar-Klasse der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) an eine klare Bedingung: Auch unter dem zukünftigen Reglement muss es den Herstellern erlaubt sein, das gesamte Fahrzeug in Eigenregie zu bauen. Das stellt Antonello Coletta, Leiter der Endurance-Abteilung bei Ferrari, im Gespräch mit Motorsport.com Italien, einer Schwesteredition von Motorsport-Total.com im Motorsport Network, klar.
Derzeit arbeiten die WEC-Verantwortlichen gemeinsam mit den Herstellern und der IMSA an einem einheitlichen Regelwerk, das die aktuellen Plattformen LMH und LMDh ablösen soll. Eine Einführung wird für das Jahr 2030 angestrebt.
Ferrari hatte sich beim Einstieg im Jahr 2023 bewusst für das LMH-Reglement entschieden, da dieses deutlich mehr technische Freiheiten bietet. Der Ansatz zahlte sich aus, die Italiener gewannen dreimal hintereinander die 24 Stunden von Le Mans. Demgegenüber steht die kostengünstigere LMDh-Klasse, bei der die Teams auf Einheitskomponenten, wie etwa beim Hybridsystem, zurückgreifen.
Ein Verbleib Ferraris in der WEC ist bis 2029 gesichert. Das Engagement wurde im vergangenen Jahr in Le Mans bis Ende 2029 verlängert, doch die Zeit danach hängt maßgeblich von den laufenden Diskussionen ab.
Eigenes Auto zu 100 Prozent als Priorität
"Die Konvergenz ist ein Thema, das seit dem Start dieses Reglements auf der Agenda steht", erklärt Coletta. "Zwei verschiedene Plattformen zu haben, hilft nicht. Es liegt also im Interesse aller, in Zukunft eine einzige Plattform zu haben. Ferrari hat da ganz klare Vorstellungen: Wir werden in dieser Meisterschaft bleiben, wenn wir unser Auto weiterhin zu 100 Prozent selbst bauen können, so wie wir es heute nach dem LMH-Reglement tun."
Für die Italiener sei diese vollständige Eigenkontrolle eine fundamentale Priorität. "Wenn es dann für andere die Möglichkeit gibt, Komponenten zu teilen, wie es bei der LMDh der Fall ist, ist das eine strategische Entscheidung des jeweiligen Teams."
"Für uns ist es jedoch essenziell, das Auto komplett selbst zu konstruieren. Das ist die Basis. Der Rest sind Details, die folgen werden. Sicherlich wird es auch wichtig sein, den Antriebstyp zu definieren - ob Allrad- oder Zweiradantrieb -, was derzeit der Hauptunterschied zwischen den Plattformen ist."
Kritik an der Nachhaltigkeit von LMDh-Projekten
Obwohl in den vergangenen Jahren Marken wie Porsche und Lamborghini die Bühne verlassen haben und auch Alpine nach 2026 vor dem Absprung steht, präsentiert sich das Hypercar-Feld weiterhin stark besetzt. Genesis ist in dieser Saison neu dabei, Ford und McLaren werden im Jahr 2027 folgen. Auffällig ist jedoch: Alle drei Neueinsteiger haben sich für den LMDh-Weg entschieden.
Als LMH-Hersteller kamen in den letzten Jahren lediglich Aston Martin (2025) sowie im Jahr 2024 Isotta Fraschini hinzu. Die Briten nutzten ein Schlupfloch im Reglement und verzichten auf ein Hybridsystem. Isotta Fraschini fuhr lediglich eine halbe Saison.
Coletta sieht den Trend zu LMDh durchaus kritisch und spart nicht mit politischen Spitzen: "Wenn wir genau hinsehen, sind die Marken, die die Meisterschaft verlassen haben oder verlassen werden, allesamt LMDh-Teams. Ich denke da an Porsche, Lamborghini und bald auch Alpine. Bei den LMH-Herstellern sind Toyota, Peugeot, Ferrari und Aston Martin hingegen treu geblieben. Ich glaube, hinter dieser ganzen Geschichte steckt viel Rhetorik und Politik."

Antonello Coletta führte Ferrari zu drei Le-Mans-Siegen in drei Jahren
Foto: Davide Cavazza
Der Ferrari-Rennleiter hinterfragt dabei die langfristige Planung mancher Konkurrenten: "In erster Linie muss man prüfen, ob ein Programm nachhaltig ist. Ich glaube, alle LMH-Marken haben das garantiert, was bei den LMDh-Projekten vielleicht nicht der Fall ist."
"Am Anfang herrscht große Begeisterung, aber es gibt wenig langfristige Visionen, was bei einigen Marken zu Problemen geführt hat. Dennoch freue ich mich sehr, dass andere große Hersteller dazukommen, um den Erfolg der Meisterschaft zu sichern."
Joker-System kein Grund zum Jammern
Ein weiterer Streitpunkt im Fahrerlager ist das System der Evo-Joker, mit denen die homologierten Prototypen nachträglich weiterentwickelt werden dürfen. Ursprünglich waren fünf Joker für einen Fünfjahreszyklus vorgesehen.
Durch die Verlängerung des Reglements bis 2029 wurden zusätzliche Update-Token freigegeben. Für die Saison 2026 wurde zudem eine Klausel eingeführt, die schwächelnden Herstellern unter die Arme greifen soll.
Die damit verbundenen Kostensteigerungen, die unter anderem von Acura als Ausstiegsgrund aus der IMSA SportsCar Championship genannt werden, lässt Coletta als Ausrede für einen Ausstieg nicht gelten: "Aus meiner Sicht ist das kein Problem. Als mein Team und ich den Businessplan aufgestellt haben, waren die Joker Evos bereits eingepreist, da das Reglement sie von vornherein erlaubte."
Wer einen Businessplan über drei bis fünf Jahre erstelle, müsse alle Variablen einbeziehen. "Wir haben das getan, und andere Hersteller auch. Wenn das jemand versäumt hat und nun als Begründung für den Ausstieg nutzt, halte ich das für eine Ausrede und nicht für den wahren Grund."
"Ferrari hat von allen am wenigsten für diese Updates ausgegeben. Wir wussten vom ersten Tag an, dass es die Joker geben würde. Dass sie da sind, darf also für niemanden eine Überraschung sein."
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