Longrun-Analyse 24h Le Mans 2026: Wo die Hypercars vor dem Rennen stehen
Wer hat bei den 24 Stunden von Le Mans die Nase im Longrun vorn? - Die Daten zeigen ein enges Feld mit mehreren Siegkandidaten - Die Hypercars in der Analyse
BMW gegen Toyota? Nach den Longruns ein durchaus realistisches Duell
Foto: Marc Fleury
Das Hypercar-Feld bei den 24 Stunden von Le Mans 2026 (hier in TV und Livestream!) ist enger zusammen denn je, deshalb sind Vorhersagen schwerer denn je. Doch es lassen sich klare Tendenzen herauslesen, wenn wir in die Longrun-Daten schauen.
Um Qualifying-Simulationen zu eliminieren, haben wir dieselbe Methode wie beim Vortest verwendet und nur Runden zwischen 3:27.000 und 3:33.999 Minuten in allen vier Trainings betrachtet. Das ist eine konservative Betrachtung, denn im Renntrimm wurden durchaus 3:26er-Zeiten gefahren. Das Gros der Zeiten wird allerdings genau in diesem Fenster liegen.
So ergibt sich die folgende Order:
1. BMW #20 - 3:29.122 Minuten
2. Toyota #8 - 3:29.213
3. Cadillac #38 - 3:29.229
4. Cadillac #12 - 3:29.368
5. Toyota #7 - 3:29.390
6. Alpine #35 - 3:29.421
7. Alpine #36 - 3:29.466
8. Ferrari #51 - 3:29.569
9. WTR-Cadillac #101 - 3:29.616
10. AF-Corse-Ferrari #83 - 3:29.801
11. BMW #15 - 3:29.803
12. Genesis #17 - 3:29.981
13. Aston Martin #007 - 3:30.022
14. Aston Martin #009 - 3:30.053
15. Ferrari #50 - 3:30.074
16. Peugeot #94 - 3:30.298
17. Genesis #19 - 3:30.336
18. Peugeot #93 - 3:30.420
Das gesamte Feld landet also innerhalb von 1,3 Sekunden im Rundendurchschnitt. 13 Autos von sieben Herstellern befinden sich innerhalb einer Sekunde. Der einzige Hersteller, der ein wenig rausfällt, ist Peugeot. Auch das hatte sich bereits beim Vortest abgezeichnet.
Die nackten Zahlen deuten also auf ein enges Rennen hin, in dem sich dennoch eine klare Hackordnung abzeichnet: Toyota, Cadillac und BMW sehen am stärksten aufgestellt aus, Alpine und Ferrari folgen mit einem kleinen Abstand.
Die LMH-Boliden konnten in der Hyperpole zwar nicht überzeugen, doch Toyota ist im Longrun richtig stark. Ferrari, nach drei Siegen diesmal auf heftigste in der nicht veröffentlichten Balance of Performance (BoP) eingebremst, ist auch noch nicht ganz raus, muss sich aber auf die Defensivwaffen im Langstreckensport wie den Reifenverschleiß stützen.
Aston Martin ist gegenüber dem Test ein wenig zurückgefallen, während Peugeot genauso chancenlos erscheint wie 2025. Zwar mit einem geringeren Abstand, aber eben immer noch hinten.
Bei BMW und Ferrari gibt es ein Auto, das jeweils im Durchschnitt ein bisschen abfällt. Das dürfte auf die Reifenwahl oder auch Experimente mit Doppel- oder Dreifachstints zurückzuführen sein. Denn das Reifenalter ist die einzige Variable, die wir nicht kennen. Wobei angemerkt sei, dass der BMW #15 (Magnussen/Marciello/D. Vanthoor), der von der Poleposition startet, auch beim Testtag schon sechs Zehntelsekunden im Longrun Rückstand auf die #20 hatte.
Veränderungen zum Test: Wer am meisten zugelegt hat
Nach dem Vortest hatte sich bereits abgezeichnet, dass Toyota sehr stark auftreten würde. Allerdings warf Technikchef David Floury den Gegnern keine 24 Stunden später vor, nicht alle Karten auf den Tisch gelegt zu haben. Ferrari-Sportwagenchef Antonello Coletta stimmte dem später zu.
Wen könnten sie gemeint haben? Hier die Verbesserungen in den Durchschnittswerten gegenüber dem Vortest:
1. BMW #20 -0,966
2. BMW #15 -0,890
3. Ferrari #51 -0,628
4. Genesis #17 -0,616
5. Cadillac #38 -0,548
6. Alpine #36 -0,542
7. Ferrari #83 -0,498
8. WTR-Cadillac #101 -0,478
9. Peugeot #94 -0,459
10. Alpine #35 -0,238
11. Toyota #8 -0,234
12. Peugeot #93 -0,152
13. Aston Martin #007 -0,150
14. Genesis #19 -0,060
15. Ferrari #50 -0,054
16. Cadillac #12 +0,056
17. Aston Martin #009 +0,116
18. Toyota #7 +0,201
Entsprechend ist ziemlich klar, wer gemeint sein dürfte. Bei BMW lacht man sich kaputt: "Die wissen doch nicht einmal, welches Programm wir gefahren sind", hieß es in Reaktion aus dem WRT-Lager. Fest steht jedenfalls, dass der upgedatete BMW sich aus dem Mittelfeld beim Test bis ganz nach vorn katapultiert hat.
Überraschenderweise haben zwei der drei Ferrari 499P deutliche Steigerungen hingelegt, obwohl Ferrari selbst noch Gegner beschuldigt hatte, beim Test Performance zurückgehalten zu haben. Der Sprung fällt hier aber kleiner aus als bei BMW.
Bei den LMDh-Marken Cadillac, Genesis und Alpine hat nur ein Auto eine klare Steigerung hingelegt. Der Genesis-Auftritt ist bislang bemerkenswert für die Tatsache, dass dies erst das dritte Rennen für den brandneuen GMR-001 wird. Teamchef Cyril Abiteboul ist aber wegen der Zuverlässigkeit besorgt.
Stärken und Schwächen der Hypercars 24h Le Mans 2026
Interessant ist auch zu sehen, wie die Fahrzeuge ihre Zeiten machen. Erstmals haben wir dabei Zugriff auf Mikrosektoren bekommen. Diese zu quantifizieren, würde hier den Rahmen sprengen. Es lassen sich aber folgende Beobachtungen anstellen:
Aston Martin: Exzellentes Beschleunigungsvermögen mit dem mächtigen V12-Motor auf den ersten Metern nach engen Kurven dank stark verbesserter Elektronik, dafür fehlt es dem Valkyrie nach wie vor massiv an Topspeed.
BMW: Sticht nirgendwo heraus, hat aber auch keine Schwächen. Perfekter Allrounder, gut in der Reifennutzung und Mitfavorit auf den Sieg.
Cadillac: Der Dampfhammer im Feld, schießt aus den Ecken raus wie eine Rakete, zieht anders als der Aston Martin auf der Geraden aber weiter davon. Einzige Schwäche: die Porsche-Kurven, außerdem Fragezeichen über Reifenverschleiß.
Ferrari: Bisher einzig beobachtbare Stärke ist ein guter Topspeed, ansonsten eine bisher mühsame Rennwoche. Es fehlt an Beschleunigung und Kurvenspeed, was der Einstufung geschuldet sein dürfte. Überraschungen durch ausgezeichnetes Reifenmanagement möglich.
Genesis: Beeindruckendes Debüt, bärenstark in den Porsche-Kurven. Topspeed okay, dafür fehlt es an "Punch" aus den Kurven heraus. Fragezeichen über der Zuverlässigkeit und Reifennutzung.
Peugeot: Was auch immer Peugeot getan hat, um wieder keine konkurrenzfähige Einstufung zu bekommen, oder ob die Kompromisse im Auto einfach zu groß sind, als dass dem 9X8 geholfen werden kann - es sieht zäh aus. Beschleunigung brauchbar, auch beim Räubern über die Randsteine in der Ford-Schikane stabil, ansonsten fehlt es an Topspeed und Performance in schnellen Kurven.
Toyota: Exzellent im ganzen dritten Sektor (Arnage bis Ziellinie), überragend auf den Randsteinen und in schnellen und mittelschnellen Kurven, trotzdem brauchbarer Topspeed. Lediglich an Durchzug auf der ersten Hälfte von Geraden fehlt es etwas. Ausgezeichnet in der Reifennutzung.
Diese Faktoren entscheiden das Rennen
Nur ein Null-Fehler-Job wird die 24 Stunden von Le Mans 2026 gewinnen. Das Feld ist so eng beisammen, dass es diesmal kaum möglich sein wird, mit einem Problem zu gewinnen, wie den Getriebeproblemen beim AF-Corse-Ferrari #83 im Vorjahr. Zuverlässigkeit und perfekte "Race Execution" sind Grundvoraussetzung für einen Sieg.
Die große Unbekannte wird das Wetter. Nach bewölkten und kühlen Trainings dreht das Wetter pünktlich zum Rennen auf Sommer. Zwar bleibt zwischenzeitlich befürchtete Bullenhitze aus, doch bei strahlendem Sonnenschein wird sich der Asphalt auf bis zum 50 Grad Celsius aufwärmen - 15 bis 20 Grad mehr als in den Trainings und am Testtag.
Eine weitere Unbekannte sind die Reifen. Michelin hat nach dem Vortest den Mindestluftdruck von 2,0 (29) auf 2,1 bar (30,5 PSI) warm angehoben. In den Trainings konnten zwar Testläufe durchgeführt werden, doch bei warmen Bedingungen konnte damit noch keiner testen. Auch bleibt abzuwarten, inwiefern sich die Fahrzeugbalance auf dem heißen Asphalt verändert.
Natürlich rückt damit auch der harte Reifen ins Fenster. Die Überlappungen zwischen den Reifentypen sind relativ groß (O-Ton David Floury: "Man kann relativ wenig falsch machen"), doch der harte Reifen kam in den Trainings kaum zum Einsatz. Es ist ein Schuss ins Blaue.
Mit den Reifen werden Sieg oder Niederlage entschieden werden. Wer gewinnen will, muss Dreifachstints absolvieren. Vierfachstints sind eher unwahrscheinlich.
Und letztlich spielt der Faktor Glück seine Rolle, gerade wenn Safety-Cars im Spiel sein sollten. Je nachdem, wann das letzte Safety-Car reinkommt, kann das Rennen wahlweise ein Sprint werden, in dem es auf Zweikampfstärke, also gute Geradeaus-Performance, ankommt, oder ein echtes Langstreckenrennen, in dem die Reifennutzung entscheidend ist.
Sicher ist nur: So viele Favoriten wie in diesem Jahr hat es selten gegeben. Denn die Abstände sind klein wie nie.
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